23 Eine provisorische Rekonstruktion des Subjekt-Begriffs

Bei der weiteren Rekonstruktion des „Subjekt“-Begriffs stütze ich mich auf Manfred Franks bei aller hermeneutischen Parteilichkeit sorgfältige und kenntnisreiche Darstellung des philosophischen Subjektivitäts-Diskurses. Sein Buch „Was ist Neostrukturalismus?” (1983) ist gerade im Zusammenhang dieser literaturwissenschaftlichen Untersuchung besonders geeignet, um die Grundlagen des Subjektivitätsproblems zu klären, und zwar in metasprachlicher wie in objektsprachlicher Hinsicht:

Erstens beschränkt sich die Argumentionsebene von Franks Buch, das auf einer Vorlesungsreihe beruht, auf das Herausarbeiten von Grundlinien und ist so verhältnismäßig leicht auf literarische Subjektivitätskonzeptionen zu übertragen. Zweitens greift Frank in seiner philosophischen Argumentation vor allem auf die romantische Hermeneutik zurück und begreift wie diese die Literatur als notwendige Vollendung einer nur-rationalen Subjektphilosophie. Und drittens resümiert Frank eine Auseinandersetzung, die die Epoche seit 1950 teilweise selbst prägt und zum anderen Teil jedenfalls Themen und Probleme widerspiegelt, die ‚in der Luft liegen’ – nämlich die Auseinandersetzung zwischen einer im weitesten Sinn „hermeneutischen” Position (der Frank u.a. auch den Freudianismus, Sartre und die Kritische Theorie zuschlägt) und einer wiederum im weitesten Sinn „neostrukturalistischen” Position, die den linguistic turn der 50er Jahre voraussetzt (er setzt sich auseinander mit Lévi-Strauss, Foucault, Derrida, Lacan und Deleuze). Ganz ähnliche Tendenzen bestimmen die gleichzeitige ‚moderne’ (Tagebuch-)Literatur, für die es überhaupt typisch ist, dass literarische Praxis und subjektphilosophische Theorie ununterscheidbar werden.

Franks Diskussion des Subjektivitätsproblems ist bei aller Verknappung selbst wieder überaus komplex, und überdies bietet er sie in der quasi-mündlichen, räsonnierenden Form von „Vorlesungen” dar. Daraus lässt sich jedoch eine aufschlussreiche Schematik gewinnen, die m.E. auch geeignet ist, die diaristischen Subjektivitätsentwürfe seit 1950 zu unterscheiden und zu verstehen. Demnach haben sich im Prozess des modernen Subjektivitätsdiskurses zwei idealtypische Pole ausdifferenziert, in deren Spannungsfeld sich dann die je besonderen Subjektkonzeptionen verorten. Sie entsprechen zwei Interpretationsmöglichkeiten des Begriffs „sich (ent)äußern”: Er kann verstanden werden als „sich (ent)äußern” im Sinne von „sich (mehr oder weniger unmittelbar) ausdrücken” oder als „äußern von etwas” bzw, „sich (mehr oder weniger souverän) äußern über etwas”. Im ersten Fall ist das Selbst („sich”) zugleich Subjekt und Objekt der Äußerung. Im zweiten Fall hat die Trennung zwischen Subjekt und Objekt bereits stattgefunden („äußern von”) bzw. sie wird konstatiert („sich äußern über”).

(a) Zu unterscheiden ist also einerseits ein Typus, der vor allem am Resultat des Äußerungsaktes orientiert ist, am verselbständigten Objekt im Sinne eines ‚Werkes’, das gewissermaßen als Abdruck oder Spiegelbild (Reflexion) des Subjekts aufgefasst wird. Indem das Subjekt dieser Äußerung, das als stabile und ausgewogene Identität verstanden wird, dieses Objekt als sein Werk anerkennt, erkennt es sich zugleich als „Subjekt” im emphatischen Sinn.

