34 Nachbemerkung I: Zum literaturgeschichtlichen Epochenbegriff

Ein notwendig apodiktischer und stark vereinfachender Abriss zur Literaturgeschichte nach 1950, wie er hier versucht wurde, wird auf manche provozierend wirken. Darum noch einige grundsätzliche Anmerkungen.

Die Skizze der Epoche dient zur ersten Orientierung. Es handelt sich nicht bereits um die definitive und verbindliche Formulierung der Resultate dieser Untersuchung. Die folgenden Kapitel sind demnach nicht nur als Begründung und Nachweis der abstrakten Grundfigur aufzufassen, die als ‚Ich’ schreiben in offenen Texten charakterisiert wurde, sondern eher umgekehrt. Die Resultate, auf die diese Untersuchung abzielt, bestehen genau in der differenzierten Sichtweise auf einzelne Texte und Textgruppen, die gerade dadurch ermöglicht wird, dass diese Texte in Bezug zu der heuristischen Grundfigur gesetzt werden.

Die Textanalysen dienen also nicht dem nachträglichen Beleg abstrakter Thesen, sondern die abstrakten Strukturskizzen, die hier vorangestellt wurden, dienen im Gegenteil dem Zweck, den Reichtum der Texte erst zu erschließen. Ihr Wert besteht eben in dem Sinn, den individuelle Abweichungen (und jeder einzelne literarische Text ist eine „Abweichung“!) vor ihrem Hintergrund annehmen. Es geht also nicht darum nachzuweisen, dass in allen (Tagebuch-)Texten seit 1950 im Kern dasselbe steht. Es geht nicht um eine Reduktion, sondern gerade um die Rekonstruktion der formalen und inhaltlichen Variationsbreite der literarischen Wirklichkeitsdeutungen.

Die dialektische Voraussetzung dieses Reichtums ist aber in dieser wie in jeder anderen Epoche ein relativ begrenzter Komplex von teils bewussten, teils nur ‚zwischen den Zeilen’ stehenden Sprach- und Denkfiguren. Erst dieser jeweilige Grundbestand des epochalen literarischen Diskurses garantiert, dass alle Texte einer Epoche in offene oder unterschwellige Beziehungen treten können. Nur so entstehen im Spiel von Wiederholung und Abweichung individuelle Aussagen und komplexe Bedeutungen.

In diesem Sinn ermöglicht es die skizzierte literarische Grundfigur (‚Ich’ schreiben in offenen Texten), die verschiedensten und ansonsten widersprüchlichsten Tendenzen analytisch auf einen paradigmatischen Fluchtpunkt zu beziehen. Ein solcher Fluchtpunkt, um es noch einmal zu betonen, ist kein „Telos”. Der so zustande kommende „Epochen”-Begriff ist nicht gleichbedeutend mit einer Leugnung der Tatsache, dass es „nicht eine literarische Entwicklung [gibt], sondern ein System widerspruchsvoller, interferierender Bewegungen” (Emmerich 1988: 194). Das wird vielmehr ausdrücklich anerkannt.

Die Grundfigur der „Offenheit” ist kein absolut gesetztes Paradigma, sondern ein Erklärungsmodell, das es erlaubt, gerade widersprüchlichste Spielarten der Literatur in ihrer Eigentümlichkeit zu erfassen. Umgekehrt ist es aber falsch, von einer absoluten Originalität literarischer Texte auszugehen. Texte, die sich nicht (und sei es ex negativo) an epochalen Paradigmen ausrichten, gibt es nicht, und gäbe es sie wirklich, würden sie nicht adäquat rezipiert. Spätestens sobald er veröffentlicht ist, bezieht auch der abweichendste Text seine Bedeutung aus dem literarischen Kontext. Ein Text von 1910 bedeutet nicht dasselbe, wenn er 1990 als aktuelle Literatur (nicht als historische Reminiszenz) publiziert und rezipiert wird.

Bereits der Gegensatz zwischen sozialgeschichtlichen und diskursgeschichtlichen Annäherungen an die Literatur seit 1950 zeigte, dass der Begriff „Epoche“ wie fast alle literaturwissenschaftlichen Termini sehr unterschiedlich gebraucht (und manchmal auch  grundsätzlich abgelehnt wird) wird. Im Folgenden also noch einige Erläuterungen dazu, was in dieser Untersuchung darunter verstanden wird.

