22 Neomodernistische Subjektivitätskritik

Zurück zur Erörterung des „Subjektivitäts”-Problems. Von den Konzeptionen von „Subjektivität“, die in historischen Aussagen implizit enthalten sind und eigentlich erst in der Distanz des Historikers und Textanalytikers greifbare Gestalt gewinnen, sind die Begriffe von „Subjektivität” zu unterscheiden, die es in der historischen Praxis gibt. Sie sind so zahlreich wie die Entäußerungsformen, die historische Individuen als Zeichen der eigenen Subjektivität anerkennen bzw. gerade nicht mehr anerkennen.

Klassische Beispiele für den letzteren Fall sind das sexuelle Begehren, die psychische Dimension der Träume, die Disposition zur Gewalt. Die Formel dazu würde lauten: „Das bin nicht ‚ich’, der da begehrt, träumt, foltert.” Dem liegt die letztlich philosophische Frage zugrunde, was unter einer subjektiven Entäußerung (im Gegensatz zu einer ‚animalischen’, ‚verrückten’ oder auch teuflisch inspirierten) zu verstehen sei: nur transitive Akte (wie die Arbeit, das Denken oder das Schreiben) oder auch intransitive Akte (wie das emotionale oder körperliche Fühlen).

Auch wenn man in diesem Zusammenhang gern den Begriff „Subjekt” selbst mit souveräner und rationaler („bürgerlicher”) Subjektivität identifiziert, wird dieser kulturgeschichtlich bedeutsame Unterschied im folgenden lediglich als eine Differenz zwischen zwei idealtypischen Subjektivitätsbegriffen behandelt, die von Anfang an, seit der Aufklärung, sich gegenüberstehen. Wenn etwa Barthes (1974: 92) sagt, er finde im Erlebnis der Lust nicht die (cartesianische) „Subjektivität” wieder, sondern seine (körperliche) „Individualität”, vertritt er demnach nur einen anderen (vor allem in der Literatur populären) Subjektivitätsbegriff, der entgegen der theoretisch dominierenden Tradition die unwillkürliche sinnliche Entäußerung als Ursprung des Bei-sich-Seins begreift, wobei das Selbst dann eben als offene, ekstatische Größe verstanden wird.

Von solchen theoretischen Konstruktionen muss dann jeweils die kulturell gelebte/praktizierte Subjektivität unterschieden werden: Barthes ist natürlich ein Intellektueller, der sich wesentlich als jemand begreift, der kluge und elegante Sätze schreibt. Umgekehrt waren ‚die christliche Kultur’ bzw. ‚die bürgerliche Kultur’ (die beide als solche geschlossenen Größen ohnehin nie existiert haben und also in den Plural gesetzt werden müssten) bei weitem nicht so konsequent ‚logozentrisch’ und ‚lustfeindlich’, wie gerne, dann selbst unreflektiert in Logozentrik verfallend, behauptet wird.

Barthes’ Subjektkritik ist gerade für die moderne Literatur nach 1950 folgenreich, d.h. aber, sie gehört wie auch Foucaults Theorien zum Objektbereich dieser Untersuchung: Sie steht dann für den ‚postmodernen’ Strang, der im Gegensatz zum ‚spätmodernen’ Defaitismus etwa Adornos den Tod des ‚bürgerlichen Subjekts’, seine Auflösung in den entfremdenden Zivilisationsstrukturen, als Chance zu begreifen versucht.  Beide Positionen stehen sich aber keineswegs so unversöhnlich gegenüber, wie es scheint: Gerade auch für die literarische Praxis ist es typisch, dass sie teils nebeneinander bestehen und teils ineinander umschlagen. Das obige Barthes-Zitat stammt aus „Le Désir du Texte” (1971), aber schon 1953 veröffentlichte er mit „Le Degré zéro de l’Écriture” das Manifest einer neuen (Prosa-)Literatur, die die Konsequenzen aus der gesamten ästhetischen Moderne ziehen soll. Diese Literaturkonzeption gewinnt dann nach 1960 auch im deutschsprachigen Raum an Einfluss.

Die vorangegangene existentialistische Subjektphilosophie ist dabei in Frankreich wie im deutschem Sprachraum der Gegner dieser ‚neuen Literatur’, soweit sie nämlich die Literatur auf außerliterarische Werte beziehen will (Sartres unliterarischer Begriff von ‘Engagement’, Camus’ negative Metaphysik). Zugleich lieferten die beiden Wortführer aber auch zwei einflussreiche literarische Vorläufertexte (Camus’ „Der Fremde”, partiell Sartres „Der Ekel”). Und zur selben Zeit wie diese ‚neue Literatur’ entstehen in Frankreich weitere, auch für die neueste Geschichte der deutschsprachigen Literatur teilweise folgenreiche und jedenfalls repräsentative Subjekttheorien, die den Existentialismus durch einen linguistic turn überwinden wollen. Das humanistische „Subjekt” als verantwortliche Urheber seiner Sprech- und Handlungsakte, an dem der Existentialismus trotz aller Subjektkritik im Kern festhielt, wird nun (wenn auch häufig auf recht metaphorische Weise) als sprachliche Funktion ‚dekonstruiert’ und in ‚Subjektstellen’ aufgelöst, von denen es so viele gibt, wie verschiedene Aussagetypen existieren. Lacan wird bekannt, Foucault und Derrida beginnen zu publizieren.

Im deutschsprachigen Kulturraum aber stößt die ‚neue Literatur’ der Nouveau Romanciers nicht nur auf die im weiteren Sinn existenzphilosophischen Subjekttheorien (von Heidegger über Jaspers bis zu Gehlens ‚philosophischer Anthropologie’), die nach 1950 von ‚modernen’ Autoren mit dem auch literarisch radikaleren französischen Existentialismus verschmolzen werden, sondern außerdem auf einen zweiten hermeneutischen Traditionsstrang: die späte „Kritische Theorie”, die mehr oder weniger ausdrücklich ebenfalls eine Theorie moderner Subjektivität mit einer Theorie moderner Kunst und Literatur verbindet. Diese dreifache Konstellation – existentialistische Hermeneutik, Kritische Theorie und im weiteren Sinn linguistisch argumentierender Modernismus – bestimmt nun im deutschsprachigen Raum bis heute das Feld, auf dem der literarische Diskurs über „das Subjekt” ausgetragen wird.

Es wäre nun natürlich ein vermessenes Unterfangen, diese durchwegs äußerst komplexen philosophischen Theorien über das Wesen von „Subjektivität” als historische Phänomene darzustellen und zu analysieren, obwohl das zugegebenermaßen eine logische Konsequenz dieser Untersuchung wäre, die sich prinzipiell auf die Analyse von literarischen Texten beschränkt. Diese Einschränkung hat m.E. aber auch eine positive Seite: In mancher Hinsicht vermitteln die literarischen Texte ein zutreffenderes und komplexeres Bild dessen, wie in diesem Zeitraum „Subjektivität” praktisch gedacht (d.h. eben nicht nur: theoretisch konzipiert) wird. Vor allem entfällt hier der Anspruch auf ein bestimmtes Abstraktionsniveau und auf logische Widerspruchsfreiheit: In literarischen Texten und v.a. in den Texten der Tagebuch-Literatur) überschneiden sich bewusst formulierte und mehr oder weniger unbewusst schreibend praktizierte Subjektkonzeptionen. Für die Literatur ist daher auch weniger die theoretisch ‚reine’ Form der philosophischen Theorien bedeutsam, als vielmehr ihre quasi ‘populärwissenschaftliche’ Form.

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