(b) Dem steht ein Typus gegenüber, der weniger am objektivierten Resultat der Äußerung und dessen reflexiv distanzierte Aneignung interessiert ist, sondern am Äußerungsakt selbst, verstanden als expressive Spur eines vital-dynamischen ‚Ursubjekts’. Auch dieses ‚Ursubjekt’ muss sich aber erst als solches erkennen (oder ‚erfahren’), d.h. auch hier ist ein distanzierender Reflexionsprozess Voraussetzung.  Ein konsequenter Repräsentant der ersten Richtung wäre Hegel, bei dem der subjektkonstituierende Reflexionsakt bestätigt, dass das Wesen der Subjektivität von Anfang an die Reflexion ist (und die kulturschaffenden Handlungen nur ihr Niederschlag sind). Demgegenüber konstruieren Marx und auf andere Weise auch Freud schon eine komplexere Dialektik der beiden idealtypischen Subjektivitäten: Das reflektierende Subjekt erkennt sich als seinem Ursprung nach vital-dynamisches Subjekt, gewinnt aber aus eben dieser Erkenntnis eine qualitativ höhere, quasi sublimierte Ebene von Subjektivität. Eine konsequente Version des zweiten Typus, der von Anfang an seine wesentlichen Ausprägungen in der Literatur findet, repräsentiert z.B. Schelling, auf den sich Frank selbst ausdrücklich beruft.

Das gilt in gewisser Hinsicht auch von Nietzsche, der jedoch zugleich bereits den Beginn einer zweiten Entwicklungsstufe dieser gewissermaßen ‚klassischen’ Subjektkonzeptionen verkörpert, die sich auf ein ‚Transzendentalsubjekt’ beziehen. Die Typen (a) und (b) finden nämlich ihre ‚modernere’ Fortsetzung in zwei Argumentationslinien, die diese metaphysischen Subjektkonzeptionen reflektieren, zueinander in Beziehung setzen und so erkenntniskritisch umformulieren, dass das transzendentale „Subjekt” gleichsam durch die „Subjektivität” ersetzt wird:

(c) Präreflexive Subjektivität: Die modernen hermeneutischen Richtungen beruhen Frank zufolge auf der mehr oder weniger ausdrücklichen Annahme, dass „das Subjekt”, das sich in einem „Objekt” oder auch einer Spur „wiedererkennt”, selbst als logische Voraussetzung dieses Wiedererkennens ein präreflexives Mit-sich-Vertrautsein habe, eine Art Ursubjektivität also, die aber weder das Wesen des idealistischen Subjekts sein soll noch ein vitalistisches Ursprungs-Subjekt, sondern ein „Identitätsbewusstsein”, „das nicht eins ist mit der Reflexion” (Frank 1983: 352) und das nur im Zusammenhang mit konkreten Äußerungen existiert.
Es handelt sich hier also letztlich um selbstkritische Weiterentwicklungen des idealistischen Reflexionsmodells, die an der systematischen Hierarchisierung von (oberflächlicher) Äußerung und (zugrundeliegender) Subjektivität festhalten – auch da, wo „das Subjekt” nicht mehr als ein auf sich selbst zurückweisender Grund gedacht wird, sondern als unablösbar von seinen individuellen und historischen Äußerungen und/oder als postexistentialistischer Entwurf in eine „offene” Zukunft.

(d) Relationale Subjektivität: Die Existenz eines Subjekts ‚hinter’ den Äußerungen, sei es als Grund oder sei es als zu verwirklichende Potentialität, wird bestritten. Die Kritik der vitalistischen an der idealistischen Richtung wird also nun auch auf die erstere ausgedehnt: Auch die Annahme eines vitalen Ursubjekts ist ein idealistisches Konstrukt. Es gibt keine ‚eigentliche’ dritte Dimension, Subjektivität erscheint demnach nur als Funktion von Sätzen oder „Aussagen” (womit Foucault Praktiken einschließt). Demnach gibt es mehr als eine Subjektivität – im Extremfall so viele, wie es Sätze oder Aussagen gibt, die jeweils eine Subjektstelle definieren bzw. aussparen. Diese ‚postmodernen’ Subjektkonzeptionen berufen sich gern auf einen ‚eigentlichen’ Nietzsche, den man von seiner vitalistischen Metaphysik abstrahiert.

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