10 Filterung und Projektion: Der ‚Ureintrag’.

Man kann nun fragen, warum es gerade bei der Untersuchung von formal so schlichten Texten, wie es Tagebücher meist sind (oder jedenfalls zu sein scheinen), derartiger theoretisch-abstrakter Operationen bedarf. Und es stimmt schon, dass diese gelegentlich merkwürdig unangemessen wirken können – beispielsweise angesichts von Eintragungen wie dieser (aus Peter Rühmkorfs „Tabu I”, 1995):

14. Sept. [1989] Beim Grindel-Chinesen, Chop-Suey, süßsaure Suppe. Bei der Gosch zum Haareschneiden – im Toilettenspiegel mein schon ziemlich gelichteter Pinsel. Tagebuch: das unqualifizierte ressentimentale Gebrummse, mit dem man den Tagesablauf begleitet. Das Schicksal. Das Wetter. Die Nachrichten.

Was soll man da groß analysieren, wird man einwenden, und vielleicht auf den Theoriefetischismus einer Literaturwissenschaft verweisen, die eben deshalb kaum mehr Erkenntnisse von öffentlichem Interesse mehr produziere, weil ihr die objektive Welt und mit ihr die konkrete, lebendige Subjektivität zunehmend aus dem Blick gerate. Was soll also das weltenthobene Reden von einer ‘abstrakten Textinstanz als Funktion des semantischen Systems’?

Gerade die ‚authentische’ Tagebuch-Literatur zeigt jedoch, dass es ‚die Wirklichkeit’ nicht gibt. Sie ist ein Konstrukt, das jeder mündliche oder schriftliche Text (und übrigens auch jede nichtsprachliche Zeichenfolge) teilweise bekräftigt und teilweise transformiert. Wie das im Einzelnen funktioniert, lässt sich am Beispiel der Tagebuch-Literatur besonders gut studieren, d.h. einer literarischen Form, die gerade auf der Betonung ihrer ‚Wirklichkeitsnähe’ und der Ableugnung ihrer Literarität beruht.

Darum sind die Tagebücher, die im profansten Klartext gehalten sind, am schwierigsten zu analysieren. Gerade hier verfallen bislang auch die wissenschaftlichen Tagebuchleser, trotz allen theoretischen Erkenntnissen über das ‚literarische Ich’, unwillkürlich dem Sog des Faktischen bzw. dem monotonen Singsang der Authentizitätsrhetorik. Dann wird nicht mehr oder jedenfalls nicht mehr radikal genug gefragt, warum genau das beschrieben wird (und nicht die restlichen 99,99 %, die einen Tag ausmachen), warum es genau in diesen Worten dasteht und über welche nicht ohne weiteres erkennbaren semantischen Strukturen eine Eintragung mit dem Kontext verbunden ist, in dem sie erst ihre eigentliche Bedeutung erhält. Und diesem suggestiven Sog kann man nur entgehen, wenn man sich den spezifischen Aufbau des diaristischen Textes wenigstens einmal systematisch und mit allen theoretischen Implikationen bewusst gemacht hat.

Gerade wegen der Formlosigkeit und der geringen thematischen Konzentration von Tagebüchern pflegt bei der Lektüre bereits nach einigen Sätzen der Eindruck zu entstehen, dass man das authentische Zeugnis eines ganzen Lebensabschnitts und eines besonderen Charakters vor sich hat. Das ist allein deshalb erstaunlich, weil selbst im ausführlichsten Tagebuch der sprachliche Niederschlag eines gelebten Zeitabschnitts bei näherem Hinsehen sehr gering ist: Aus einem Tag gewinnt der Diarist ein paar karge Worte und oft bleiben größere Zeitspannen ohne jeden Eintrag.

