Max Frisch: Alles Fertige hört auf, Behausung unseres Geistes zu sein.

Die Sehnsucht des Subjekts, sich selbst zu schreiben, kommt auch in Frischs Tagebuch 1946 – 1949 zum Ausdruck. Aber konsequenter als bei Kaschnitz und Krolow erheben hier die stark gefilterten und bearbeiteten Aufzeichnungen bereits verstohlen den Anspruch, eine Literaturform aus eigenem Recht zu sein. Schon deshalb, weil Frisch kein Lyriker ist, gibt es hier keinen eigentlichen, magischen Text, kein geschlossenes „Werk“ hinter dem offenen Tagebuch. Auch die Theaterstücke, von deren Entstehung er berichtet, sind wesentlich „Entwürfe”, die ihre eigentliche Existenz während der Proben haben (1950: 315).

Doch das erste Tagebuch ist zugleich, wie gesagt, eine Art missink link zwischen den Epochen. Hier gibt es durchaus noch Stellen, in denen eine genuin lebens- und existenzphilosophische Metaphysik zum Ausdruck kommt. Und das nicht allein im sprachlichen Gestus der „leeren Transzendenz”, den Frisch selbst so definiert:

Man sagt, was nicht das Leben ist. Man sagt es um des Lebens willen. Wie der Bildhauer, wenn er den Meißel führt, arbeitet die Sprache, indem sie die Leere, das Sagbare, vortreibt gegen das Geheimnis, gegen das Lebendige. (39)

Das gilt hier eben (noch) nicht nur für die Sprache. Auch der Krieg erscheint als eine Art Meißel, der „das Leben” befreit und so in Wirklichkeit die offene Situation des Neuanfangs ermöglicht, die die Texte Frischs obsessiv umkreisen. Immer wieder beschreibt Frisch die Zerstörung der Städte, Münchens, Frankfurts, Berlins und Warschaus, die hier auch einen positiven Aspekt hat. Wenn das scheinbar selbstverständliche „Gefäß unsres Lebens” zerbrochen ist, kommt „ein fragloses Lebenwollen” zum Vorschein:

Es gehört zum Erlebnis fremder Städte, dass die Vielzahl der Menschen, die man nicht kennt, plötzlich wie ein einziges Lebewesen erscheint, dass einzelne Tode verwunden können, aber nicht töten, immer wieder wachsen ihm die Städte, es ersetzt sich die Kruste, wo immer sie zerstört ist, und das Lebenwollen […] beginnt abermals […] (297)

Der ideologische Kontext dieser und ähnlicher Stellen war für die Zeitgenossen ohne weiteres verständlich. Für den heutigen Leser wird deutlicher, was gemeint ist, wenn man sie in einen Zusammenhang stellt mit den Schlüsselstellen aus Blätter aus dem Brotsack. Neue Folge (1940/1941), in denen der Grenzsoldat Frisch den Weltkrieg als epochale Existenzkrise deutet. Er kritisiert darin die Haltung der Schweizer Spießbürger, die den Krieg nicht als diesen Einschnitt erkennen, weil sie hilflos sind „gegenüber dem Leben schlechthin”, weil sie eine „gigantische Fremde” fühlen „vor allem Lebendigen, das nun einmal seinem Wesen nach ungemütlich und ungeheuerlich ist” (Frisch [1941/1942]: 92). Dagegen setzt der Lebensphilosoph, der Frisch damals noch ist, seine eigene Erfahrung:

Wir sehen auf das Erlebnis dieses Sommers, dieses Ereignisses, das eine Unsumme von Schicksalen zerstampfte – und vielleicht ausreicht, um die Ahnung aufzubrechen von einer Verwandlung, von einem gänzlich Neuen an Haltung, von einer Gestaltung des Lebens, von einem Beginn, von einer Befreiung zu neuer Verpflichtung; […] mit dem Bekenntnis zum Ewig-Unsicheren, das das Leben in der Schwebe hält wie eine glühende Kugel […] (102f.)

Im Tagebuch 1946 – 1949 findet sich kein solches Manifest mehr, aber der Grundgedanke ist, wenn auch zur Chiffre verkürzt, noch vorhanden – insbesondere in einem Motivkomplex, der sich durch den ganzen Text zieht: in dem Gegensatz zwischen den Ruinen der abendländisch-urban-männlichen Zivilisation und dem vitalen Leben. Ruinen und Gras, Ruinen und erotisch-vitale Lebenslust in den Katakomben, Ruinen und Frauen, Ruinen und „Neger”. „Die Schwarzen“ werden dabei auffallend häufig den Frauen zugeordnet, die als „konkreter erlebend”, „heiler als die Männer, wirklicher” (211) gelten. Auch sie stehen für ein „Leben ohne Zerfall, Gegenwart ohne Schaden” (410), also ganz ähnlich wie bei Kaschnitz für die Antithese zum lebensfremden Europa.

