32 Nachgeholte „Moderne”?

Wie aber kann diese Epoche sinnvoll abgegrenzt und benannt werden? Ohne sich darüber allzu klar zu äußern, geht die Literaturwissenschaft bislang (Stand 1998) davon aus, dass es sich bei der Literatur seit 1950 um eine neue Teilphase der „ästhetischen Moderne” im Sinne Emmerichs (1988: 196) handelt, also eben nicht um eine eigenständige Epoche im hier gebrauchten Sinn. Der gemeinsame Nenner dieser ästhetischen Moderne sei die „mit künstlerischen Mitteln vollzogenen Anverwandlung der allgemeinen Moderne […] in der Phase des Bewusstseins ihrer immanenten Pathologie”. Entsprechend mache eine in diesem Sinn ‚moderne’ Literatur „das im gesellschaftlichen Prozess der Modernisierung […] Verlorene, Entzogene und Verdrängte zum Thema” und stelle eine „Reflexion subjektiver Geltungsansprüche unter dem unwiderruflichen Vorzeichen des Identitätsverlusts” dar (ebd.; ähnlich die Definition von Scherpe 1992).

Für die deutschsprachige Literatur nach 1950 (die deutschschweizerische Literatur müsste man bereits ausklammern) könnte man demnach nur deshalb von einer Epochenschwelle im starken Sinn sprechen, weil hier die Kontinuität dieser ästhetischen Moderne zuvor durch die nationalsozialistische Herrschaft unterbrochen war. In diesem Sinn würde es sich bei der „modernen“ Literatur der 50er Jahre um eine „neuerliche Moderne” (Emmerich) bzw. um eine „nachgeholte”, „verspätete” und  „rekonstruierte Moderne” (Scherpe) handeln, die dann seit den 60er Jahren, als der internationale Standard wieder erreicht ist, in eine internationale  „Spätmoderne” übergeht. Sofern noch eine „Postmoderne” angenommen wird, lässt man diese frühestens Mitte der 60er Jahre einsetzen und üblicherweise seit den 80er Jahren kulminieren.

Sofern mit diesem großen Begriff von „Moderne“, den Emmerich und Scherpe verwenden, überhaupt so etwas wie eine identifizierbare „Epoche“ gemeint ist, ist diese jedenfalls auf einer ganz anderen Abstraktionsebene angesiedelt als es in der vorliegenden Untersuchung der Fall ist. Erstens ist diese „ästhetische Moderne“, von der ja die „literarische Moderne“ nur einen Sonderfall darstellen soll, historisch und kulturell kaum mehr spezifiziert: Sie umfasst die Literatur von Baudelaire und Stefan George bis heute, denn auch die „Postmoderne“ stellt ja, wie Welsch (1994) überzeugend darlegt, lediglich eine Spielart dieser internationalen Meta-Epoche dar.

Zweitens handelt es sich primär ja auch gar nicht um einen historisch-analytisch, sondern um einen letztlich philosophisch-wertend gebrauchten Begriff, wie sich ja bereits daran zeigt, dass es sich bei der deutschen Literatur der Nazizeit und in der DDR-Literatur der 50er Jahre um Rückfälle in die „Vormoderne“ gehandelt haben soll. Dem liegt ein ästhetisches Urteil darüber zugrunde, welche ästhetischen Inhalte und Formen der Entwicklung der allgemeinen gesellschaftlich-kulturellen „Moderne“ angemessen sind und welche nicht.

Solche Wertungsfragen möchte ich ausklammern – nicht deshalb, weil ich sie für sinnlos oder unzulässig halte, sondern weil es mir darum geht, zur weiteren Klärung der Voraussetzungen für eine solche ästhetisch wertende Diskussion beizutragen. Wenn im Folgenden also allgemein von „der Moderne“ die Rede ist, dann ist damit immer ein objektsprachlicher, näher zu spezifizierender Begriff gemeint: z.B. was in der ‚neuen’ deutschsprachigen Literatur der 50er Jahre unter der Literatur der ‚Moderne’ verstanden wurde, von der man sich abgeschnitten fühlte und an die wieder anzuschließen man bestrebt war. (Vgl. hierzu v.a. auch den bereits zitierten Aufsatz  „Abschied von der Moderne”; Michel 1988).