„Epoche“ ist hier ein analytischer Begriff, eine heuristische Modellkonstruktion, nicht eine unverrückbare Eigenschaft, die im Material und in der Geschichte verborgen liegt. Die Frage muss demnach lauten: Eine Epoche hinsichtlich welcher Gesichtspunkte? Es ist also selbstverständlich auch möglich, die Literatur auf einen sozialgeschichtlichen Epochenrahmen zu beziehen, ob der nun abhängig sein soll von politischen Einschnitten, von technischen Revolutionen oder sozialen Umwälzungen. Es ist allerdings fraglich, ob ein solches Verfahren sinnvoll ist, um die Funktionsweise und Bedeutung von Literatur selbst und im Anschluss daran die Wechselwirkungen mit der sozialen Wirklichkeit zu verstehen. Ausschlag gebend kann dafür immer nur die Analyse der Texte selbst sein, die zusammen „die Literatur“ ausmachen.

So genügt ein dramatischer Einschnitt wie das Ende des zweiten Weltkriegs und der Neuanfang der deutschen und österreichischen Kultur (einschließlich eines neu strukturierten Literatursystems) m.E. eben für sich genommen nicht, um daraus eine eigenständige literarische Epoche abzuleiten, obwohl er eine solche durchaus wahrscheinlich macht und vermutlich auch katalytisch befördert hat. Tatsächlich gibt es aber beträchtliche Kontinuitäten nicht nur innerhalb der Literatur (vgl. hierzu Schaefer 1984), sondern auch, wie die Historiker zunehmend entdecken,  in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen.

Dennoch waren natürlich nach 1945 wichtige Voraussetzungen für den epochalen literarischen Paradigmenwandel gegeben, der sich in der Folge – wenn auch über einige Zwischenschritte – dann auch tatsächlich vollzog: Eingefahrene Sinnkonstruktionen waren zumindest erschüttert, die intellektuellen Machtverhältnisse verschoben, der Existentialismus und die Psychoanalyse wurden in veränderter Form aus Frankreich und den USA reimportiert. Ähnliches vollzog sich bekanntlich auf ästhetischem Gebiet: Obwohl die internationale Moderne, anders als es der Mythos will, den ambitionierten Autoren der 30er und 40er Jahre keineswegs unbekannt war, wurde sie jetzt erst allmählich als grundsätzlich neuer ästhetischer Kode begriffen, den man sich erst anzueignen hatte.

Das mindestens für die Tagebuch-Literatur tatsächlich „Epoche machende“ Beispiel Max Frischs zeigt, dass diese literarische Epoche eben nicht einfach als logische Konsequenz einer politisch-kulturellen Umwälzung verstanden werden kann. In der freien, demokratischen Schweiz vollzog sich gleichzeitig ein ähnlicher Prozess, obwohl die internationale Kunstproduktion ohne weiteres zugänglich gewesen und in Zeitschriften diskutiert worden war und obwohl die politischen und kulturellen Institutionen stabil blieben. Und Emmerich (1988: 194) stellt auch fest, dass trotz gewisser Abweichungen und Asynchronien sogar die westliche deutschsprachige Literatur und die DDR-Literatur trotz des grundsätzlich verschiedenen soziopolitischen und ideologisch-kulturellen Systems „oft in geradezu erstaunlicher Weise […] konvergieren”. (Das bestätigt sich auch für die Tagebuch-Literatur.)

Ganz offensichtlich funktioniert also das Aussagesystem „deutschsprachige Literatur” nach einer eigenständigen (wenn auch natürlich nicht gegenüber äußeren Bedingungen autonomen) Binnenlogik. Genau um diese Binnenlogik, um die grundlegend neue Formen, Themen und Denkmodelle, die sich in den literarischen Texten durchsetzten, wird es im folgenden am Beispiel der Tagebuch-Literatur gehen. Die so gewonnenen Resultate sind m. E. mindestens auch für die Prosaliteratur, die im Ganzen gesehen das Leitgenre der Epoche ausmacht, repräsentativ: Bereits um 1950 setzte der Prozess ein, in dessen Verlauf „diaristische Elemente […] allenthalben in die Literatur” eindringen und „drastisch und grundsätzlich den herkömmlichen Begriff der Fiktionalität” verändern (Vogelgesang 1985: 202).

Wenn im Folgenden der Begriff „Epoche“ gebraucht wird, bezieht er sich also, wie bereits angedeutet, auf das epochale Paradigma, das dem Aussagesystem ‚Literatur’ in einer relativ großräumigen historischen Phase seine Einheit und Kohärenz verleiht. In diesen Begriff ist also bereits das soziale System „Literaturbetrieb“ nicht mehr eingeschlossen, das natürlich damit zusammenhängt, aber keineswegs zusammenfällt. Da das besondere Aussagesystem „Literatur“ auch mit anderen Systemen (sowohl Diskursen als auch soziale Systemen) in Wechselwirkung steht, die zusammen die „Kultur” ausmachen, lässt sich eine so bestimmte, sehr eng gefasste literarische Epoche natürlich immer auch relativieren, indem man sie in einen übergeordneten, etwa soziokulturellen oder mentalitätengeschichtlichen Epochenzusammenhang einordnet.