Ein Tagebuch ist also ein überaus abstrakter und elliptischer Text, im Gegensatz etwa zu einer konventionellen Erzählung, von der man eine viel größere Informationsdichte erwartet. Und insofern es einen massiven Filterungsvorgang voraussetzt und allein schon formal bewusst hält (durch die datierten ‚Fragmente’ nämlich), thematisiert es immer schon den eigenen Schreibprozess.  Wenn der Text dennoch im Regelfall ganz ‚natürlich’ und nicht analysebedürftig wirkt, dann deshalb, weil der Leser das Fehlende ohne großes Nachdenken ergänzt – gemäß den kulturell eingeführten Paradigmen diaristischen Schreibens und dem eigenen Bild von vollständiger ‚Wirklichkeit’ bzw. ‚Subjektivität’, und vor allem gemäß einer allgemeinen (natürlich selbst wieder kulturspezifischen) Vorstellung, wie die ‚authentische’ Übersetzung einer komplexen und ungeordneten ‚Wirklichkeit’ in einen diaristischen Text sich vollzieht.

Dieser Übersetzungsprozeß, der zum kleinsten Teil im Text beschrieben und größtenteils implizit vorausgesetzt ist, wird erst dann problematisch, wenn ein Tagebuchtext der Authentizitätsforderung nicht entspricht, die die Kultur, der er entstammt, an die Tagebuch-Literatur richtet – wenn er also etwa einen zentralen Bereich der ‚Wirklichkeit’ ausklammert oder wenn die sprachliche Form den Inhalt nicht angemessen zu repräsentieren scheint. (Umgekehrt kann natürlich der Text selbst den diaristischen Übersetzungsprozeß an Stellen problematisieren, die gemäß der kulturellen Konvention als unproblematisch erscheinen.)

Dem Filterungsvorgang, den der Tagebuchtext impliziert, entspricht zugleich ein Projektionsvorgang. Jeder Leser, auch ein Tagebuchschreiber, der einen eigenen, zeitlich weiter zurückliegenden Text liest, projiziert ‚hinter’ die einzelne Eintragung ein mehr oder weniger konkretes Bild der ‚wirklichen Welt’ und des ‚wirklichen’ Subjekts, indem er den diaristischen Filterungsvorgang in Rechnung stellt.

Dieser Projektionsvorgang ist, wenn er dem Text angemessen sein soll, nicht beliebig. Denn umgekehrt enthält der diaristische Text (wie jede schriftliche Äußerung) nicht nur die Textinstanz als abstrakte ‚Sprecher’-Funktion, sondern auch einen ebenso abstrakten ‚impliziten Leser’, d.h. der Projektionsakt, den er fordert, ist im Text bereits angelegt.

Im Fall eines Tagebuchs, dessen Veröffentlichung vom Verfasser autorisiert ist, lassen sich ganz grundsätzlich und jeder textspezifischen Analyse vorgreifend fünf Stufen der Filterung bzw. der Projektion unterscheiden:

(1) die stilistische Auswahl, Bearbeitung und gegebenenfalls Ergänzung des ‚spontan’ niedergeschriebenen diaristischen Materials, das als Text einer Öffentlichkeit präsentiert wird (die kleinste Stufe dieser Öffentlichkeit ist im Fall eines unveröffentlichten Tagebuchs der Schreiber selbst);

(2) die thematische Auswahl aus dem diaristischen Material, das in ein Tagebuch aufgenommen wird (durch Ausscheiden von „Irrelevantem”, „allzu Privatem” oder sonstwie Peinlichem);

(3) die Sprachkompetenz des Subjekts, das ja bereits während einer ‚spontanen Aufzeichnung’ irgendwelche Sachverhalte in Begriffe fasst und sie umgekehrt dadurch erst als solche definiert;

(4) die unbewusste psychische Wahrnehmungsstruktur und die psychische Kapazität des Subjekts, die dafür verantwortlich ist, dass es bestimmte Erfahrungen auf eine bestimmte Weise macht und andere ausschließt oder gar nicht für möglich hält;

(5) das mehr oder weniger bewusste Relevanzschema des Subjekts, dem gemäß es seine Aufmerksamkeit auf bestimmte Ausschnitte der Wirklichkeit richtet und dabei auf eine gewissen Schärfengrad einstellt.