Wenn dagegen die deutschsprachige Literatur zwischen ca. 1890 und 1950 gemeint ist, wird im Folgenden der zwar nicht eindeutig definierte, inzwischen aber eingebürgerte und durchaus aussagekräftige Begriff „Klassische Moderne“ gebraucht, der dann allerdings dann auch im ästhetisch wertenden Sinn Emmerichs durchaus auch „vormoderne“ Inhalte und Schreibweisen mit einschließt (vgl. hierzu v.a. Schaefer 1984 und auch Lindner 1994). Der konservativ-völkische Nazi und Biologist Kolbenheyer etwa wäre der deutschsprachigen Klassischen Moderne nicht weniger zuzurechnen als Kafka und Thomas Mann. Nach spätestens 1960 kann aber im Prinzip nicht mehr von einer Klassischen Moderne die Rede sein, auch wenn es natürlich Autoren geben mag, die (wie Ernst Jünger) im völlig neuen literaturhistorischen Kontext an ihrem alten Paradigma festhalten. Die dabei sich ergebenden komplizierten Interferenzen zwischen Textproduktion und Textrezeption wären dann eigens zu rekonstruieren.

Wenn man den Begriff der Klassischen Moderne einerseits so ausweitet, dass innerhalb des Zeitraums 1890 – 1950 kaum ein Autor sinnvoll ausgeschlossen werden kann, ihn andererseits aber stark dadurch einengt, dass jedenfalls neu erscheinende Autoren nach etwa 1955 dieser Epoche nicht mehr zugerechnet werden,  stellt sich natürlich die prekäre Frage, mit welchem Etikett man den darauf folgende literaturgeschichtlichen Abschnitt zweckmäßig bezeichnen soll. Denn dass sich auch die Literatur dieses Zeitraums als im emphatischen Sinn „modern” versteht, ist offensichtlich. Um welche „Moderne(n)“ handelt es sich also im Zeitraum von 1950 bis 1990/2000?

Nachgeholte Moderne?

Wie aber kann diese Epoche sinnvoll abgegrenzt und benannt werden? Ohne sich darüber allzu klar zu äußern, geht die Literaturwissenschaft bislang (Stand 1998) davon aus, dass es sich bei der Literatur seit 1950 um eine neue Teilphase der „ästhetischen Moderne” im Sinne Emmerichs (1988: 196) handelt, also eben nicht um eine eigenständige Epoche im hier gebrauchten Sinn.

Der gemeinsame Nenner dieser ästhetischen Moderne sei die „mit künstlerischen Mitteln vollzogenen Anverwandlung der allgemeinen Moderne […] in der Phase des Bewusstseins ihrer immanenten Pathologie”. Entsprechend mache eine in diesem Sinn ‚moderne’ Literatur „das im gesellschaftlichen Prozess der Modernisierung […] Verlorene, Entzogene und Verdrängte zum Thema” und stelle eine „Reflexion subjektiver Geltungsansprüche unter dem unwiderruflichen Vorzeichen des Identitätsverlusts” dar (ebd.; ähnlich die Definition von Scherpe 1992).

Für die deutschsprachige Literatur nach 1950 (die deutschschweizerische Literatur müsste man bereits ausklammern) könnte man demnach nur deshalb von einer Epochenschwelle im starken Sinn sprechen, weil hier die Kontinuität dieser ästhetischen Moderne zuvor durch die nationalsozialistische Herrschaft unterbrochen war. In diesem Sinn würde es sich bei der „modernen“ Literatur der 50er Jahre um eine „neuerliche Moderne” (Emmerich) bzw. um eine „nachgeholte”, „verspätete” und „rekonstruierte Moderne” (Scherpe) handeln, die dann seit den 60er Jahren, als der internationale Standard wieder erreicht ist, in eine internationale „Spätmoderne” übergeht. Sofern noch eine „Postmoderne” angenommen wird, lässt man diese frühestens Mitte der 60er Jahre einsetzen und üblicherweise seit den 80er Jahren kulminieren.

