17 Literarität

Je nach dem Grad, in dem die sprachliche Inszenierung gemäß den jeweils gültigen kulturellen Kriterien auffällig wird, kann ein Tagebuchtext unterschiedlichen Ebenen von Literarität zugerechnet werden:

(1) der Ebene des  nicht-literarischen, referenziell-sachlichen Normaltextes, in dem auch kein besonderer Stil auf den Urheber verweist (das idealtypische Logbuch);

(2) einer semiliterarischen Ebene, auf der ein besonderer Stil der Sprache bzw. der Darstellung wahrgenommen wird, der der authentischen Aussage sozusagen einen literarischen Mehrwert hinzufügt, und/oder narrative Strukturen wahrnehmbar werden, seien sie autobiographischer Art oder objektiver Art wie z.B. in der Reiseerzählung (in diese Kategorie werden Tagebuchtexte von der Literaturwissenschaft üblicherweise eingeordnet);

(3) einer ‚eigentlich literarischen’ Ebene, was wiederum zwei Ursachen haben kann: entweder treten die sprachlichen Mittel gegenüber dem ‚Sachverhalt’ so stark in den Vordergrund, dass diese semantische Dichte eine eigene (’poetische’) Dimension der Aussage stiftet, oder die berichteten Sachverhalte bilden untereinander ein so dichtes System von Bezügen, dass sie nicht mehr primär als Bericht, sondern als ‚Erzählung’ eines ‚Sujets’ wahrgenommen und einer eigenständigen Erzählinstanz zugeschrieben werden (narrative Dimension). Im ersteren Fall ist die Grenze zum lyrischen Gedicht fließend (der Grenzfall, das Tagebuchgedicht, häuft sich in den 70er Jahren), im letzteren Fall die Grenze zur fiktionalen Erzählprosa: Die „Selbststilisierung” des „diaristischen Ichs” lässt sich als „Frühstadium des Fiktionalisierungsprozesses” auffassen (vgl. Jurgensen 1979: 5; Vogelgesang 1985: 194f.).

Es ist klar, dass die Einschätzung, ob ein Tagebuch der ersten, zweiten oder dritten Ebene zuzurechnen ist, vom Rezipienten abhängt. Der empirische Rezipient ist natürlich frei, sich jeden als ‚sachlich’ und ‚authentisch’ präsentierten Text anzueignen und als „Literatur” zu lesen. Für die Textanalyse entscheidend ist aber der ‚implizite Leser’, also die kulturspezifische Funktion, die der Tagebuchtext wie jeder Text für den zeitgenössischen Leser vorsieht und ausspart. In diesem Sinn präsentiert sich der Tagebuchtext selbst entweder als sachliche Bestandsaufnahme (wie Thomas Manns Logbücher), als stilistisch eleganter Bericht bzw. als authentische Erzählung (wie das „Nicaraguanische Tagebuch” von Kroetz) oder er reflektiert eben die Verselbständigung der literarischen Mittel (Poetizität, Narrativität), die somit zum Teil der Textaussage werden (Frischs Tagebuch 1946 – 1949). Dieser letztere Fall ist es, der weiter oben als „literarisches Tagebuch” im engeren Sinn definiert wurde.

Nun sind viele und gerade die interessantesten Tagebuchtexte des Zeitraums seit 1950 nicht eindeutig einer dieser Ebenen zuzuordnen: Frischs Tagebuch etwa vermischt die zweite Ebene (Tagebuch des „Zeitgenossen”, Reisetagebuch) mit der dritten (Erzählskizzen), Canettis „Aufzeichnungen” (und tendenziell der Typ der ‚diaristischen Aufzeichnungen’ überhaupt), an sich der zweiten Ebene zuzurechnen, sind so fragmentarisch und abstrakt, dass die sprachliche Dimension das Übergewicht über die referenzielle Dimension erhält. Und die Tagebücher von Rühmkorf oder Brinkmann verwischen planmäßig die Grenzen, so dass literarische Authentizität und authentische Literarität ununterscheidbar werden.

Letzteres ist der eigentliche Fluchtpunkt, dem sich aufs Ganze gesehen die Tagebuch-Literatur seit 1950 annähert. Die klare Unterscheidung der Ebenen bedeutet nämlich, dass eine Kultur glaubt, sich über die Dimensionen der äußeren Wirklichkeit und der Subjektivität im Klaren zu sein. Der Verlust genau dieser Gewissheit ist aber in der literarischen Epoche, die bis heute andauert, sozusagen das Ur-Sujet, das erst theoretisch zum Thema gemacht, zunehmend aber auch auf der praktisch-formalen Ebene des Tagebuchschreibens bedeutungsvoll wird. Beides lässt sich z.B. besonders prägnant im oben angeführten Journal Undine Gruenters zeigen.

Dieser Auflösungsprozess spiegelt sich aber überhaupt im hier behandelten Korpus wider: Bei Frisch oder auch bei Grass sind noch ‚authentische’ und ‚literarische’ (d.h. erzählende) Teile im Allgemeinen getrennt, auch wenn diese Trennung bereits theoretisch in Frage gestellt wird. Aber es gibt auch bereits Ansätze zu einer ‚poetischen’, gewissermaßen subversiven Aushöhlung der Kategorien, die die bürgerliche Wirklichkeit ordnen: Bei Frisch finden sich Passagen, in denen die poetische Dichte bereits den äußerlich gewahrten Anspruch auf Authentizität untergräbt, und bei Grass (aber auch bei Rühmkorf, Brinkmann oder H.C. Artmann) verselbständigt sich die quasi-mündliche, bildhafte Sprache gegenüber ihren ‚Gegenständen’, bis die ‚wirkliche Welt’ angeeignet, ergänzt und schließlich überlagert wird durch die Sprachwelt des Diaristen.

Neben diesen ‚poetischen’ Grenzüberschreitungen finden sich natürlich auch alle möglichen Varianten narrativer Übergänge zwischen Authentizität und Literarität: von der eingebauten fiktionalen Erzählung (bei Frisch und Grass) über die „Erzählung einer Erzählung” im Werkjournal bis zu den diversen Krisentagebüchern, die sich mit Beziehungskrisen, Alterskrisen, psychischen Krisen und Krankheiten auseinandersetzen. Diese Krisentagebücher literarisieren nicht nur die ‚Wirklichkeit’, indem sie sie auf mehr oder weniger ‚literarische’ Erzählmodelle beziehen. Es geschieht auch das Umgekehrte: Das Schreiben wird selbst als Therapie zum ‚authentischen’ Teil des Krisengeschehens. Die Tagebücher von Wander und Uve Schmidt sind dabei zum Beispiel eher noch der zweiten, semiliterarischen  Ebene zuzuordnen (obwohl das Schreiben sich bereits verselbständigt), die Tagebücher von Gruenter und Herhaus schon der dritten, eigentlich literarischen Ebene.

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