Diese Projektion ist wie gesagt einem konkreten Leser nicht bewusst, solange das Authentizitätspostulat des diaristischen Paktes nicht grob verletzt wird. Allerdings heben bestimmte Tagebucharten, im Normalfall ein Einverständnis mit dem Leser voraussetzend, eine bestimmte Ebene oder mehrere besonders hervor: Diaristische Aufzeichnungen betonen die stilistisch-semantische Ebene, weil sie eine nichtalltägliche Wahrheit anvisieren; Reise-, Krankheits- und Diplomatentagebücher betonen die thematische Auswahl; seismographische Notate betonen den Übersetzungsprozeß von Welt in Sprache; subjektive Journale betonen psychische Erlebnismuster; Logbücher konzentrieren sich auf die Bestandsaufnahme ‚objektiv’ relevanter Daten der Außenwelt.

Jede Tagebucheintragung bezieht sich auf eine vollständige ‚Welt hinter dem Text’, als deren Fragment sie erscheint. Diese Welt setzt sich in unterschiedlichem Mischungsverhältnis zusammen aus dem allgemeinen Weltbild, das die jeweilige Kultur als objektiv setzt, aus einer textspezifisch aktualisierten und modifizierten Variante dieses Weltbilds, das nur aus den Eintragungen selbst zu erschließen ist, und schließlich aus dem idiosynkratischen Weltbild des schreibenden Subjekts. Vor dieser mehr oder weniger deutlichen Hintergrundprojektion erhält die einzelne Aussage, die einen besonderen Auswahl- und Thematisierungsvorgang repräsentiert, erst ihre eigentümliche Bedeutung. Die Rekonstruktion dieses nur angedeuteten, mehrschichtigen Kontextes ist also eigentlich die Voraussetzung, um irgendeine Aussage in einem Tagebuchtext zu entschlüsseln.

Die Schwierigkeit dabei besteht natürlich darin, dass sich die textspezifische Welt ja in der Praxis erst Eintrag für Eintrag formiert. Streng genommen muss man also unterscheiden zwischen der Bedeutung, die eine Eintragung im synchronen Zusammenhang des Buches hat und der Bedeutung, die sie im diachronen Zusammenhang des Diariums hat, d.h. an ihrem Ort in der Reihe anderer Eintragungen (bzw. im Verlauf einer einmaligen, sukzessiven Lektüre). Da aber jede Eintragung eine ‚vollständige Welt’ voraussetzt, ist es am zweckmäßigsten, zuerst den ganzen Text als synchrones semantisches System zu betrachten. Dann lässt sich erst entscheiden, welche Teile dieses Systems durchgehend gelten und welche Teile sich im Verlauf des Textes verändern.

Es ließe sich also für jedes Tagebuch eine Art „Ureintrag“ konstruieren – eine fiktive ‚vollständige’ Eintragung, die alle Wirklichkeits- und Aussageebenen umfasst, die im Text vorkommen und die gleich bleibenden Strukturen seiner ‚Welt’ ausmachen. Dem Ureintrag des Textes wäre dann im Idealfall noch der Ureintrag seiner Kultur an die Seite zu stellen, der sozusagen die Summe aller kulturell repräsentativen Tagebucheinträge der Epoche realisiert und so den diaristischen Möglichkeitshorizont einer Kultur verkörpert. Wenn etwa in einem Tagebuch Äußerungen zur Sexualität nicht im textspezifischen ‚Ureintrag’ enthalten sind, ist das nur dann bedeutungsvoll, insofern der jeweils gültige kulturelle (oder subkulturelle) ‚Ureintrag’ eine solche Möglichkeit überhaupt vorsieht (in den fünfziger Jahren ist das z.B. nicht der Fall, in bestimmten subkulturellen Zusammenhängen der späten siebziger Jahren wird es beinahe schon erwartet). Der einzelne Eintrag läßt sich also grundsätzlich dadurch charakterisieren, dass und wie er bestimmte Teile des text- bzw. kulturspezifischen ‚Ureintrags’ aktualisiert, aber auch dadurch, welche Teile er wegläßt.

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