Im falschen Leben II: Der einzige offene Raum, der bleibt, ist das Papier.

Auf diesen doppelten Beruf könnte man ganz biographisch-konkret auch die Korrelation von der „Geschlossenheit” als Signum der „modernen Zivilisation” und dem Städtebau, die für das Tagebuch 1946 – 1949 charakteristisch ist, zurückführen, aber ähnliche Stellen in den Tagebüchern von Kaschnitz (1968) und Peter Weiss (1991/1971) zeigen, dass es sich um eine zentrale literarische Metapher der Epoche handelt. Sie fasst in einem suggestiven Bild die Situation des „modernen Subjekts“ schlechthin zusammen: Das eingekapselte Subjekt, bedrängt von zugleich starren und wuchernden Strukturen, das sich nach dem Durchbruch ins Offene sehnt. (Dazu gehört übrigens auch die epidemisch sich vermehrende Wendung von der „bürgerlichen Fassade”, eine Lieblingsformel Adornos.)

Doch für das „Offene“ ist eigentlich gar keine Verwirklichung mehr denkbar, weder in einer Architektur neuen Typs noch überhaupt in irgendeiner Form gesellschaftlicher Integration, sondern streng genommen nur noch in der absolut gesetzten Subjektivität selbst, die allein in der entgrenzten Imagination bzw. dem entfesselten Sprachspiel der Literatur zu sich selbst kommt. Frisch gab folgerichtig seinen Architektenberuf zugunsten des Schriftstellerberufs auf. Das aber geschah erst nach Abschluss des ersten Tagebuches – obwohl sich zwischen den Zeilen die Entwicklung bereits abzeichnet, erhält er hier noch mit der Tätigkeit des Architekten, die parallelisiert wird mit einer engagierten Literatur im Sinne Brechts, die Option auf eine praktische Veränderung der „geschlossenen Gesellschaft“ aufrecht, deren Möglichkeit Adorno von Anfang an leugnet.

Die Städtebau-Metapher, die realistischen Gegenwartsbezug mit literarischer Suggestivkraft vereint, steht pauschal für das „babylonische Unterfangen, das wir Zivilisation nennen” (69; nicht von ungefähr wiederum eine Baumetapher): für erstarrte Ideologien, wuchernde Materie, entfremdete industrielle Arbeit (255f.) und den sinnlosen „Kreislauf” der zum Selbstzweck gewordenen „Industrie” (69). Dagegen spielen der „Konsum” und die neuen Medien Film und Fernsehen, die bei dem Amerika-Asylanten Adorno das hermetische „falsche Leben” bereits 1944 entscheidend prägen, Ende der 40er Jahre beim Schweizer Frisch noch keine Rolle. Das ändert sich im Prinzip auch in den 60er Jahren bei Krolow und Kaschnitz noch nicht, selbst wenn diese „Konsum” und „Fernsehen” nun zu den Eckpfeilern des „falschen Lebens” zählen. Diese Erscheinungen der „Bewusstseinsindustrie” betreffen in den Tagebüchern bis 1972, anders als bei Adorno, vorläufig nur die andern, die „Masse“, nicht das nonkonformistische Subjekt selbst. Der innerste Kern der Subjektivität ist noch nicht angegriffen, und damit steht auch die Literatur selbst, die von der Generation der 50er Jahre als offener Akt der Imagination verstanden wird, noch nicht wirklich in Frage.

Überhaupt ist es typisch, dass die heillos entfremdete Situation, in der sich das Subjekt in der „Moderne” befindet, nicht genauer analysiert, sondern pauschal als selbstverständlich vorausgesetzt und oft nur noch mit beiläufigen Kürzeln abgerufen wird – z.B. in Krolows Poetischem Tagebuch: „der konsumierte Poet im Bauche des Leviathan (sprich: Massengesellschaft, Wohlstandsgesellschaft usw.)” (Krolow 1966: 87f.).

