20 Exkurs: Subjekt/Subjektivität (metasprachlich)

In dieser Untersuchung wird insbesondere von „Subjekt” bzw. „Subjektivität” sehr häufig die Rede sein müssen. Das macht den folgenden Exkurs notwendig, der notwendig recht abstrakt ausfallen wird. Natürlich kann es hier nicht um eine erschöpfende Behandlung der damit verbundenen philosophischen Fragen gehen. Die Rekonstruktion des „Subjektivitäts”-Begriffs erfolgt in rein heuristischer Absicht und soll nur so weit getrieben werden, wie es für das Verständnis der Tagebuch-Literatur seit 1950 nötig und zweckmäßig ist.

Die Begriffe „Entfremdung” und „Moderne” beruhen letztlich auf dem „Subjekt”-Begriff. „Entfremdung” ist von Anfang an eine zentrale Kategorie der Subjekttheorien: Seit Hegel und Marx (und eigentlich schon in den goethezeitlichen Bildungsromanen) wird das Subjekt de facto als Resultat, eben nicht als Ursprung, eines individuellen Entäußerungsprozesses verstanden, der sich erst krisenhaft zuspitzen muss, bevor er zum Ziel führt. Erst wenn das menschliche Individuum seine Äußerungen (bzw. ‘die Natur’ als den Raum seiner möglichen Aktivität) als getrennt von sich und also als „entfremdet”/„entfremdend” erfahren hat, kann es sich diese in einem Akt der Reflexion, der politischen Aktion oder auch in einem ästhetischen Akt aneignen. Dieser Akt der Aneignung (und nicht bereits der Akt der Äußerung) stiftet erst eigentlich Subjektivität, d.h. das Bewusstsein eines eigenen „Selbst”.

Ohne ein „Entfremdungs”-Erlebnis gibt es also keine „Subjektivität” im eigentlichen Sinn. Ebenso fällt der Begriff der „Moderne”, wie oben angedeutet, zusammen mit dem großen Subjektivierungsprozess, als den man jedenfalls die Geschichte der abendländischen Kultur zu betrachten gewohnt ist – ob man nun „die Moderne” in der Renaissance beginnen lässt (mit der praktischen und theoretischen Selbstermächtigung des ‚Subjekts’), oder erst am Ende der Aufklärung bzw. zu Beginn der industriellen Revolution (als dieses eben inthronisierte Subjekt sich selbst fragwürdig zu werden beginnt).

Der Schlüsselbegriff lautet also „das Subjekt” oder „die Subjektivität”. Nun gibt es „das Subjekt” streng genommen nicht, es gibt nur historisch konkrete Individuen. Wenn von „dem Subjekt” die Rede ist, handelt es sich immer schon um eine philosophische Abstraktion, die dann eigentlich nur eine bestimmte, mehr oder weniger genau umrissene Konzeption von „Subjektivität” meint.
Bereits Schelling kritisierte in diesem Sinn scharfsinnig den cartesianischen Subjektbegriff der orthodoxen (Früh-)Aufklärung: „Das in dem cogito eingeschlossene sum hat also nicht die Bedeutung eines unbedingten Ich bin, sondern nur die Bedeutung eines ‘Ich bin auf gewisse Weise’, nämlich eben […] in der Art zu seyn, welche man denken nennt.”

Subjektivität entsteht also, wenn ein Individuum sich als Ursprung einer bestimmten Äußerung begreift: als Ich, das sich als jemand erkennt, der ‚denkt’, d.h. präzise definierbare Gedanken hervorbringt; als Ich, das sich als jemand erkennt, der materielle Produkte hervorbringt; als Ich, das sich anhand des Geschriebenen als jemand erkennt, der schreibt, usw. Obwohl das im Wortgebrauch oft nicht auseinander gehalten wird, gehört also genau genommen immer schon zweierlei zur Subjektivität: ein Äußerungsakt und die daran geknüpfte Selbstreflexion (die sich nicht in streng rationaler Form vollziehen muss).

Ein Individuum, das nur arbeitet, aber sich nicht als jemand erkennt, der Produkte und damit Werte hervorbringt, ist demnach nur ein potenzielles Subjekt (in der marxistischen Terminologie: „nicht klassenbewusst”). Der umgekehrte Fall, dass ein Subjekt sich als jemand reflektiert, der reflektiert, ist dagegen möglich: dann nämlich, wenn man „Reflektieren” als „Äußerung von Sätzen”, als Sprechakt, versteht, wie es bereits Descartes de facto tat. Wenn man nun den abstrakt-hermeneutischen Standort „des Subjekts” verlässt, das sich selbst zu verstehen versucht, und die Position des historischen Analytikers einnimmt, erkennt man, dass Individuen sich nicht selbst zu Subjekten machen. Wer von einem Subjekt spricht, müsste eigentlich jeweils den historischen Bezugsrahmen angeben: Auf was bezogen wird einem historischen Individuum der Status des „Subjektes” zugeschrieben (von sich selbst, von seiner Kultur)?

