8 Tagebuchliteratur vs. „das literarische Tagebuch“

Bisher wurde von einem Begriff von „Tagebuch-Literatur” ausgegangen, der alle Texte umfasst, die den diaristischen Pakt erfüllen: Logbücher, Journale und Aufzeichnungen, ‚echte’ und ‚unehrliche’ Tagebücher (nicht aber fiktive), ‚gewöhnliche’ Tagebücher von literarisch nicht weiter ausgewiesenen Verfassern und eben auch literarische Tagebücher im engeren Sinn. Nun ist die Kategorie des „literarischen Tagebuchs” zweifellos sinnvoll, aber es ist durchaus nicht klar, was darunter im Unterschied zur „Tagebuch-Literatur” im weiteren Sinn genau zu verstehen ist. Kieser (1975: 13) hebt ebenso wie Gräser (1955: 12) den Kunstwillen hervor: „[…] wo ein Schriftsteller das Führen eines Tagebuchs mit bewusstem Gestaltungswillen und unter Berücksichtigung eines Lesepublikums unternimmt”.
Sowohl der „bewusste Gestaltungswille” wie auch die Veröffentlichungsabsicht  sind aber recht diffuse Kategorien (wie soll man das verbindlich feststellen?). Überdies fällt ein so zweifelsfrei „literarisches Tagebuch” wie das Kafkas eigentlich nicht darunter: Es enthält zwar im engeren Sinn literarische Texte, die Tagebuchform selbst ist aber nicht „bewusst gestaltet”, und Kafka wünschte bekanntlich nicht die Veröffentlichung, sondern die Vernichtung. Ebenso fraglich ist, ob das journal intime ausgeschlossen werden kann, das ja in Frankreich durchaus als ästhetisch ernstzunehmende Form gilt.

Zweckmäßiger erscheint es also, den Begriff des „literarischen Tagebuchs” im engeren Sinn ohne jedes ästhetische Werturteil solchen Texten vorzubehalten,

  • die ‚bewusst’ oder ‚unbewusst’ innovative Schreibweisen aufweisen (im Gegensatz zu denen, die in der jeweiligen kulturellen Situation gebräuchlich oder bekannt sind) und/oder
  • die Tagebuchform einsetzen, um sich bestimmten, anders nicht fassbaren Sachverhalte zu nähern,
  • und/oder in denen die Tagebuchform selbst problematisiert und also in diesem Sinn ‚bewusst’ gehandhabt wird (unabhängig davon, ob eine Veröffentlichungsabsicht nachweisbar ist).

Solche Tagebücher könnten grundsätzlich ohne weiteres von literarisch nicht ausgewiesenen Verfassern stammen, tun es aber auffallend selten, soweit ich sehe.  Gemäß dieser Definition fallen also Kafkas Tagebücher unter das „literarische Tagebuch”, ebenso wie Amiels Journal (weil es die damals verfügbare Schreibweise erweitert und zuspitzt), die Tagebücher Thomas Manns und Robert Musils aber nicht, weil hier das diaristische Schreiben nirgends als literarisches Verfahren reflektiert und eingesetzt wird.
Klaus Manns Tagebücher wiederum sind unabhängig von ihrer durchaus zweifelhaften ästhetischen Qualität „literarisch”, weil sie sich (wie praktisch jede schriftliche Äußerung dieses Autors) trotz der konventionellen Form immer als literarischer Text präsentieren und weil die diaristische Form zu einer besonderen Art der Selbstergründung dient. Letzteres hat übrigens nicht notwendig etwas mit der Veröffentlichungsabsicht zu tun. Nicht jedes Tagebuch, dessen Veröffentlichung von einem anderweitig literarisch ausgewiesenen Verfasser autorisiert ist, ist deswegen ein „literarisches Tagebuch”: Die Tagebücher Jüngers und Frischs sind im Sinne der Definition eindeutig „literarisch”, das Tagebuch Reiner Kunzes beispielsweise nicht.

Es fragt sich allerdings, was wirklich gewonnen wird, wenn Tagebuchtexte in ‚literarische’ und ‚nicht-literarische’ eingeteilt werden. Diese Definition wurde also allein um der Klarheit willen vorgeschlagen, weil untaugliche Begriffe des „literarischen Tagebuchs” im Umlauf sind.
Viel entscheidender ist die Definition der „Tagebuch-Literatur” als Textsorte und die Unterscheidung der diaristischen Schreibweisen. Abgrenzungen wie die obigen haben schon deshalb keinen systematischen Wert für die Textanalyse, weil es im Einzelnen schwer zu bestimmen ist, was innovative und was konventionelle Schreibweisen sind. Immerhin veranschaulichen sie das Problem der spezifisch diaristischen Literarität, das weiter unten noch eingehend behandelt wird.

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