„In meiner Verzweiflung griff ich zu Amiel“

Die Moderne der Nachkriegszeit blieb Hiltbrunner fremd, und auch von der zeitgenössischen Tagebuchliteratur nahm er, wie es scheint, kaum Kenntnis. Zustimmend, aber eher beiläufig, nennt er Tolstoj und Julien Green. Die bekanntesten und auch in der Schweiz damals populären Tagebücher aus der ersten Welle deutschsprachiger Tagebuchliteratur, Ernst Jüngers Gärten und Straßen (1942) und später Strahlungen (1949), erwähnt er dagegen nirgends. (Und das ist um so auffälliger, als Jünger ungefähr gleichaltrig ist und auch Hiltbrunner ungefähr zur selben Zeit bei dem lebensphilosophischen Biologen und Metaphysiker Hans Driesch in Leipzig studiert hat.)

Erst 1948, zur Zeit seines zweiten Tagebuchs, erhielt Hiltbrunner dann von einem Züricher Dichterfreund, der mit den „modernen” Literaturströmungen besser vertraut war, drei Tagebücher als literarische Anregung: Die Neuausgabe des berühmten journal intime des Genfers Amiel aus dem 19. Jahrhundert, das eben in deutscher Übersetzung erschienene neueste Tagebuch von Andre Gide – und Max Frischs Tagebuch mit Marion (1947), das später dann den ersten Teil des Tagebuch 1946 – 1949 bildete.

Gide und besonders Amiel beeindrucken ihn. Hier sucht er Zuflucht nach einer Auseinandersetzung mit einem Theaterstück Max Frischs, der in seinen Augen zusammen mit Thornton Wilder die „surrealistische“ und lebensferne Moderne verkörpert:

In meiner Verzweiflung griff ich zu Amiel. Wie modern, wie zeitlos sind diese Gedankengänge! (537)

Mit Frischs Tagebuch kann er dementsprechend wenig anfangen:

Immerhin, ich lese wirklich in diesem Tagebuch, dessen Gesamtanlage mir unverständlich bleibt. […] Das ist nun Frischs Art, sich über einfache Dinge kompliziert klarzuwerden […] Die Einfälle folgen sich ohne Folgerichtigkeit, also gewissermaßen zufällig. Sie sind nicht oft an einem Erlebnis des Tages und Ortes orientiert. Insofern liegt kein eigentliches Tagebuch vor. Ist mein Tagebuch auch so redselig? […] Immerhin, ein Mensch setzt sich mit der Welt auseinander. Das ist mehr als viel, das ist nahezu alles. […] Dann folgt wieder ein heilloses Debattieren. Alles ist in Beziehung zum Schreibenden gesetzt, alles ist, wiederum, Auseinandersetzung, das macht das ganze so wortreich. Seltsamerweise kann dieser Vorwurf, wenn Wortreichtum überhaupt ein Vorwurf ist, in keiner Weise bei Amiel und Gide erhoben werden. (ebd.)

Nun ist Frischs Tagebuch in Wahrheit wesentlich weniger umfangreich als sein eigenes, von Amiels Journal ganz zu schweigen. Was Hiltbrunner stört, ist offenbar Frischs Neigung zum ausführlichen Ausspinnen von Gedanken und Gedankenspielen bei gleichzeitiger Aussparung der individuellen und privaten Sphäre, während er sich, wie Amiel und Gide, in erster Linie mit sich selbst beschäftigt. In einem „eigentlichen Tagebuch” im Sinne Hiltbrunners verselbständigen sich Sprache und Imagination nicht, sondern bleiben an das „Erlebnis des Tages und Ortes” gebunden.

Der Frisch von 1947/1950 ist aber keineswegs so modern, wie er Hiltbrunner erscheint. Von seinem ersten Tagebuch Blätter aus dem Brotsack (1940), das Hiltbrunner offenbar nicht kennt, ist Frisch noch gar nicht so weit entfernt. Dort schwelgte der Soldat, der an der Schweizer Grenze stationiert ist, noch in lyrischen Stimmungsbildern und findet inmitten der Kriegswirren in der Natur „ein Refugium des Ich“. In den Blättern steht Frisch noch in deutlichem Zusammenhang mit der existenzphilosophischen Innerlichkeitsliteratur der 1930er Jahre, der im weiteren Sinn auch der Lyriker Hiltbrunner zuzurechnen ist. Das Tagebuch 1946 – 1949 repräsentiert dann genau den Schnittpunkt zwischen der existenzphilosophisch geprägten Moderne der Zwischenkriegszeit, in der die literarische Form des Tagebuchs eine wichtige Rolle spielte (vgl. Hans Dieter Schaefer 1981, Das gespaltene Bewusstsein), und der neuen, internationalen Moderne der Nachkriegszeit.

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