11 Offenheit

Das Tagebuch, das obligatorisch auf eine ‚eigentliche Wirklichkeit hinter dem Text’ verweist, strebt in erheblich geringerem Maß als andere Textsorten thematische und semantische Geschlossenheit an. Das schlägt sich am auffälligsten in seiner Prozessualität nieder: Das Tagebuch gilt deshalb als „offene” literarische Form, weil jede Eintragung theoretisch immer durch die jeweils nächste widerlegt werden kann (vgl. Jurgensen 1979: 272; Boerner 1969: 11). Anders als in einem Text, der von seinem Ende her konzipiert und durchstrukturiert ist, kann der Sinnhorizont, den der ‚Ureintrag’ repräsentiert, sich von einem Tag auf den anderen einschneidend verändern und im Extremfall völlig zusammenbrechen.
Äußerliches Zeichen dieser ‚Offenheit’ ist das Fehlen eines eindeutigen Anfangs und Endes.

Allerdings erscheint diese diaristische ‚Offenheit’, wie gezeigt wurde, bei näherem Hinsehen doch wieder stark relativiert. So gut wie alle Tagebücher beziehen sich inhaltlich und sprachlich auf ein Weltbild, das in so gut wie allen Fällen erstaunlich stabil ist, nur liefern sie in der Regel weder einen einigermaßen repräsentativen und in sich geschlossenen Ausschnitt der vorausgesetzten ‚wirklichen Welt’ (wie ein thematisch zugespitzter Gebrauchstext) noch eine autonome, in sich geschlossene Text- und Sprachwelt (wie im engeren Sinn literarische Texte). Der Eindruck der ‚Offenheit’ entsteht weniger aus dramatischen Verschiebungen im Sinngefüge als durch die fragmentarische und prozessuale Form. Größere Zusammenhänge werden nur angedeutet, Tage, Wochen, im Extremfall Jahre schrumpfen auf wenige Sätze zusammen, grammatisch verkürzte oder abgebrochene Sätze signalisieren das Spontane und Provisorische des Notats.

So gibt es in einzelnen Tagebüchern sehr unterschiedliche Grade von ‚Offenheit’. Den Extremfall eines geschlossenen diaristischen Systems bildet etwa Thomas Manns Logbuch: Es ist zeitlich (fast) lückenlos, der ‚ganze Tag’ wird jeweils mittels eines immer gleichen Rasters von ‚Checkpunkten’ aufgenommen und auch die sprachliche Bandbreite ist eher gering. Auch eine strenge thematische Begrenzung, die dann dem Tagebuch einen Anfang und ein Ende verleiht, erweckt den Eindruck von ‚Geschlossenheit’ (etwa bei Reise- oder Krankheitstagebüchern).
Für das andere Extrem können etwa die Tagebücher von Wühr (1987) und Rühmkorf (1995) stehen. Ein Tagebuchtext wirkt um so ‚offener’, je zeitlich lückenhafter er ist, je größer die thematische und sprachliche Variation und je geringer die strukturelle Ähnlichkeit der Einträge untereinander bzw. überhaupt die semantische Dichte und Kohärenz ist. Auch das ‚offenste’ Tagebuch stellt aber, bewusst oder nicht, der normalen Ordnung der Dinge eine eigene, nur eben undeutliche und fragmentarische Ordnung entgegen.

Zumindest idealtypisch kann man so konventionelle Tagebücher und im emphatischen Sinn ‚moderne’ Tagebücher unterscheiden – bei jenen steht die konstruktive Bemühung um eine geschlossene Ordnung im Vordergrund, bei diesen das Bestreben, die ‚objektive’ Ordnung der Normalwelt zu zerschlagen und in eine ‚offenere’ Struktur zu überführen, die der Subjektivität und der Eigendynamik des Textes mehr Raum gibt.

An sich kann man aber jedes Tagebuch unter beiden Gesichtspunkten betrachten: Auf der einen Seite steht dann die weniger gezügelte Sprache und der fragmentarische Charakter, Indiz einer komplexeren und farbigeren Wirklichkeit, die den Horizont ‚geschlossener’ Normaltexte sprengt. Auf der anderen Seite projiziert jeder diaristische Text ein mehr oder weniger strenges Ordnungsraster in diese zugleich oberflächliche und unerschöpfliche Wirklichkeit. Einzelne Elemente werden ausgewählt und auf vergleichsweise scharf begrenzte und ‚sinnvolle’ Begriffe gebracht. Diese beiden Funktionen des Tagebuchs decken sich im normalsprachlichen Gebrauch in etwa mit dem Gegensatz ‚Literarität’ / ‘Authentizität’: Je stärker ein Text das konventionelle Weltbild und das konventionelle Sprachsystem verfremdet und ‚öffnet’, desto mehr erscheint er als ‚literarisch’. Umgekehrt wirkt er um so ‚authentischer’, je weniger einem kulturellen Normalleser der Übersetzungsprozess der ‚Welt-wie-sie-ist’ in den Text ins Auge fällt.

Die Tagebuch-Literatur rückt indes allein schon durch ihre Form diesen Übersetzungsprozess selbst in den Fokus des Textes. Explizit oder implizit hat sie es immer mit dem besonders zugespitzten Problem der Abgrenzung von Authentizität und Literarität zu tun. Aus diesem Grund eignet sie sich besonders für das ‚subversive’ Bemühen der spätmodernen Literatur, das herkömmliche Weltbild in Frage zu stellen und durch ein eigenständiges ‚literarisches’ Weltbild zu ersetzen. Dabei wird dann einerseits die normale ‚Authentizität’ als ideologisch-literarische Konstruktion entlarvt und andererseits ‚Literarität’ im emphatischen Sinn gleichgesetzt mit emphatischer ‚Authentizität’.

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