Wenn man aus den je besonderen Tagebuch-Ichs der 30er, 50er und 60er Jahre ein abstraktes diaristisches Subjekt konstruiert, stellt man fest, dass es für die Befindlichkeit jenes diaristischen Subjekts und seine grundsätzliche Opposition zu der unliterarischen „geschlossenen Welt“ draußen keine entscheidende Rolle zu spielen scheint, mit welcher spezifischen gesellschaftlichen Ordnung sich das Subjekt konfrontiert sieht. Es kristallisiert sich also sozusagen eine Totalitarismustheorie eigener Art heraus, die Adornos Minima Moralia durch die implizite Parallelisierung von Hollywood und Auschwitz bereits deutlicher vorzeichnen: Als ‚totalitär’, und d.h. eben soviel wie ‚auf die Auslöschung offener Subjektivität zielend’, gelten eben nicht nur die faschistischen und stalinistischen Diktaturen, sondern letztlich auch die technokratischen Demokratien des Westens, obwohl sie sich selbst (mit Karl R. Popper) zu eben dieser Zeit als Gegenpol zum „Totalitarismus”, als „offene Gesellschaften”, zu definieren beginnen.

Diese Zuspitzung zur manichäistischen Opposition „Geschlossenheit versus Offenheit”, zum absoluten Gegensatz zwischen der total entfremdenden Gesellschaft auf der einen Seite und dem Subjekt bzw. der Literatur auf der anderen Seite, ist die Konsequenz, auf die bereits die Semantik und die Denkfiguren der Tagebuch-Literatur der 50er Jahre hinzielen. Der Befund der totalen Entfremdung, den man im Einzelnen gar nicht mehr belegen und ausdifferenzieren muss, ist gerade die Voraussetzung der totalen Subjektivität, auf die die Tagebuch-Literatur (und letztlich die Literatur der Epoche insgesamt) abzielt.

Das heißt nicht, dass es keine Widersprüchlichkeiten gibt – Frischs positives Verständnis von „engagierter Literatur” deutet darauf hin, dass auch andere Tendenzen wirksam sind. Allerdings verwischt sich dieser Widerspruch dann bei näherem Hinsehen wieder, sowohl durch Frischs subjektivistische Interpretation des Brechtschen Verfremdungseffekts (Frisch 1950: 279) wie auch durch die Tatsache, dass er an Sartre allein hervorhebt, dass einmal ein Sternenhimmel auf dem Theater nur mit Worten geschildert und also „der Imagination überlassen” wird (250). „Engagement” heißt im Tagebuch 1946 – 1949 letztlich nur, dass der Zuschauer eines Theaterstücks wie der Leser eines Romans bzw. eines Tagebuchs Spielraum für die eigene Imagination zugewiesen bekommt: „Spielplatz ist immer die menschliche Seele!” (251)

Frischs praktisches Engagement beschränkt sich folgerichtig auf den Appell zur Offenheit angesichts der sich verhärtenden Nachkriegsstrukturen durch die Unterschrift unter einen Aufruf von Schriftstellern (196) und die Teilnahme an Schriftstellerkongressen. Jeder Beitrag zum Aufbau konkreter Strukturen dagegen würde ein Mitwirken an der Verengung der Welt bedeuten. Selbst das Schwimmbad, das Arbeitern die Chance gibt, ans Wasser und unter den freien Himmel zu kommen (wenn auch inmitten der Stadt), ist zwar zweifellos weniger geschlossen als eine Uhrenfabrik, aber dennoch ist der fertige Bau für das schöpferische Subjekt einengend und befremdlich: Das „Fertige wird stets etwas trostlos sein, unheimlich; alles Fertige hört auf, Behausung unseres Geistes zu sein […]” (315)

Das „Gehäuse” wird zur „Verkrustung” (409). Im großen Maßstab erweist sich dies als das existenzielle Schicksal der „Menschenwelt” selbst (409). Die menschlich besiedelte Zone ist eng und grenzt überall an die grenzenlose und lebensfeindliche Natur: an das vereiste Hochgebirge (51), an das bedrohliche Gewässer, deren Tiefe eine „traumhaft-trübe Wildnis” birgt (48), an das unvorstellbare All. Letzten Endes gilt das für die ganze Erde: „ein Gestirn unter Millionen, ein langsam erkaltendes – .” (55)

Der Schriftsteller aber, der im Abschnitt Nach einem Flug diese Betrachtungen anstellt, betrachtet die „Menschenwelt” von den offenen Außenräumen her, in denen es in Wirklichkeit menschliches Leben, das immer an begrenzte Lebensformen gebunden ist, auf Dauer nicht geben kann.

Der einzige offene Raum, der bleibt, ist das Papier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.