14 Paratext

Streng genommen stellt allein schon der Druck und die Veröffentlichung von Tagebüchern den Authentizitätsanspruch in Frage, den die Tagebuchform in Anspruch nehmen. Das bedeutet im Allgemeinen, dass dieser Anspruch durch besondere Signale betont und gesichert werden. Die Tagebuchform beruht also auf dem Paradox, dass die Authentizität des Textes literarisch erzeugt wird.
Dieser prekäre Status des diaristischen Textes zwischen Authentizität und Literarität führt dazu, dass er fast immer nicht für sich selbst steht, sondern in einen komplizierten „Paratext”1 eingebettet ist, der Hinweise auf die angemessene Rezeptionsweise gibt. Meistens bezeichnet bereits der Titel ausdrücklich das Genre – entweder lautet er selbst so ähnlich wie Tagebuch 1946 – 1949 oder „Tabu I. Tagebücher 1989 – 1991” oder dem eigentlichen, ‚poetischen’ Titel wird ein erläuternder Untertitel angefügt, z.B. „Das Gewicht der Welt. Ein Journal (November 1975 – März 1977)”.

Dazu kommt fast immer noch ein Klappentext des Verlags und/oder ein Vor- bzw. Nachwort des Autors, die einerseits die Authentizität des Geschriebenen garantieren und so den diaristischen Pakt ausdrücklich bekräftigen, andererseits das öffentliche Interesse an derartig subjektiven und fragmentarischen Aufzeichnungen begründen. Der Verlag ist im allgemeinen eher bemüht, den literarischen Wert zu betonen und dem Leser eine Art Gebrauchsanweisung zu geben, der Autor erläutert eher den Authentizitätsmaßstab, an den er sich auch bei etwaigen Kürzungen und stilistischen Überarbeitungen gehalten habe und bestimmt so auch den Grad der Literarität, den er für seinen Text beansprucht.

Dem Paratext in allen seinen Varianten kommt in der Tagebuch-Literatur deshalb besondere Bedeutung zu, weil er den möglichst fließenden Übergang zwischen Text und äußerer Wirklichkeit betont, der das wesentliche Charakteristikum der ‚offenen’ Tagebuchform selbst ist. Er gehört so in viel stärkerem Maß dem Text selbst an als es bei betont künstlerischer Literatur der Fall ist. Um den ‚eigentlichen’, maximal ‚authentischen’ Tagebuchtext lagern sich sozusagen mehrere Ringe. Zum einen die Textebenen, die mit dem Namen des Autors verknüpft und in diesem Sinn noch ‚authentisch’ sind: diaristische Reflexionen über die Tagebuchform (oft auf den ersten Seiten als eine Art verstecktes Vorwort), Datierungen und Ortsangaben (die bereits den ‚Rand’ des Textes mit einbeziehen), Einschübe und Nachträge (die dann noch zum diaristischen Text selbst gehören), gegebenenfalls Fußnoten (die bereits außerhalb des diaristischen Textes stehen), das datierte oder undatierte Vor-/Nachwort, der eher nüchterne oder eher ‚poetische’ Titel und schließlich der Autorenname selbst.

Dazu kommen die verlegerischen und in diesem Sinn nicht-authentischen (aber autorisierten) Texte und Zeichen: der eher nüchtern oder eher ‚künstlerisch’ gestaltete Umschlag, der Klappentext, die Reihe, der Verlag selbst. Den äußersten Rand des Textes bilden schließlich die Angaben zu Veröffentlichungsort und -zeitpunkt, die im Extremfall, wenn ein Text keine expliziten Datierungen und Ortsangaben enthält, selbst im weitesten Sinn diaristischen Charakter annehmen können.

Die Bedeutung der äußersten, verlegerischen Ebene des Paratextes wird an einem Buch wie „Das simple Leben” am besten sichtbar, das keine Gattungsbezeichnung trägt und weder einen erläuternden Klappentext noch ein Vor- bzw. Nachwort enthält. Der Paratext besteht in diesem Fall allein aus dem Titel, dem Autorennamen („Sarah Kirsch”), der Verlagsangabe („Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart”), dem Erscheinungsjahr („1994”, übrigens auf der letzten Seite im Kleingedruckten versteckt) und nicht zuletzt aus dem Umschlag, auf dem eine bunte surrealistischen Zeichnung von Christoph W. Aigner abgebildet ist, die Figuren eines Balletts zeigt und den Titel „Wegen Fischlaich verpatzte Premiere / aus Glucklich Werlte” trägt.

Hinzuzufügen wäre noch, dass das Buch in Aufmachung und Druckbild sich in die Reihe der Gedichtbände einfügt, die die Lyrikerin Sarah Kirsch vorher bei diesem Verlag veröffentlicht hat. Es fehlt also nicht nur jedes ausdrückliche Authentizitätssignal im Paratext, sondern es wird umgekehrt eher der ‚künstlerische’ Charakter des Textes betont. Dadurch fällt dem Anfang des Textes die Funktion zu, Genre und Stil des Textes und jene Kodes zu bestimmen, die der konkrete Leser zur adäquaten Rezeption des Textes in seinem Bewusstsein aktivieren. Er  den Ort des ‚impliziten Lesers’ erkennen, den der Text in seinem Fortgang konstruiert. Das ist typisch für die moderne Literatur überhaupt, die tendenziell bestrebt ist, die festen Genres aufzulösen und so den Leser zu aktivieren.

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