Sofern mit diesem großen Begriff von „Moderne“, den Emmerich und Scherpe verwenden, überhaupt so etwas wie eine identifizierbare „Epoche“ gemeint ist, ist diese jedenfalls auf einer ganz anderen Abstraktionsebene angesiedelt als es in der vorliegenden Untersuchung der Fall ist.

Erstens ist diese „ästhetische Moderne“, von der ja die „literarische Moderne“ nur einen Sonderfall darstellen soll, historisch und kulturell kaum mehr spezifiziert: Sie umfasst die Literatur von Baudelaire und Stefan George bis heute, denn auch die „Postmoderne“ stellt ja, wie Welsch (1994) überzeugend darlegt, lediglich eine Spielart dieser internationalen Meta-Epoche dar.

Zweitens handelt es sich primär ja auch gar nicht um einen historisch-analytisch, sondern um einen letztlich philosophisch-wertend gebrauchten Begriff, wie sich ja bereits daran zeigt, dass es sich bei der deutschen Literatur der Nazizeit und in der DDR-Literatur der 50er Jahre um Rückfälle in die „Vormoderne“ gehandelt haben soll. Dem liegt ein ästhetisches Urteil darüber zugrunde, welche ästhetischen Inhalte und Formen der Entwicklung der allgemeinen gesellschaftlich-kulturellen „Moderne“ angemessen sind und welche nicht.

Solche Wertungsfragen möchte ich ausklammern – nicht deshalb, weil ich sie für sinnlos oder unzulässig halte, sondern weil es mir darum geht, zur weiteren Klärung der Voraussetzungen für eine solche ästhetisch wertende Diskussion beizutragen.

Wenn im Folgenden also allgemein von „der Moderne“ die Rede ist, dann ist damit immer ein objektsprachlicher, näher zu spezifizierender Begriff gemeint: z.B. was in der ‚neuen’ deutschsprachigen Literatur der 50er Jahre unter der Literatur der ‚Moderne’ verstanden wurde, von der man sich abgeschnitten fühlte und an die wieder anzuschließen man bestrebt war. (Vgl. hierzu v.a. auch den bereits zitierten Aufsatz „Abschied von der Moderne”; Michel 1988).

Wenn dagegen die deutschsprachige Literatur zwischen ca. 1890 und 1950 gemeint ist, wird im Folgenden der zwar nicht eindeutig definierte, inzwischen aber eingebürgerte und durchaus aussagekräftige Begriff „Klassische Moderne“ gebraucht, der dann allerdings dann auch im ästhetisch wertenden Sinn Emmerichs durchaus auch „vormoderne“ Inhalte und Schreibweisen mit einschließt (vgl. hierzu v.a. Schaefer 1984 und auch Lindner 1994). Der Nazi und Biologist Kolbenheyer etwa wäre der deutschsprachigen Klassischen Moderne nicht weniger zuzurechnen als Kafka und Thomas Mann. Nach spätestens 1960 kann aber im Prinzip nicht mehr von einer Klassischen Moderne die Rede sein, auch wenn es natürlich Autoren geben mag, die (wie Ernst Jünger) im völlig neuen literaturhistorischen Kontext an ihrem alten Paradigma festhalten. Die dabei sich ergebenden komplizierten Interferenzen zwischen Textproduktion und Textrezeption wären dann eigens zu rekonstruieren.

Wenn man den Begriff der Klassischen Moderne einerseits so ausweitet, dass innerhalb des Zeitraums 1890 – 1950 kaum ein Autor sinnvoll ausgeschlossen werden kann, ihn andererseits aber stark dadurch einengt, dass jedenfalls neu erscheinende Autoren nach etwa 1955 dieser Epoche nicht mehr zugerechnet werden, stellt sich natürlich die prekäre Frage, mit welchem Etikett man den darauf folgende literaturgeschichtlichen Abschnitt zweckmäßig bezeichnen soll. Denn dass sich auch die Literatur dieses Zeitraums als im emphatischen Sinn „modern” versteht, ist offensichtlich. Um welche „Moderne(n)“ handelt es sich also im Zeitraum von 1950 bis 1990/2000?

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