Im falschen Leben I: Geschlossene Baulücken (Adorno, Frisch)

„Falsches Leben”, das heißt für Adorno im einzelnen den vollständigen Verlust des „unmittelbaren Lebens” (7), der Selbstbestimmung des Subjekts (39) und der „Erfahrung [seiner] selbst” (78), mithin den Verlust der „Subjektivität selber” (8). Verantwortlich dafür sind die anonymen Strukturen der modernen Zivilisation, die nicht nur die Menschen untereinander, sondern auch die „Lebenssphären” des einzelnen „atomisieren” (170); die „tiefste Verstümmelung” an „Leib und Seele” verlangen; die durch die „Ideologien”, die die „Kulturindustrie” verbreitet, jeden Gedanken „präformieren” (138); die alles, was früher „Leben” hieß (und nicht näher bestimmt wird), durch bloßen „Konsum” und „Farbenfilm und Fernsehen” ersetzen (7, 58).

Adornos Apokalypse ist also der Untergang einer bürgerlichen Lebensform, die allerdings (was er nicht sagt) auch früher nur für wenige und selbst für die nur als unrealistisches Ideal existierte – das Ideal einer freien Gemeinschaft „ganzer Menschen“ nämlich, die jederzeit über ihr Leben im allgemeinen und über die kulturellen Inhalte im besonderen bestimmen, denen sie sich aussetzen.

Das Szenario, das Frisch entwirft, ähnelt dem Adornos. Auch hier besteht die allumfassende Entfremdung darin, dass „die Technik in zahllosen Spielarten” zur „Entbindung aus dem erlebbaren Verhältnis” und damit zum Verlust des „menschlichen Maßstabs” führt (Frisch 1950: 52, 54). Dem Subjekt tritt in der „wirtschaftlichen Ordnung” die zivilisatorische Objektwelt nun als fremde gegenüber, die kraft ihrer gewonnenen Eigendynamik das Subjekt selbst zu einem Objekt macht, das „keine Wahl” mehr hat (159). Inbegriff dieses entfremdeten Subjekts ist der Bankangestellte, eine „versklavte Seele”, der an seinem „Pültchen” hockt und dessen Arbeit sich um sich selber, das heißt um das spukhafte „Geld” dreht, das vom Mittel zum Zweck geworden ist (68). Und als „Ersatz” bietet man ihm ein „Vergnügen” an, „das ebenfalls eine Industrie ist, ebenfalls in den Kreislauf gehört” (69).

Auch in Frischs Tagebuch sieht sich also das Subjekt (und der Schriftsteller als Anwalt des „Subjekts” schlechthin) mit einer „geschlossenen Ordnung” (117) konfrontiert, die Subjektivität unmöglich macht. Das heißt, zu Beginn des Tagebuchs 1946 – 1949 scheint die Situation noch nicht ganz so eindeutig. Für kurze Zeit scheint die Chance des existenziellen Nullpunkts noch gegeben zu sein, die Frisch , wie oben zitiert, in den Blättern aus dem Brotsack beschwor und die er nun, wie die deutschen Autoren der „Stunde Null”, im Zusammenbruch der Vorkriegsordnungen und in der Zerstörung der Städte erblickt.

„Vollkommen kaputt – ”, sagt seine Frau Constanze, als sie vom Zugfenster aus das zerstörte Deutschland sieht, und ein junger französischer Offizier antwortet: „Gott sei Dank, Madame – ” (151) Ganz grundsätzlich besteht darum das Tagebuch-Ich auch auf dem „Offenhalten der Wunden” (330), der existenziellen „Erschütterung” (311), der Wahrnehmung des „Entsetzlichen”, „die zur Veränderung zwingen würde” (385).

Gerade das sucht der Reisende „draußen” (44, 29), der jetzt die Gelegenheit nutzt, die Grenzen der kleinbürgerlichen Enklave Schweiz zu überschreiten. Er findet es vor allem in Berlin, dem Brennpunkt der deutschen und der europäischen Gegenwart (253), aber auch in der Warschauer Aufbruchsstimmung (295). Der Gegenpol dazu ist das ebenfalls in Besatzungszonen geteilte Wien, geschildert als eine urbane „Mumie”, wo man sich in anachronistische bürgerliche Konventionen flüchtet und „niemand etwas hören will von Berlin” (226).

Aber auch da „draußen” beginnt die existenzielle Lücke sich bereits zu schließen: Die Wunden werden vorzeitig verbunden (330), der Alltag kehrt in die zerstörten deutschen Städte zurück und erstickt die „Hoffnung, die der Zusammenbruch ausgelöst hat”, die Menschen „sehen eher schlechter aus” (197), nicht anders als die Prager nach der kommunistischen Machtübernahme (278). Ein Aufruf, an dessen Formulierung Frisch 1947 mitwirkt, sieht bereits voraus, dass die aggressive Ausrichtung der neuen Macht- und Wirtschaftsblöcke „den Wiederaufbau der Welt [paralysiert]” (196). Auch im Osten setzt mit der kommunistischen Gleichschaltung die Erstarrung ein, das „Nur-Ideologische”, „eine andere Art, nicht wirklich zu sein” (217): „lautlos webt sich der Vorhang” (288).

Überall repräsentieren die Städte die erstarrte und beengende Gesellschaft, die alle offene Subjektivität zu ersticken beginnt. Der Architekt und Schriftsteller erkennt, dass das „Nie-Gewesene beispielsweise der zerstörten Städte” eben keine „epische Chance” darstellt, aus der die Erzählliteratur „Räume unbekannten Lebens” gewinnen könnte (228f.). Anders als die offenen Rohbauten, die Frisch liebt, in Gestalt seines Schwimmbads wie in Gestalt des unfertigen Doms von Siena, repräsentieren die bloß stehen gebliebenen Ruinen eben „wesentlich keine neue Welt” (229). Die Städte werden wiederaufgebaut, aber nicht von Architekten wie Frisch selbst, die sich in der klassisch-modernen Bauhaus-Tradition um neue Lebensformen für den neuen Menschen bemühen.

Das negative urbane Wachstum, das die Baulücken schließt und die freien Flächen ringsum versiegelt, wird dabei von zwei anscheinend widersprüchlichen Tendenzen bestimmt, die zugleich repräsentativ sind für die Zivilisation selbst. Zum einen erstickt das Museale die Moderne im positiven Sinn: „ein altes Zürcherhaus mittleren Wertes” darf nicht abgerissen werden, um eine „freie, restlose Lösung” zu ermöglichen (184). Dem entspricht auf kulturellem Gebiet die Vorherrschaft einer konservativen Ästhetik und „Geistigkeit”, die als erstarrte Larve der technischen Zivilisation fortbesteht und fortschrittliche künstlerische Ansätze, wie die Literatur Brechts und Frischs, abzuwehren versucht.

Auf der anderen Seite geht diese Überreglementierung und ideologische Erstarrung gerade einher mit der „formlos wuchernden Versteinerung” der Vorstädte (41), wie die Technik überhaupt Äußerung einer besinnungslosen und vitalen Kraft (409), die unabhängig vom bürgerlich-restaurativen Überbau wirkt.

Bedeuten beide Tendenzen für sich genommen schon eine Entfremdung des handelnden Subjekts, weil sie ihm jeweils keinen Raum zur schöpferischen Planung lassen, spiegelt zugleich die Trennung von wild wucherndem Unterbau und erstarrtem Überbau eine Entfremdung höherer Ordnung, nämlich die Entfremdung des reflektierenden vom handelnden Subjekt. Die erstere Entfremdung ist das Problem des Architekten, die letztere das Problem des Schriftstellers Frisch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.