7 Mischformen: Reisetagebuch, Werktagebuch, Traumtagebuch …

Die skizzierte Typologie ist nicht von außen in das Material hineinprojiziert, wie es bei früheren Klassifikationen von Tagebuchtexten der Fall war. Mit ihrer Hilfe ist es problemlos möglich, einzelne Tagebücher und Tagebuchformen als Mischformen zu begreifen und zu analysieren. Tatsächlich treten die beschrieben Tagebuchtypen, die ja eigentlich Typen diaristischer Schreibweisen sind, treten eher selten in Reinform auf. Im Regelfall muss die einzelne ‚Eintragung’, bzw. oft wieder auch nur ein Abschnitt daraus, betrachtet werden. Jeder in sich geschlossene Abschnitt verweist dann auf ‚dahinter’ liegende Sprechakt-Typen, denen wiederum ein je unterschiedliches diaristisches Weltmodell entspricht.

Zum Beispiel Ernst Jüngers Tagebücher „Strahlungen” und „70 verweht”: Logbuchcharakter haben hier solche Eintragungen, die auf objektive soziale Systeme verweisen und das Tagebuch-Ich darin als Funktionsträger verorten. Im Fall Jüngers handelt es sich dabei um das politisch-militärische System, um eine literarisch-philosophische Kultur gleichgesinnter Geister, die ihren Niederschlag in den immer neu aufgelisteten Namen und dem Verzeichnis der mündlichen und brieflichen Kommunikationsakte findet, und schließlich um die Kultur der Entomologen (Insektenforscher).

Demgegenüber ist der Charakter eines subjektiven Journals schwach ausgeprägt. Im Wesentlichen beschränkt sich Jünger auf Eintragungen, die zu einem ‚subjektiven Logbuch’ gehören. Der ungefilterte Schreibstrom, in dem sich eine ‚subjektive Subjektivität’ ausdrückt, fehlt gänzlich. Dagegen nehmen diaristische Aufzeichnungen einen großen Raum ein, die im Fall Jüngers, der ein Grenzgänger der klassisch-modernen Epoche bleibt, noch einen deutlich metaphysischen Akzent tragen: In einzelnen Naturwahrnehmungen, Träumen, aber auch in aphoristischen Reflexionen dringt das Tagebuch-Ich durch zu einer ‚tieferen’, ‚eigentlichen’ Wirklichkeit, als deren bloße Oberflächenwirkung dann nicht nur der persönliche Alltag, sondern die Geschichte überhaupt erscheint. Das schreibende Subjekt kommt nur insofern zu eigener Würde, als es sich als privilegierter Seher präsentiert, dem die objektiv-metaphysischen Vorgänge offener als dem Normalsterblichen vor Augen liegen. Für Jünger ist also die Betonung der Objektivität charakteristisch: der Objektivität des Logbuchs und der metaphysischen Objektivität der „Aufzeichnungen”.

Jüngers Tagebücher vereinigen aber auch Elemente des Reisetagebuchs, des Werktagebuchs und des Traumtagebuchs, das als ‚Nachtbuch’ dem Tagebuch entgegensteht. Das sind beliebte Oberflächenkategorien auch für die Einteilung der Tagebuchliteratur, die sich lediglich an thematischen Schwerpunkten orientieren. Allerdings kann man sie durchaus zum Anlass nehmen, ihre etwaigen formalen Implikationen genauer zu bestimmen und so noch einmal die Handhabbarkeit der vorgeschlagenen Typologie zu überprüfen.

Das Werktagebuch etwa tendiert grundsätzlich zu objektiven Schreibweisen: Es enthält im Regelfall Logbuchelemente (wenn etwa der Autor wie Thomas Mann Rechenschaft über seine täglichen Arbeitsschritte ablegt bzw. die Entwicklungsstadien des „Werks” festhält), aber auch „Aufzeichnungen” (insofern Erkenntnisse oder Sätze festgehalten werden, die als Material für das ‚Werk’ dienen sollen oder sich aus der Arbeit ergeben haben). Zwingend ist das jedoch nicht: Natürlich können solche Werknotizen, wie im Fall Kafkas, auch in einen Schreibstrom eingebunden sein und sich aus diesem gewissermaßen herauskristallisieren.

Das Reisetagebuch ist noch weniger festlegbar: Die zwei traditionellen Prototypen sind das objektive Reisetagebuch, das Interessantes und Bemerkenswertes über fremde Gegenden und Kulturen für die Daheimgebliebenen aufzeichnet, und das subjektive Tagebuch einer ‚sentimentalen Reise’, das sozusagen schriftliche Schnappschüsse enthält, die stellvertretend für das Kontinuum subjektiven Erlebens stehen und es später in der Erinnerung wieder herauf rufen sollen. (Auch hier sind Mischungen natürlich möglich.) Dazu kommen häufig Elemente des subjektiven Logbuchs (der regelmäßige Tagesablauf wird in einer fremden Umgebung ereignishaft) und der diaristischen Aufzeichnungen (in der Fremde erlebt das Subjekt leichter außergewöhnliche Erkenntnissituationen).

