Nach dem Verlust der Eigentlichkeit

Dieses Weltbild, in dem sich „der Mensch” oder „der Einzelne” dem übermächtigen Verhängnis der Massenzivilisation gegenübersieht und jede konstruktive Überwindung dieser totalen Krise unmöglich scheint, lässt sich unschwer im neomodernistischen Krisenpathos wieder erkennen. Als der kurzlebige „Stunde Null”-Optimismus erloschen war, fand sich „der Mensch” nach Auschwitz, nach Hiroshima, nach dem Wirtschaftswunder, erst recht in einer „existenziellen Krise” wieder.

Die Wirklichkeit der unausweichlich „modernen“ Industrie- und Mediengesellschaft, mit der man sich nun konfrontiert sah, ließ sich nicht mehr als bloß temporäre und provisorische „Lebensform” deuten (wie noch die widersprüchliche Gesellschaft der Weimarer Republik) und auch nicht mehr als katastrophisches Übergangsstadium der Weltgeschichte (wie noch der Nationalsozialismus). Die Katastrophen, die nun am Horizont der modernen Zivilisation drohen, die Selbstzerstörung der Menschheit durch die Atombombe und die Umweltzerstörung, lassen die Vision eines Neuanfangs nicht mehr zu. Nur einem eingefleischten Lebensphilosophen wie Ernst Jünger, seit den 1930er Jahren gewöhnt, in kosmischen Zeiträumen zu denken, gelang es bis zu seinem Tod, noch die mögliche atomare Verwüstung des Planeten als metaphysische Reinigungskrise zu interpretieren.

Sobald reflektiert wird, dass die Dynamik des „Lebens” in der „absurden Existenz“ endgültig zum Stillstand gekommen ist, ist der Schritte über die Epochengrenze hinaus getan. „Posthistoire” nannte diesen Zustand der Philosoph und Soziologe Arnold Gehlen, der selbst wie Jünger vom „heroische Realismus“ und der „konservativen Revolution“ herkam, aber Camus und Adorno sagten in anderen Worten Ähnliches.

Gerade wegen dieser Kontinuität der Denkfigur der Krise sind aber noch einmal die zwei grundlegenden Unterschiede festzuhalten, sozusagen die subjektphilosophische Grundlage des literarischen Paradigmenwechsels:

Der Neomodernismus erklärt nun den metaphysischen Bezug der klassischen Moderne auf ein überindividuelles „Leben” bzw. „Sein” für unmöglich, der dem Weltbild der Inneren Emigration zufolge gerade in der totalen „Krise” der Existenz des einzelnen emphatischen Sinn verliehen hatte. Und daraus folgt, dass man mit Adorno darauf besteht, dass sich das Subjekt nicht mehr als dichterischer Seher und Lordsiegelbewahrer der Humanität von der totalen Krise, die es umgibt, abkapseln kann. Die totale Krise der Moderne wird nun als die totale Krise des modernen Subjekts selbst erkannt.

Die Literatur hat demnach die Aufgabe, daraus die inhaltlichen und nicht zuletzt auch formalen Konsequenzen zu ziehen. Dieser epochale Paradigmenwechsel vollzieht sich aber gerade in der deutschsprachigen Literatur keineswegs besonders schnell. Noch der berühmte Züricher Literaturstreit, der sich an einer Rede Emil Staigers entzündete und den Max Frisch im Tagebuch 1966 – 1971 kurz dokumentiert, ist eine Spätfolge. Für eine jüngere, am französischen Existentialismus geschulte Autorengeneration und ihr Publikum wurde das alte Paradigma jedoch unverständlich und überlagert vom neuen Denkmodell, das einzelne seiner Elemente aufnahm und in einen neuen Zusammenhang stellte, indem es alle Metaphysik zu erkenntnistheoretischen Figuren abstrahierte und radikal auf das solipsistische Subjekt bezog.

