In der Zeit und gegen die Zeit: Tagebuch-Literatur der existenzphilosophischen Innerlichkeit

Auf den ersten Blick mag man sich fragen, wie der neoästhetizistische Habitus der Autoren mit ihrer Aufgeschlossenheit zu vereinbaren war. Tatsächlich handelt es sich hier um ein Erbe der Neuen Sachlichkeit: Die neuen „Dichter” waren mit den neuen Medien der 1920er Jahre aufgewachsen, mit den Magazinen und dem Radio. Jedenfalls die aufgeschlossenere Kolonne-Richtung verstand sich, trotz der durchgängigen metaphysischen Grundeinstellung und dem Rückgriff auf strenge, „klassische“ Formen, als „sachliche“ Zeitgenossen. So erklären sich übrigens auch die ungeschminkten Berichte aus dem Zeilengeld-Alltag in Hiltbrunners Tagebuch.

Dahinter steht ein existenzphilosophisches Selbstverständnis, das sein Pathos und seine Würde gerade daraus bezieht, dass der Einzelne heroisch in seiner heillosen Zeit lebt und nicht einfach gegen sie. Die Literatur, die diese Einzelnen hervorbringen, hat deshalb nicht einfach objektiven „Werk”-Charakter, sondern soll mindestens im selben Maß Zeugnis einer existenziellen Haltung sein. Das entspricht übrigens in etwa der Abwendung von der Systemphilosophie zugunsten des Philosophierens als Tätigkeit bei Heidegger und Jaspers.

Damit deutet sich bereits die grundsätzliche Akzentverlagerung vom „objektiven Werk” auf „das Schreiben” als Ausdruck der Subjektivität an, die sich dann nach dem Krieg, und nicht nur in der Tagebuch-Literatur, vollzieht. Diese Wende setzte allerdings dann den weitgehenden Fortfall der metaphysischen Gewissheiten voraus, an denen vorerst durchaus noch festgehalten wurde. Die deutschen Existenzphilosophen der 1930er Jahre sehen, anders als die „Modernen” nach 1950, noch keinen fundamentalen Widerspruch zwischen Objektivität und Subjektivität: Im Begriff des „Existenziellen” fällt beides zusammen. Noch nicht die Selbstentfremdung ist es hier, die das schreibende Ich erleidet, sondern der (allerdings extrem zugespitzte) Gegensatz zwischen dem exklusiven Innenraum der „Dichter”, die sich dabei als Verwalter des schlechthin „Menschlichen” und des metaphysisch „Unveränderlichen” fühlen, und der profanen Außenwelt der „Masse”.

Das hat Folgen auch für die Form der Tagebücher, die aus heutiger Sicht kaum fragmentarisch, sondern eben doch (beinahe) wie intakte „Werke” wirken. Noch am letzten Tagebuch Jüngers (von 1993) kann man überprüfen, dass die Offenheit der diaristischen Textstruktur hier aufgehoben wird durch die Geschlossenheit des Selbst- und Weltbildes und die sichere Handhabung der durchgängig hohen und philosophiegesättigten Sprache. Die Krise findet hier immer draußen statt.

Trotzdem ist es natürlich bedeutungsvoll, dass ein Autor wie Jünger sich für die „offene“ Tagebuchform entschied. Er betonte so den existenziellen Aspekt des „Logbuchs” im „Mahlstrohm”, wie er später im Vorwort zu den Strahlungen schrieb, den Kampf des Subjekts gegen die Außenwelt und die gerade in Momenten der Krise möglichen Augenblicke des Durchbruchs in die Transzendenz. Im Gegensatz dazu wird diese Situation wird in einem geschlossenen „Werk“ wie Auf den Marmorklippen nicht nur mit kühler Distanz dargestellt, sondern regelrecht allegorisch fixiert. Die ewig-unveränderlichen, metaphysischen Gesetze des Seins sind gewissermaßen in klassischen Marmor gemeißelt. Das diaristische Traumbuch Das abenteuerliche Herz (v.a. die zweite Fassung von 1938) nimmt da genau die Mitte ein: In den Träumen, die nicht fragmentarisch skizziert, sondern bereits zu Textkristallen ausgeschliffen sind, ist das alltägliche Draußen ausgeschaltet. Das Bewusstsein stößt direkt vor zum metaphysischen „Urgrund”. (Vgl. dazu das Kapitel zum „Heroischen Realismus“ in Lindner 1994.)