Das Traumtagebuch schließlich ist schwerer zu fassen. Im Extremfall (in den „Traumprotokollen” von Kipphardt 1981 und Bächler 1972) werden nur Träume aufgezeichnet, d.h. die Dimension des ‚normalen’ Alltags fehlt ganz bzw. wird nur durch objektivierende Datumsangaben angedeutet. Das „Tagebuch“ wird hier gewissermaßen als Leerstelle vorausgesetzt. Aber „Träume aufzeichnen” ist ein Euphemismus: Hier ist es noch weitaus einsichtiger als bei ‚normalen’ Erfahrungen im Wachzustand, dass allein die Versprachlichung und das Aufschreiben „eines Traums” (d.h. de facto natürlich weniger Bruchstücke aus einem ‚Traumstrom’) eine einschneidende Bearbeitung und Umformung  bedeutet, selbst wenn versucht wird, den fragmentarischen und wirren Charakter von Träumen möglichst zu erhalten.

Ein solches Traumtagebuch ist somit eine Variante des subjektiven Journals, infofern es den stream of unconsciousness zu fixieren versucht. Aber natürlich kann auch das Traumtagebuch ‚objektiven’ Logbuchcharakter erhalten: in dem Maß nämlich, in dem vor der Niederschrift Vorstellungen über semantische und syntaktische Strukturen des Träumens an sich bestehen, also etwa im Traumbuch eines Freudianers. Und schließlich können Traumnotate auch den Charakter diaristischer Aufzeichnungen haben, insofern nämlich ausgesprochen oder nicht die in unserer Kultur tief verwurzelte Annahme besteht, dass sie fragmenthaft auf eine ‚eigentliche’, ‚tiefere’ Wahrheit verweisen: sei es auf eine ‚subjektive Subjektivität’ (wie tendenziell bei den Freudianern), auf einen subjektiven Zugang zu einer objektiv-metaphysischen Dimension (etwa bei den Jungianern oder auch bei Ernst Jünger) oder auch auf eine Art literarischen Urtext, der ewig in sich selbst kreist und allem bewussten Schaffen vorausgeht (bei den Surrealisten und, ohne explizite Theorie, in den meisten Schriftstellertagebüchern).

Im Regelfall stehen die Traumaufzeichnungen nicht für sich (um somit ein eigenes nächtliches Universum zu bilden), sondern sind in Tagebuchtexte vom Typus des subjektiven Journals oder der diaristischen Aufzeichnung eingebaut, d.h. die Spannung zwischen subjektiver Innenwelt und oberflächlich-profaner Außenwelt, die für viele moderne Tagebücher kennzeichnend ist, wird besonders dramatisiert.
Diese Beispiele sollten gezeigt haben, dass die Typologie der diaristischen Schreibweisen grundlegender und schärfer ist als die üblichen Einteilungen nach Tagebuchformen, die halb formal und halb inhaltlich (und insgesamt eher vage) bestimmt werden. Mischformen und die häufigen Überschneidungen der diaristischen Schreibweisen in einem größeren Tagebuchtext stellen nun kein grundsätzliches Problem mehr dar.

Es ist nunmehr lediglich nötig, die kleinsten diaristischen Elemente des Textes zu isolieren, die dann jeweils einem ‚Schreibakt’ entsprechen. Das muss keineswegs zwingend eine als solche markierte Eintragung sein. Jeder Wechsel der Schreibweise bedeutet einen neuen Schreibakt, und zwar auch dann, wenn der Text nach außen hin bruchlos weiterläuft.  Sätze verschiedenen Typs haben somit zwei Kontexte – neben der Eintragung, in die sie eingebunden sind, auch die Summe der ähnlichen Sätze in diesem Tagebuch, die damit eine eigene diaristische Dimension des Textes begründen.

Wenn Überschneidungen auftreten (und das ist die Regel), entwirft der Text eben eine mehr oder weniger spannungsreiche Identität des literarisch erzeugten „Subjekts”. Dieses kann etwa zugleich (Logbuch) Funktionsträger sein, gegebenenfalls auch mehrfach: z.B. als jemand, der an einem literarischen Projekt arbeitet, als Teilnehmer des Literaturbetriebs, als Staatsbürger und als physiologisches System, das von Krankheit bedroht ist; es kann (subjektives Journal) ein idealtypisch solipsistisches Subjekt sein, das sich selbst und das eigene Schreiben reflektiert; es kann schließlich auch (diaristische Aufzeichnungen) als Medium überpersönlicher Wahrheiten auftreten.

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