Das ist der Ausgangspunkt Foucaults: Ihm zufolge werden Individuem erst durch verschiedene Verfahren der (Selbst-)„Objektivierung” zu „Subjekten” gemacht – durch sprachliche Sinnsysteme und theoretische Diskurse, die bestimmte Stellen für ein ‚Subjekt’ ausdrücklich definieren oder implizit aussparen (dazu gehört dann auch die Literatur im allgemeinen, eine bestimmte literarische Richtung oder eben auch das Genre der Tagebuch-Literatur); durch „Selbstpraktiken” (z.B. asketische Exerzitien zur  Objektivierung des Körpers und des sexuellen Begehrens) und durch eine Mischform aus theoretischem Diskurs und Praktik, die Foucault „Teilungspraktiken” nennt. (Etwa die Trennung von ‚Verrückten’ und ‚geistig Normalen’, die nicht einfach theoretischen Richtlinien folgt, sondern einem nirgends ausformulierten, quasi rituell internalisierten und weitergezeugten ‘Diskurs’, den erst der praktische Vollzug selbst hervorbringt).

Der heuristische und textbezogene Subjektivitätsbegriff, der dieser literaturwissenschaftlichen Untersuchung zugrunde liegt, repräsentiert in etwa den Teil des Foucaultschen Subjektivitätsbegriff, der sprachliche bzw. diskursive Formationen betrifft. Foucault geht von der „Aussage” aus, d.h. von einem konkreten Sprechakt/Äußerungsakt, der in einem bestimmten historisch-praktischen Kontext ein bestimmtes „Wissen” zum Ausdruck bringt oder formuliert. Diese historisch-konkreten „Aussagen”, das einzig Greifbare für den Kulturhistoriker, formieren erst die „diskursive Formation”, die eine abgeleitete, abstrakte und instabile Größe ist, nämlich die Menge aller unter einem bestimmten Gesichtspunkt gleichartigen Aussagen, die zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt an einem bestimmten kulturellen Ort präsent sind und somit den unhintergehbaren Horizont jeder weiteren Aussage bilden.

So wie nun jeder isolierte Satz ein grammatikalisches Subjekt impliziert, so impliziert nun jede schriftliche Aussage eine Art literarisches Subjekt, den Punkt sozusagen, an dem sich alle semantischen Achsen der Aussage schneiden. Foucault nennt dies häufig eine „Subjektstelle”, womit ausgesagt ist, dass es sich hier um eine je besondere, sprachlich erzeugte Identität handelt, in die einzelne Individuen von Fall zu Fall, für die Dauer der Aussage, schlüpfen können. Aber nur im Fall bestimmter Typen von face-to-face-Kommunikation fällt das Individuum selbst (d.h. seine leibliche Präsenz bzw. das, was Goethe „Dämonie” nannte) als Teil einer Aussage ins Gewicht. Wenn eine Aussage schriftlich fixiert wird und damit unabhängig von der Anwesenheit eines sich äußernden Individuums bestehen bleibt, hat es der Leser dagegen mit einem literarischen Subjekt zu tun und mit nichts sonst. Streng genommen ist also jede philosophisch erörterte und auch jede (etwa in einem Tagebuch) schreibend vorausgesetzte Subjektivität ‚nur literarisch’.

Weil alle Debatten über Subjektivität, gerade auch in der Literaturwissenschaft, hochgradig polemisch aufgeladen sind und auch dem, der hier keinen ausdrücklichen Standpunkt bezieht, dann mit Sicherheit ein Standpunkt unterstellt wird, ist es an dieser Stelle wohl nötig, ausdrücklich Stellung zu beziehen: Der skizzierte Subjektivitätsbegriff erscheint mir zweckmäßig für die Analyse literarischer Texte. Ich verbinde damit keinen philosophischen Anspruch, wie ihn Foucault selbst erhob. In den selbst schon literaturgeschichtlich bedeutsamen Auseinandersetzungen zwischen strukturalistischen bzw. systemtheoretischen Philosophien (z.B. von Foucault, Luhmann) und hermeneutischen Philosophien (z.B. von Habermas, Manfred Frank) versuche ich also, so gut es geht, neutral zu bleiben. Es ist mir aber klar, dass ich mich damit dennoch der hermeneutischen Kritik aussetze, wie sie etwa Manfred Frank an Foucault übt:

„Schon in diese scheinbar rein verfahrenstheoretische Besinnung geht eine massive These über das Wesen von Subjektivität ein […] Es wird nämlich dadurch unterstellt, dass Subjektivität sich immer in der Position eines Eingesetzten, genauer: in der Position eines durch eine symbolische Ordnung Instituierten, sich befindet.” (Frank 1983: 196f.)

Tatsächlich glaube ich, dass ein solches Vorgehen solange möglich und eigentlich zwingend ist, als man es eben nicht mit lebendigen Individuen selbst zu tun hat, sondern mit literarischen Texten, deren Wesen ganz offensichtlich in ihrer ‚symbolischen Ordnung’, d.h. eben in ihrer semantischen Struktur, besteht. Damit ist noch kein Urteil darüber verbunden, ob gelebte Subjektivität (im Gegensatz zur gedachten/geschriebenen) tatsächlich nichts anderes ist als eine Funktion von sprachlichen bzw. semiotisch kodierten Strukturen. Ich behaupte hier nur, dass diese spekulative Frage den Gegenstandsbereich einer exakten Literaturwissenschaft überschreitet und dass jeder indirekte Rückschluss von literarischen Texten auf „Subjekte” im emphatischen Sinn, also auf die konkreten Urheber oder auch auf die Rezipienten, zumindest die vollständige Analyse der literarischen Zeichensysteme und der Subjektkonzeptionen, die sie implizieren, voraussetzt.

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