Jünger veröffentlichte Gärten und Straßen, den ersten Teil der später unter dem Titel Strahlungen zusammen gefassten Kriegstagebücher, bereits 1942. Auch sonst propagierten existenzphilosophisch orientierte Essayisten bereits vor 1945 das Tagebuch als Inbegriff einer „existentiell gerichteten” und gar „experimentellen” Schreibweise – so vor allem Max Bense (1943, in der Zeitschrift Das Reich), aber auch Gustav René Hocke, der wie Bense dann in den 1950er Jahren zu einer maßgeblichen Figur der Nachkriegskultur aufstieg (vgl. Schaefer 1984: 105).

Überhaupt wurde nun erst die existenzphilosophische Haltung der Inneren Emigration erst wirklich populär, die zuvor auf exklusive, wenn auch einflussreiche Zirkel beschränkt gewesen war. Aus begreiflichen Gründen konnten jetzt erst die wichtigsten Tagebücher der letzten 20 Jahre veröffentlicht werden. Holthusens Der unbehauste Mensch (1951) und Gustav René Hockes große Studie über Das europäische Tagebuch (1963) spiegeln diese literatur- und denkgeschichtliche Phase, wie übrigens auch die anderen literaturwissenschaftlichen Arbeiten über das Tagebuch als literarische Form, die sich nicht zufällig um diese Zeit erstmals häufen.

Die Vorläufer dieser Tagebuch-Kultur waren Hans Carossa (Rumänisches Tagebuch, 1924), Paul Alverdes (Die Quelle der Egeria, 1929), Wilhelm Lehmann (sein Bukolisches Tagebuch von 1929 erschien aber erst 1947) und eben Ernst Jünger (v.a. mit Das Wäldchen 125, 1925, und Das abenteuerliche Herz in der ersten Fassung von 1929). Mitte der dreißiger Jahre wurden dann zahlreiche poetisch und philosophisch befrachtete Reisetagebücher veröffentlicht (etwa von E.W. Eschmann, Karl Eugen Gass und Richard Gerlach). Und um Reisetagebücher handelt es sich streng genommen auch bei den literarischen Kriegstagebüchern von Walter Bauer, Erhart Kästner, Franz Tumler, Kurt Lothar Tank und Martin Raschke …

Daneben entstanden die geheimen Tagebücher und Gedankenjournale von Eugen Gottlob Winkler, Gerhard Nebel, Theodor Haecker, Jochen Klepper, Friedrich Reck-Malleczewen und Emil Barth, die erst nach Ende des Krieges nach und nach erschienen. (Auch die erst 1994 erschienenen Tagebücher Viktor Klemperers, der geistig den Genannten durchaus nicht fern stand, gehören im Prinzip in diesen Zusammenhang, sind allerdings inhaltlich in mancher Hinsicht untypisch.)

Und eben diese Tagebuch-Kultur war es, an der auch der Schweizer Max Frisch Anteil hatte: mit feuilletonistischen Arbeiten wie Kleines Tagebuch einer deutschen Reise und Tagebuch eines Soldaten (beide 1935) und vor allem mit seinen Schweizer Kriegstagebüchern Blätter aus dem Brotsack und Neue Blätter aus dem Brotsack (1940, 1941). Erst mit dem Tagebuch 1946 – 1949 macht er dann, wie zu zeigen wird, einen entscheidenden Schritt über dieses literarische Paradigma hinaus.

In dieser Tradition stehen zumindest zum Teil noch die Tagebücher, die seit den 1950er Jahren entstanden sind und eigentlich zur Nachkriegsliteratur zu rechnen sind, deren Autoren aber wie Frisch den Hauptteil ihrer literarischen Sozialisation noch vor 1945 erlebt haben: Besonders eindeutig ist das natürlich bei Walter Bauer (Ein Jahr. Tagebuchblätter aus Kanada, 1966), aber es gilt auch noch für Marie Luise Kaschnitz (Engelsbrücke. Römische Betrachtungen, 1955) und Luise Rinser (in ihren seit 1970 erschienenen sechs Alterstagebüchern).

Und selbst späte Texte, die bereits der folgenden Epoche zuzurechnen sind, weisen immer noch deutliche Bezüge zur Literatur vor 1945 auf: Kaschnitz’ Tage, Tage, Jahre. Aufzeichnungen (1968), Karl Krolows Poetisches Tagebuch (1965) und selbst die Tagebuchtexte Rekonvaleszenz von Peter Weiss (geschrieben 1971) und 22 Tage. Hälfte des Lebens von Franz Fühmann (1973).

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