Leben in den Ruinen: Leere Transzendenz

Auch die 170 Aufzeichnungen in Engelsbrücke. Römische Betrachtungen (1955) von Marie Luise Kaschnitz decken in etwa den Verlauf eines Jahres ab, aber sie sind nicht datiert und nehmen nur nebenbei auf die Jahreszeiten und die Natur Bezug. Wie im Fall Krolows handelt es sich auch nicht um ein existenzielles Logbuch, sondern um ein poetisch-philosophisches Journal, das aus dem Chaos der täglichen Daten das Bedeutungsvolle und Ewige herausfiltert:

Ich lese das bisher Verzeichnete, und es fällt mir auf, wie oft ich versucht habe, den täglichen Eindrücken, aber auch den Erinnerungen eine ganz bestimmte Seite abzugewinnen, die nämlich, die im Zusammenhang mit dem Bleibenden, die nicht nur von hier und heute, sondern ewig ist. (Kaschnitz 1955: 59)

Kaschnitz interessiert sich dabei weniger für die Natur als für den Mythos, die andere zeitlose Dimension also, die etwa bei Wilhelm Lehmann oder Ernst Jünger noch unmittelbar mit der Natur verknüpft ist. Eine äußerliche Rechtfertigung dafür ist der Ort, an dem Kaschnitz während dieses Jahres lebt: Rom nämlich, wo sich die Dramatik des Jahreszeitenzyklus verwischt und die anderswo verschüttete Welt der Mythen und der „archaischen Lebensformen” (20) noch ständig gegenwärtig ist.

Eine polare Struktur hält die poetologischen Reflexionen und touristischen Genrebilder zusammen, aus denen das Buch über weite Strecken besteht:

Im normalen und alltäglichen Zustand, der indirekt gleichgesetzt wird mit der Welt der Leser, dem Deutschland des beginnenden Wirtschaftswunders, gibt es nur die profane Oberfläche und eine leere, immer auf eine unbestimmte Zukunft hin orientierte Gegenwart (92), mit anderen Worten: die neomodernistische Situation.

In Rom dagegen findet die Dichterin noch das spannungsvolle, tiefe und unalltägliche Leben, das sie eigentlich sucht. Zum einen, weil sie sich in einer fremden Stadt und damit in einer von vornherein „verfremdeten Welt” befindet (88), vor allem aber, weil hier dem „Materialismus“ und der „Oberflächlichkeit der Geschäfts- und Fremdenstadt […] die kreatürliche Schwermut, die der Agro Romano von jeher ausgeströmt hat”, entgegensteht (11).

Alle Aufzeichnungen kreisen um die Momente, in denen die eindimensionale Gegenwart durchscheinend wird für den „Ursprung – die Natur im weitesten Sinne” (60), d.h. also für das metaphysische Sein jenseits von Gut und Böse. Die Oberfläche der modernen Großstadt wird durchbrochen von den antiken Ruinen und Monumenten, die eine archaische und mythische Kulturschicht repräsentieren. Und in den Träumen kommen, ganz ähnlich wie bei Jünger, surreale Schreckensbilder von mythischer Qualität zum Vorschein (83f.).

Im „wohlaufgeräumten Haus” des Normalbewusstseins entdeckt sie die „Kammer des Bösen” und „dicht daneben […], von allen Seiten zugemauert […], die Kapelle” (137, 141). Die Summe dieser Erfahrungen zieht das „Gedicht unserer Zeit”, das „die innere Welt, samt allem, was an Erinnerung und Unbewusste hervorquillt”, ausbreitet (32) und ein neues „Gefühl für das Magische der Naturvorgänge” ausdrückt (205).

Damit kommt ein spezifisch modernes Lebensgefühl zum Ausdruck, wie Kaschnitz anlässlich einer Tagung der Gruppe 47 bemerkt: In „einer Zeit, in der uns die afrikanischen Neger durch den Rundfunk ins Zimmer trommeln”, entstehe die Fähigkeit, „in einem Augenblick zu erfassen, was etwa in Jahrhunderten hätte erlebt werden können” (61, 130).

Am Ende steht dann noch immer die Abkehr vom Tagebuch und die Rückkehr zum Gedicht: „genug des vernünftigen Aufzeichnens und der Schau von außen, hinein in das Herz der Dinge” (215). Das Gedicht hebt die entfremdende Normalzeit auf und stellt den ganzheitlichen, reichhaltigen Raum des Seins wieder her, den die Zivilisation verschüttet hatte. Obwohl Kaschnitz ihre Tagebuchnotizen zu ambitionierten Prosastücken mit eigenen Überschriften geformt hat, beinahe zu „Aufzeichnungen” im Sinne Ludwig Hohls, gelten sie ihr als Literatur von geringerem Wert.

Kaschnitz bezeichnet Engelsbrücke im Text gelegentlich als Tagebuch, aber die äußere Tagebuchstruktur ist gelöscht und der Untertitel lautet Römische Betrachtungen. Und selbst dieses Tagebuch, das nach heutigen Begriffen höchst geordnet erscheint, scheint ihr nur als Reflex der „zersplitterten Erscheinungen” in den „Zeiten der Unruhe” (62, 59) von Bedeutung. Jedenfalls in ihrer offiziellen Argumentation erscheint, wie überhaupt in den 1950er Jahren, gerade die besondere Leistung der Tagebuch-Literatur noch als Mangel: dass sie nämlich Alltagsbewusstsein nicht in der Kunst aufhebt, sondern nur in Kontrast setzt zum poetischen Blick.

Bei Kaschnitz ist das metaphysische Weltbild der Inneren Emigration deutlicher noch als etwa bei Krolow erkennbar. Trotzdem gibt es bereits neomodernistische Ansätze, die in ihrem zweiten, gewichtigeren Tagebuch Tage, Tage, Jahre (1968) dann wesentlich stärker in den Vordergrund treten. Die profane Alltagswirklichkeit nimmt viel größeren Raum ein und lässt sich vor allem nicht mehr einfach in tiefere Bedeutung auflösen. Die objektive metaphysische Dimension, die im Prinzip weiterhin vorausgesetzt wird, offenbart sich nicht mehr ohne weiteres der dichterischen Seherin, sondern geht allmählich auf in der subjektiven Perspektive der Schriftstellerin, die den „Sinn” weniger entdeckt als vielmehr sprachlich erzeugt. Der letzte feste Punkt, bei aller rhetorisch betonten Unsicherheit und Gefährdung, ist nun das schreibende, solipsistische Ich selbst.

Das Andere der profanen Alltagswelt realisiert sich bei Kaschnitz und Krolow nur noch in der Perspektive dieses Ichs, in der außergewöhnlichen Erfahrung (die sich aber nun gegenüber ihrem Gegenstand verselbständigt), in der Imagination und in der sprachlichen Nennkraft. Damit verweist die Literatur nicht mehr selbstverständlich auf eine objektiv-metaphysische Wahrheit.

Genau das meint der Begriff der „leeren Transzendenz”, die Hugo Friedrich in seinem Großessay Die Strukturen der modernen Lyrik (1956) rückblickend als wichtigstes Kennzeichen radikaler „Modernität” bestimmt und die auch ihm zufolge allmählich in die bloße „Transzendenz der Sprache” (115) übergeht. Das wird auf der einen Seite als katastrophaler Sinnverlust erlebt, aber auf der anderen Seite ist gerade dieser Sinnverlust die Voraussetzung dafür, dass sich die Sehnsucht des ’modernen’ Dichters, zum autonomen Mittelpunkt seiner Welt zu werden, erfüllen kann.

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