Nullpunkt der Existenz, Nullpunkt des Schreibens

1939 erschien Sartres Tagebuchroman Der Ekel, der die neue existentialistische Krisen-Erfahrung beschreibt, und 1942 dann Camus’ bahnbrechender Essay Der Mythos von Sisyphos, der auch im Nachkriegsdeutschland großen Einfluss ausübte. Sartre und Camus gehen dabei aus von deutschen Theorien, die noch der klassischen Moderne zuzurechnen sind: Husserls Phänomenologie und Heideggers Existenzphilosophie. Sie distanzieren sich aber jeweils dann, wenn diese „aus den nihilistischen Befunden ins Religiöse und Abstrakt-Ewige ausweichen” (Zeltner 1980: 12). Der Mensch in der existentiellen Krise „entschließt sich zu sich selbst“, er kommt nicht mehr in Kontakt mit überindividuellen, vitalen und/oder spirituellen Energien des „Lebens”/„Seins”, die ihm eine „Wandlung” und daraufhin den emphatischen Wiedereintritt in die Lebenspraxis ermöglichen.

Erst jetzt ist das Subjekt wirklich nicht mehr aufgehoben in überindividuellen Sinnzusammenhängen, die eben nicht ein atavistischer Rest ‚vormodernen’ Denkens sind, sondern auch noch die Voraussetzung der klassisch-modernen Kritik am herkömmlichen Subjektbegriff (z.B. bei Döblin oder in Hofmannsthals berühmtem Brief des Lord Chandos; vgl. Saße 1987: 211).

Gleichzeitig – und zuerst unabhängig vom literarisch eher konventionellen Existentialismus – vollzieht sich aber auch ein poetologischer Paradigmenwechsel, der sich vielleicht am deutlichsten an der Neuentdeckung Valérys, Mallarmés und Kafkas (als formalen Avantgardisten) festmachen lässt. So wie der Existentialismus die Denkfigur des „Subjekts in der Krise” aus dem ursprünglich metaphysischen und utopischen Kontext der klassischen Moderne herauslöst, so tritt allmählich ein neuer, formalistischer „Neoavantgardismus” (Bürger 1974) an die Stelle der utopiegläubigen klassischen Avantgarden, deren letzte der französische Surrealismus gewesen war.

So wie das Ich nun, ohne die Sicherheit eines objektiven Sinns, gänzlich auf sich selbst zurückgeworfen ist, so redet auch die Literatur nicht mehr vom „Leben” oder vom „Sein”, sondern verweist nur noch auf sich selbst, auf „die Poesie” bzw. „die Sprache”. In letzter Konsequenz hat sie keinen Gegenstand mehr als das in sich gekehrte, allen Zusammenhängen entfremdete Subjekt bzw. den Akt des Schreibens selbst, der für dieses Subjekt den letzten Rest von Transzendenz in einer entzauberten Welt verkörpert. Eben das ist die Botschaft von Roland Barthes’ Le Degré zéro de l’Écriture (1953, dt. 1959).

Das führt zu einer neuen Relevanz der Tagebuch-Literatur. Bereits Sartres Der Ekel ist als fiktives Tagebuch angelegt, als Dokument einer totalen Existenz- und Sprachkrise, die am Ende aber eben in den Entschluss des Protagonisten mündet, ein anderes Buch, ein Buch neuer Art zu schreiben, und eben nicht in mehr in einen emphatischen Wiedereintritt in das „Leben”/„Sein” (sei es in Gestalt einer konkreten neuen Lebensform oder als Fluchtpunkt am utopischen Horizont).

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