Das ändert dann jedoch nichts an der Gültigkeit der literaturbezogenen Erkenntnisse: Wenn, wie es z.B. um 1950 der Fall ist, eine ungefähre Synchronie von literarischem Paradigmenwandel, Wandel der Institutionen des Literaturbetriebs und allgemein gesellschaftlichem Wandel vorliegt, sagt eine solche Feststellung noch nichts darüber aus, welche spezifisch literarische Gestalt der übergreifende Epochenwandel annimmt und welcher spezifisch literarischen Logik er dabei gehorcht. Wenn aber (wie z.B. beim literarischen Paradigmenwandel um 1890/1900) keine solche Synchronie vorliegt, falsifiziert das für sich genommen nicht eine begründete literarische Epochenhypothese, sondern ist dann eben ein Faktum, das auf der soziokulturellen Ebene analysebedürftig ist. (Ansonsten ließe sich höchstens behaupten, dass die Rekonstruktion derartiger spezifisch literarischer Epochen überhaupt irrelevant sei, aber daraus würde dann auch folgen, dass man die gesonderte wissenschaftliche Beschäftigung mit literarischen Texten insgesamt für irrelevant hält.)

Das Aussagesystem „Literatur“ ist naturgemäß abhängig von dem jeweils gültigen Sprachsystem, das einen Horizont möglicher Aussagen und Bedeutungen bereitstellt. Der literarische „Epochen”-Begriff im vorgeschlagenen Sinn bezieht sich also auf die deutschsprachige Literatur. Natürlich steht diese in Verbindung mit anderen Literaturen (um 1950 insbesondere mit der französischen und der amerikanischen), aber diese Verbindungen und Wechselwirkungen sind nur dann sinnvoll zu beschreiben, wenn man die jeweiligen Literaturen als getrennte Aussagesysteme analysiert hat. Wenn also z.B. in der deutschsprachigen Literatur der 50er Jahre existentialistische Denkfiguren und in den 60er Jahren Techniken des Nouveau Roman aufgegriffen werden, werden sie in ein bereits bestehendes, eigenständiges Literatursystem integriert. Möglicherweise führt diese Integration zu einer Transformation des Systems (was insbesondere in den 60er Jahren der Fall sein dürfte), die übernommenen Elemente verändern aber mit dem Kontext zugleich selbst mehr oder weniger stark ihren Stellenwert und ihre Bedeutung.

In gewisser Hinsicht kann man zwar im Lauf der Epoche sicherlich von einer Internationalisierung der Literatur in dem Sinn sprechen, dass sich die Literatursysteme zunehmend annähern, aber jedenfalls die Entwicklung der Tagebuch-Literatur zeigt, dass bislang signifikante Unterschiede weiter zu bestehen scheinen. Der deutschsprachige Tagebuch-Boom seit den 70er Jahren hat, soweit ich sehe, in anderen Literaturen keine direkte Entsprechung.

Eine literarische Epoche in dem Sinn, wie dieser Begriff hier gebraucht wird, ist dann zu Ende, wenn ein Paradigma, eine Formation diskursiver Figuren, erschöpft ist und nur noch sich selbst wiederholt, anstatt einer sich weiter wandelnden Kultur neue Erkenntnisse und neue ästhetische Erfahrungen zu ermöglichen. Dann hat sich in der Regel bereits auf subkultureller oder interkultureller Ebene ein anderes Paradigma herauskristallisiert, das ins Zentrum des neuen Weltbildes tritt und die Elemente des zerfallenden alten Weltbildes zum Teil abstößt, zum größeren Teil aber aufgreift und in neuen Zusammenhängen mit neuer Bedeutung auflädt. Genau das ist, wie mir scheint, jedenfalls im Bereich der deutschsprachigen Literatur um 1950 geschehen, nicht aber um 1968 oder – soweit man das heute sehen kann – um 1989.

[Nachtrag 2011: Möglicherweise begann tatsächlich bereits in den 1990er Jahren etwas Neues, bis sich dann um die Jahrhundertwende aus der neu formierten Kultur der All-Medien erstmals ein breitenwirksames neues Paradigma herauskristallisierte, das sich nicht mehr in selbst neomodernistischen Tod-der-Moderne-Manifesten erschöpft.]

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