Die einzelnen Stadien dieses grundlegenden Wandels lassen sich nun anhand der Tagebuch-Literatur verfolgen, die in den 1950er Jahren erschien bzw. später noch von Autoren veröffentlicht wurde, die der „Generation von 1950“ zuzurechnen sind. Dazu gehören neben Max Frischs Tagebuch 1946 – 1949 noch die Tagebücher von Krolow (1966), Bauer (1967), Kaschnitz (1968), Rinser (seit 1970) und sogar – mit Abstrichen – von Peter Weiss (Rekonvaleszenz, geschrieben 1971) und Franz Fühmann (1973).

Hier findet sich bereits in Ansätzen die neomodernistische Gleichsetzung der Literatur mit dem selbstbezüglichen Akt des Schreibens. Andererseits sind noch mehr oder weniger deutliche Restbestände der vergangenen Epoche erkennbar, und zwar vor allem zwei Komplexe:

Noch immer gibt es den Blick auf die Welt des Mythos / der Natur (beides ist weitgehend austauschbar), die amoralisch und grausam ist und dem Menschen zuerst als Chaos erscheint, in Wahrheit aber doch eine tiefere Ordnung verbirgt (vor allem bei Kaschnitz, aber in Ansätzen auch noch bei Frisch, Krolow und Fühmann).

Zum anderen findet sich weiter die angedeutete Schilderung einer konkret durchlebten Existenzkrise mit den drei obligatorischen, aus der Erzählliteratur der klassischen Moderne bekannten Phasen: erstens der Entfremdung vom „alten Leben“; zweitens der vorübergehenden Erfahrung eines emphatischen „Todes“, oft in Gestalt einer schweren Krankheit, die verbunden ist mit einer tieferen, metaphysisch gefärbten Erkenntnis; drittens der in Aussicht genommenen Wiedergeburt zu einem „neuen Leben“. Dieses existenzphilosophische Krisenmodell findet sich besonders prägnant bei Walter Bauer, der noch 1967 nicht mit dem Denken der Vorkriegszeit gebrochen hat, aber in Reste auch noch in Frischs erstem Tagebuch, bei Kaschnitz, Weiss und Fühmann (vgl. hier dazu den Abschnitt Wandlung, a.a.U.).

Die konsequent neomodernistische Tagebuch-Literatur kreist dagegen um eine paradoxe Situation: Nur in der totalen Isolierung, die Voraussetzung des Schreibens ist, ist dem Subjekt noch authentische Selbstvergewisserung möglich. „Das Schreiben” (und zunehmend nicht mehr die poésie pure) ist in einer heillos entfremdeten Welt Negation des „falschen Lebens“ und somit letztmögliche Schrumpfform authentischer Existenz. Das Schreiben des Autors, der die totale Krise stellvertretend auf sich nimmt, erscheint als einzig noch denkbare Form der „Öffnung” in einer erstarrten und entfremdeten Ordnung.

So sprengt auch die fragmentarische Form des Tagebuchs die Ordnung, die jede Subjektivität zu ersticken droht, zumindest für die Dauer der Niederschrift (bzw. der Lektüre) auf und stellt wenigstens auf dem Papier den Entwurf einer befreiten, ‚offenen’ Subjektivität dar. Wie man sehen wird, findet das Subjekt auch weiterhin in der Natur, im Traum, in den Mythen und der Kunst Anhaltspunkte für diesen Entwurf, aber die Gegenordnung wird nun nicht mehr als tiefere, metaphysisch-objektive ‚Wahrheit’ entdeckt, sondern letztlich nur noch einzig vom wahrnehmenden und schreibenden Subjekt selbst gestiftet. Die Natur verkörpert keinen Sinn mehr, sondern dient dem Subjekt als Projektionsfläche, um in Akten intensiver Wahrnehmung und/oder poetische Benennung zu sich selbst zu finden. Ebenso verkörpert der Mythos keine metaphysische Wahrheit mehr, sondern ist nur noch Beleg dafür, dass poetische Bedeutungsstiftung seit jeher ein Grundbedürfnis der an sich ‚absurden’ menschlichen Existenz ist.

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