35 Nachbemerkung II: Zur Abgrenzung des Korpus und zum Aufbau der Untersuchung

Im Folgenden soll es um die „Tagebuch-Literatur seit 1950“ in einem dreifachen Sinn gehen: um Tagebuchtexte nämlich, die
(1) nach 1950 erschienen sind;
(2) den Zeitraum nach dem Krieg behandeln;
(3) von Autoren stammen, deren Werkschwerpunkt nach 1950 liegt.

Es stellt sich also das Problem, wo man die Grenze zu Texten zieht, die später erschienen sind, aber ästhetisch noch in der Tradition der 1930er Jahre stehen. Es gibt eine Reihe von Grenzfällen, vor allem Ernst Jüngers späte Tagebücher, deren letztes erst nach 1990 erschienen ist („Siebzig verweht III“), Heimito von Doderers „Tangenten. Tagebuch eines Schriftstellers 1940 – 1950“ (1964), aber auch die diaristischen Texte von Marie-Luise Kaschnitz. Und Max Frischs „Tagebuch 1946 – 1949“ (1950) stellt so etwas wie den Messpunkt dar, an dem noch deutlich erkennbare Elemente der früheren Paradigmas eindeutig in einen neuen epochalen Kontext treten.

Der Fall Jünger ist dabei vergleichsweise unproblematisch. Auch sein Spätwerk ist selbst eindeutig immer noch der klassischen Moderne (in ihrer deutschsprachigen Observanz) zuzurechnen, denn die ästhetischen Prämissen haben sich nach 1950, anders etwa als im Fall der nur sechs Jahre jüngeren Kaschnitz, nicht mehr grundlegend gewandelt. Kaschnitz’ Alterstagebücher werden im Gegensatz dazu hier also eingehend berücksichtigt.

Ausgeklammert wird dagegen Doderers poetologisches Journal, ein kompliziert gelagerter Einzelfall, obwohl sich an seinem Beispiel zeigen ließe, wie eine späte klassisch-moderne Argumentation, ihrer immanenten Logik folgend, neomodernistischen Positionen schon recht nahe kommt. Dagegen werden zwei späte Tagebuchtexte (Hiltbrunner 1958, Bauer 1967) als Ausnahmen in die Analyse mit eingeschlossen, obwohl sie zweifellos in der Kontinuität der klassischen Moderne (und zwar einer recht konservativen Spielart) stehen. Beide eignen sich aber besonders, um den Hintergrund zu skizzieren, vor dem der Wandel nach 1950 besonders deutlich hervortritt – nicht zuletzt deshalb, weil beide sich in ihren Tagebüchern auch mit den neusten literarischen Entwicklungen auseinandersetzen. Und besonders Hiltbrunners eigensinnige Altersradikalität wirft darüber hinaus ein Licht auf Möglichkeiten der Tagebuchform, die dann erst viel später, in den 1970er Jahren, unter ganz anderem Vorzeichen eingelöst werden.

Der Aufbau der Untersuchung folgt im Prinzip der historischen Entwicklung: Eigene Kapitel befassen sich mit der Tagebuch-Literatur, die in den 50er Jahren erscheint (bzw. auch im folgenden Jahrzehnt noch von Autoren der „ersten Stunde“ veröffentlicht wird), mit den 60er Jahren (als kaum Tagebücher geschrieben aber wichtige Weichen für die spätere Tagebuch-Literatur gestellt werden), mit der Situation um 1972 (als sich in auffallendem Maß innovative Tagebuchtexte von Autoren der älteren Gruppe 47-Generation häufen) und mit der Situation nach 1977 (als die Tagebuchwelle der „Neuen Subjektivität“ erst richtig einsetzt). Damit erscheinen die Möglichkeiten im Wesentlichen ausdifferenziert, die sich aus dem neomodernistischen Paradigma ergeben. Ein später anzufügendes, abschließendes Kapitel müsste dann vor diesem Hintergrund die boomende, eklektische Tagebuch-Literatur der 1980er und 1990er Jahre charakterisieren, in der nun alle bis dahin entwickelten diaristischen Schreibweisen nebeneinander praktiziert werden.

Es ergibt sich also, aus einem gewissen Abstand und mit gleichsam etwas zugekniffenen Augen betrachtet, eine durchgehende Entwicklungslinie, die die entsprechenden Teilphasen der Epoche miteinander verbindet und die an dem Punkt endet, an dem der Neomodernismus tatsächlich wiederum sich selbst (und nicht mehr eine imaginäre Gesamt-„Moderne“) zu reflektieren beginnt. Ein Symptom dafür ist nicht zuletzt diese Untersuchung selbst.

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