Die konkrete Vision eines „neuen Lebens“ bleibt faszinierend, aber sie ist keine reale Möglichkeit mehr, jedenfalls nicht mehr für einen europäisch gebildeten Mann wie den Tagebuchschreiber, von dem man beiläufig erfährt, dass er eine Frau, zwei Kinder und einen bürgerlichen Beruf hat (den des Architekten). Nur in der literarischen Imagination, ja eigentlich nur noch in der elegischen Reflexion des Diaristen, erscheint nunmehr die Synthese des geistigen und des vitalen Pols möglich. Die Denkfigur der „Krise” existiert also noch, aber nicht mehr die ursprünglich damit verbundene Hoffnung auf ihre Überwindung.

Diese neomodernistische Tendenz bestätigt sich, wenn man die Rolle der Natur und der Jahreszeiten betrachtet. In den Blättern war das Pathos der existenziellen Krise noch unmittelbar korreliert mit bedeutungsschweren Naturbildern wie dem folgenden:

Jetzt ist es November […] Es ist ein einsamer Wolkenabend über den Bergen, über den Tälern, über den Alpen, diese unsägliche Stille und Öde der Hänge. Wie roter Rost schimmern die Stauden, wie Grünspan scheint das Geröll. Bäche, unsichtbare, Wasserfälle rauschen aus der Tiefe abendlicher Räume, aus urweltlichen Kesseln. Ringsum fällt es ab […], sinkt es über Vorsprünge ins Leere […] Wind, das Kind der Leere, diese tonlose Leidenschaft, die aus Nichts kommt und Widerstand sucht: Wind, der die dürren Gräser über den Feldern schüttelt und über die scharfen Grate winselt, irr, rastlos, gnadenlos. Und fernhin über diesen Mulden und Kesseln, die voll Geröll sind, von menschenlosem, leuchtet eine Garbe silberner Strahlen. Ein Loch im ziehenden Gewölk, es dauert nicht lang. Alles ist Strömen, alles ist Wechsel. […] Wer aber Glauben trägt, wird sich noch freuen, wenn Gläubigkeiten zerschellen, und auch das Grauen segnen, das er glaubt, glauben muß. […] Gott aber, dem Ganzen, sind wir noch am nächsten, wo ringsum alles stürzt, wo uns seine Ferne entsetzt. (Frisch [1941/1942]: 104f.)

Ich habe diese Stelle ausführlich zitiert, um nachvollziehbar zu machen, wie sich in Frischs Tagebuchtexten dieses metaphysische Pathos und die damit verbundene Begeisterung für die ewig sich erneuernde Natur schrittweise verliert (vgl. hierzu auch Scholz-Petri 1980). Im Tagebuch 1966 – 1971 sind die emphatischen Naturbilder dann endgültig bedeutungslos geworden. Es gibt nun nur noch einen „Katalog” genannten Abschnitt, der in Stichworten Erfahrungen aufzählt, die früher einmal lyrisch gewesen wären und sich auch (aber nicht nur) auf die Natur beziehen.

So weit geht das Tagebuch 1946 – 1949 noch nicht, aber bereits hier sind die Naturschilderungen selten und vor allem nicht mehr explizit philosophisch aufgeladen (zu den bedingten Ausnahmen vgl. unten den Abschnitt „Offenheit”). Meistens begnügt sich Frisch mit dem Verweis auf das immer von neuem aus den Ruinen sprießende Gras.

Wo er ausführlicher wird, wie etwa in den ersten beiden Pfannenstiel-Abschnitten, die bezeichnenderweise Jahreszeiten des Übergangs schildern (Herbst und Frühling), fehlt die ausdrückliche Deutung. Allein der Tonfall signalisiert noch Bedeutungsschwere und zeigt an, dass es sich um (allerdings nun sehr vage) Chiffren handelt und nicht nur um das Festhalten schöner Augenblicke. Es ist auch nicht mehr klar, was für ein „altes Leben“ endet und was für ein „neues Leben“ einsetzt. Letztlich wird nicht mehr ausgesagt, als dass „das Werden köstlich [ist], was es auch sei”.

Der Abschnitt, der diesen Satz enthält, ist übrigens einer der wenigen, in der ein Bezug auf die Jahreszeiten unmissverständlich in einem bedeutungsvollen Kontext steht: Die Schilderung eines Wintermorgens geht unmittelbar über in das Schaudern vor den fertigen, nämlich erstarrten und endgültig fixierten „Werken”, dem Schwimmbad, das er geplant hat und dem Stück, das bald Premiere hat:

Alles Fertige hört auf, Behausung unseres Geistes zu sein […] – man sieht jetzt den warmen Atem der Arbeitenden als silbernen Hauch, der sich immerfort verliert … (315)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.