3 Paradaigmatische Schreibweisen: Logbuch, Subjektives Journal, Diaristische Aufzeichnungen

Die formale und bewusst allgemeine Definition, die oben gegeben wurde, sagt zweifellos noch wenig aus über die empirische Variantenvielfalt diaristischen Schreibens, an der die Theoretiker der Tagebuchform bislang verzweifelten: Es gibt „journaux intimes”, Diplomatentagebücher, Reisetagebücher, Logbücher, Haushaltsbücher, Werktagebücher, Traumbücher, Gartenbücher, einfache Notizkalender etc. Natürlich wäre es nützlich, wenn man diese Varianten auf einige Grundtypen beziehen könnte. Man muss sich allerdings klarmachen, dass solche typologischen Unterklassen des Tagebuchs immer nur historisch entstandene Funktionen diaristischen Schreibens bezeichnen können und keine ‚reinen’ Idealtypen, auf die bezogen alle realen Tagebuchtexte dann nur mehr oder weniger ‚unreine’ Abweichungen oder Mischformen darstellen (Lejeune 1994: 396 – 402).

Die bisherigen Einteilungen neigen zur Bildung ahistorischer Idealtypen. Michèle Leleu (1953) gibt die klarste Version der gebräuchlichen Dreiteilung der Tagebuch-Literatur: Sie unterscheidet das „historische Tagebuch” (inhaltlicher Schwerpunkt: „acta”), das „dokumentarische Tagebuch” („cogitata”) und das „persönliche Tagebuch” („sentita”).1 Ähnlich ist Kurzrocks (1955) Dreiteilung in ein faktenorientiertes „Notiz-Tagebuch”, ein gedankliches „Reflexions-Tagebuch” und ein „existentielles [d.h. subjektzentriertes und selbstreflexives] Tagebuch”. Just (1966: 27) will dagegen keine Textschablonen konstruieren, sondern idealtypische Funktionen des Tagebuchschreibens erfassen. Als solche nennt er das „Bekennen” und das „Verbuchen” (letzteres entspricht in etwa Leleus erster und dritter Variante).

Solche Einteilungen sind im Prinzip natürlich möglich, aber schon deshalb nichtssagend, weil sie sich mit einem sehr abstrakten Schema zufrieden geben und das Problem damit für gelöst ausgeben. Im Folgenden entwerfe ich daher eine wesentlich komplexere Typologie, die sich zwar in etwa mit der gebräuchlichen Dreiteilung deckt, aber von einer ganz anderen Grundlage ausgeht: Sie orientiert sich an historischen Paradigmen diaristischen Schreibens und zeigt, wie diese mit unterschiedlichen formalen Mitteln ein jeweils unterschiedliches Bild der Welt und des Selbst erzeugen.

Drei solche historisch wirksamen Paradigmen lassen sich unterscheiden, die ich „Logbuch”, „subjektives Journal” und „diaristische Aufzeichnungen” nenne. Die Etiketten sind an sich nicht entscheidend, scheinen mir aber aus folgenden Gründen geeignet zu sein:

Das Logbuch, ursprünglich das nüchterne Tagebuch eines Schiffsführers, registriert den Zustand eines geschlossenen Systems dient (das ein Schiff sein kann, ein Haushalt, ein Garten, ein soziopolitisches System oder auch das psychophysische System des Subjektes selbst).

Die Bezeichnung subjektives Journal ziehe ich gegenüber „journal intime” (oder ‚intimes Journal’) vor, weil mit letzterem eigentlich nur eine historisch und kulturell spezifische Sonderform gemeint ist, nämlich das selbstreflexive französische Tagebuch des 19. Jahrhunderts, das in diesem Sprachraum eine eigene diaristische Tradition begründete. Im deutschsprachigen Raum gibt es kein vergleichbares, in der kulturellen Tradition ähnlich fest verankertes literarisches Muster. Überdies ist der Ausdruck „intim” im Deutschen missverständlich: Wie oben anhand der Tagebüchern Schumanns und Thomas Manns festgestellt wurde, sind keineswegs alle Tagebücher, in denen „intime” Sachverhalte zur Sprache kommen, „intime Journale“.

Die Bezeichnung diaristische Aufzeichnungen leitet sich aus der Beobachtung ab, dass sich insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fragmentarische bzw. epigrammatische Texte häufen, die eine (oft allerdings nur entfernt angedeutete) diaristische Struktur aufweisen und dies gern mit dem Untertitel „Aufzeichnungen” ausdrücken (z.B. von Canetti). Natürlich sind nicht alle Texte, die ich als „diaristische Aufzeichnungen” auffasse, auch so betitelt, und umgekehrt gibt es gerade in den letzten fünfzehn Jahren zahlreiche Texte, die „Aufzeichnungen” betitelt sind, aber keine echte diaristische Struktur im Sinne der oben gegebenen Definition mehr haben (obwohl dann wenigstens der Titel immer noch von fern auf eine solche Struktur anspielt).

Natürlich überschneiden und überlagern sich diese diaristischen Paradigmen normalerweise in konkreten Tagebuchtexten. Ich denke aber zeigen zu können, dass sich die Teiltexte (bzw. deren Abschnitte) sich auch dann ohne Willkür voneinander isolieren und nach formalen und inhaltlichen Kennzeichen den verschiedenen diaristischen Weltbildern und Schreibweisen zuordnen lassen. Das bedeutet aber auch, dass es mit der Einteilung und den Bezeichnungen nicht getan ist. Erst anhand konkreter Beispiele und der Schwierigkeiten, die sie aufwerfen, gewinnen die Typen diaristischen Schreibens jene Komplexität, ohne die sie leere Begriffshüllen bleiben.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.