Offenheit I: Die Bombe, die Sintflut

Auf diesem Flug „einer Gruppe von Malern und Schriftstellern” überwindet das Tagebuch-Ich nicht nur vorübergehend selbst die Grenzen des „geschlossenen” menschlichen Raumes, es phantasiert auch ein gewaltsames Aufbrechen der erstarrten Zivilisation:

Über einem Städtchen, das wie unsere architektonischen Modelle anzusehen ist, entdeckte ich unwillkürlich, dass ich durchaus imstande wäre, Bomben abzuwerfen. Es braucht nicht einmal eine vaterländische Wut, nicht einmal eine jahrelange Verhetzung; es genügt ein Bahnhöflein, eine Fabrik mit vielen Schloten, ein Dampferchen am Steg; es juckt einen, eine Reihe von schwarzen und braunen Fontänen hineinzustreuen, und schon ist man weg […] (48f.)

Dem entspricht die „grundsätzliche Freude”, die 1946 der erste Atombombentest auf dem Bikini-Atoll auslöst (im Gegensatz zum Ernstfall in Hiroshima). Vor dem erstarrten Gleichgewicht des Schreckens wird die Atombombe noch als ein Instrument der „Öffnung” verstanden, das die Zivilisation selbst hervorgebracht hat:

Die Sintflut wird herstellbar. Das ist das Großartige. […] am Ende unseres Fortschrittes stehen wir da, wo Adam und Eva gestanden haben; es bleibt uns nur noch die sittliche Frage. […] es ist das erfrischende Wachsein eines Wandrers, der sich plötzlich an einer klaren und deutlichen Wegkreuzung sieht, das Bewusstsein, das wir uns entscheiden müssen […] (63)

20 Jahre später sieht das bei Marie Luise Kaschnitz bereits anders aus – die Atombombe erscheint nun nicht mehr als sintflutähnliche „mythische Todesdrohung”, die den Menschen zur Besinnung auf das Wesentliche zwingt, sondern als „berechenbare Wirklichkeit” ([1968]: 24), d.h. aber als Teil der „geschlossenen” Ordnung.

Frisch will natürlich nicht wirklich Schweizer Städte durch Bomben zerstören. Hier handelt es sich, wie auch bei seiner „Freude” über die Atombombe, um ein Gedankenspiel, das den engen Horizont des falschen Lebens sprengt. Solche „öffnenden” Gedankenspiele, die um gewaltsame bzw. katastrophische Duchbrüche kreisen, machen einen großen und vielleicht den wesentlichen Teil des Tagebuchs 1946 – 1949 aus. Der entscheidende Unterschied zur klassischen Moderne und ihren zahlreichen visionären Beschwörungen des Untergangs der bürgerlichen Welt liegt dabei darin, dass es sich bei Frisch eben um bewusst literarische Spiele handelt, die auf nichts anderes als auf sich selbst verweisen (bzw. auf das Subjekt, das sie hervorbringt). Hier geht es um „Offenheit” an sich, nicht mehr um eine objektive mythisch-metaphysische Tiefe des Lebens, die sich im Augenblick des krisenhaften Zusammenbruchs öffnet bzw. durch den literarischen Seher/Propheten offenbart wird.

Aggressive Denkbilder, nicht eigentlich Wiedergabe objektiver Wirklichkeit, sind bei näherem Hinsehen auch die literarisch ausgefeilten Passagen, in denen Naturkräfte das Unsichere der zivilisierten Menschenwelt offenbaren. Insgesamt werden drei Überschwemmungen beschrieben, nicht gerechnet einen Überschwemmungstraum (31f.), die dem Tagebuch-Ich das Gefühl von „ein bißchen Sintflut” (383, auch 63) verschaffen. Es entsteht eine „gewisse Wonne der Panik, alle Schranken werden fraglich, das Unsichere wird offenbar, das Abenteuer zu leben” (182f.). Das „offene Meer” (251) ist dabei wie das Wasser überhaupt eine Chiffre für „Offenheit” schlechthin: „Am Wasser aber fühle ich mich frei, und alles, was auf dem Land sich tut, liegt hinter mir und nicht auf meinem Weg […]” (68).

Der Abschnitt Hamburg, September 1949 führt in einem literarisch verdichteten Bild vor, wie diese semantische Struktur das ’authentische’ Erleben überlagert. Beschrieben wird die Rückkehr eines Bootes von der „offenen See”, das in den Hamburger Hafen einfährt, den eine andere Stelle (409) als Sinnbild der wuchernden Zivilisation schlechthin identifiziert:

[…] Baggerschiffe, eine schwimmende Ruine aus Rost, Yachten, blank und spielerisch, Takelwerk, Fabriken dahinter und Schuppen ohne Zahl, Schlote, Gasometer, alles hat die gleiche verölte Schwärze, ob Eisen oder Stein oder Holz – Menschenwelt […] (399)

Der solchermaßen zunehmend verengte Blick öffnet aber sich gleich darauf wieder durch ein heftiges Gewitter, das die innere Brüchigkeit dieser „Menschenwelt” entlarvt:

[…] nebenan die Ruine einer Villa, im Nächtlichen schimmernd wie andere Villen; dann aber, sooft ein Blitz sie durchzuckt, sieht man, dass sie keine Stockwerke mehr hat, und die Fassade erscheint wie eine schwarze Larve; dazu das übermütige Gurgeln aus einer überlaufenden Dachtraufe. (400)

Die häufigen apokalyptischen Naturszenen des Tagebuchs 1946 – 1949, zu denen auch noch ein Lawinenabgang gehört (150), sind des metaphysischen Inhalts entleert, den sie etwa in Texten des Expressionismus oder der „modernen Klassik“ der dreißiger Jahre noch besessen hätten. Beim „Sintflut”-Topos handelt es sich, wie etwa auch bei den redundanten Begriffen „Verwandlung” und „Geheimnis”, um semantische Reste, die nur noch scheinbar auf ein metaphysisches Weltbild verweisen. Dieses ‚objektive’ Fundament aber ist, anders als noch in den Blättern aus dem Brotsack, weggebrochen. Als solche Reste gehören sie aber noch zu dem, was Adorno später als „Jargon der Eigentlichkeit” zu Recht kritisierte. Sie dienen dazu, die schonungslose Analyse der Situation des „modernen Subjekts”, das sich nun ohne jeden metaphysischen Halt auf sich zurückgeworfen findet, sozusagen als die Leerstelle im Zentrum der Welt pseudometaphysisch zu überhöhen.

Folgerichtig fehlen solche Begriffe dann im zweiten, eindeutig neomodernistischen Tagebuch Frischs ganz, ebenso wie die bedeutungsvollen Naturtableaus. Eine ähnliche Entwicklung vollzieht Kaschnitz zwischen dem ersten Tagebuch Engelsbrücke (1955) zu Tage, Tage, Jahre (1968), wobei aber das erstere eindeutig noch die Tagebuch-Literatur der 30er Jahre fortsetzt und die Position des zweiten in etwa der von Frischs Tagebuch 1946 – 1949 entspricht.

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