Die eigene Existenz zum hinfälligen Bilde einer richtigen machen (Max Frisch, Adorno)

In der neomodernistischen Epoche erscheint die Krise als ein alles umfassender Zustand, nicht mehr als individueller, zeitlich begrenzter und dialektischer Vorgang, der seinen Fluchtpunkt ein einer zugleich utopischen und konkret greifbaren Lebensform hat. Die Fronten sind erstarrt. Das einzige, was bleibt, ist der ohnmächtige Protest des einzelnen in Gestalt der Literatur.

In den Tagebüchern Frischs findet sich daher keine „Wandlung”, keine Existenzkrise im alten Sinn, mehr. An biographischem Stoff hätte es dabei durchaus nicht gefehlt: Nach dem Erscheinen des Stiller verließ er seine Familie, gab den bürgerlichen Beruf als Architekt auf und wählte die ‚offene’ Existenz als freier Schriftsteller, als hauptberuflicher Fachmann für die Krise des modernen Subjekts sozusagen. Aber dieser einschneidende Schritt, der für jemand wie z.B. Hermann Hesse noch Anlass gewesen wäre, in eigener Sache das ganze pathetische Vokabular von Krise, Tod und Wiedergeburt zu neuem Leben abzuspulen, ist aus der überindividuellen Perspektive, die bereits das Tagebuch 1946 – 1949 entwirft, kein qualitativer Einschnitt mehr, der einen neuen Horizont eröffnet, sondern lediglich die notwendige Konsequenz aus der existenziell zugespitzten Situation der Gegenwart.

Stellvertretend stellt sich nun der Schriftsteller der Situation des „modernen Menschen“ schlechthin, und seine Mission ist es, die anderen über ihre Lage aufzuklären. Nur innerhalb der literarischen Fiktionen, die grundsätzlich klar als solche gekennzeichnet sind, bleibt die Sehnsucht nach der unmöglich gewordenen „Wandlung” das wichtigste Motiv.

Diese Absage an die Utopie der „Wandlung“ bedeutet für Frisch übrigens ebenso wenig wie für die französischen Existentialisten die grundsätzliche Absage an politisches Engagement, im Gegenteil. Er hält schon deshalb grundsätzlich an der Veränderbarkeit der Welt fest, weil ihn die erstarrte Gegenwart abstößt und Veränderung für ihn ein Wert per se ist. Genau diesen grundsätzlichen Sinn für „Veränderung” und Offenheit schätzt er am klassisch-modernen Brecht, aber dass dieser eine „genau beschreibbare Veränderung” will, befremdet ihn als Neomodernisten (Frisch 1950: 271ff.).

Das zeigt sich exemplarisch an dem einzigen wirklich abgeschlossenen „Werk”, von dem im Tagebuch die Rede ist: dem Schwimmbad Letzigraben, das in einem einfachen Züricher Stadtviertel errichtet wird und einen Freiraum im entfremdeten Leben der „Arbeiter und Angestellten” schafft (330). Auch dieses an sich durchaus gelungene Werk ist kein qualitativer Schritt in Richtung auf das andere, utopische Leben, das Frisch meint. Tatsächlich gibt er dann ja auch 1954 das Bauen endgültig auf zugunsten einer Literatur, die sich immer von neuem gegen „das Fertige” wendet, das unweigerlich „etwas Befremdendes, fast Erschreckendes” hat (298). Diese Ästhetik setzt er ausdrücklich in Beziehung zur Arbeit des Architekten. Auch „am ganzen Bauen” sei ihm eigentlich das liebste der „Rohbau, bevor die Dächer gedeckt sind”: „lauter Räume voll Himmel” (270).

Letztlich verkörpert nur eine prozessuale Schreibweise, die diese ‚offene’ Perspektive eröffnet, den letzten Rest emphatischer, unentfremdeter Subjektivität, der noch möglich ist. Allerdings setzt Frisch hier diese prozessuale Literatur noch gleich mit der subjektiven „Imagination” und noch nicht, wie die nächste neomodernistische Generation nach dem linguistic turn, mit dem „Schreiben” an sich, in dem jede Subjektivität verschwindet. Aber selbst diese bedingte Freiheit der Literatur ist in einer heillos entfremdeten Welt nicht mehr als Vorwegnahme der Utopie zu verstehen, wie bereits Adorno in Minima Moralia, seinen „Reflexionen aus dem beschädigten Leben”, unter dem bezeichnenden Titel „Antithese” dekretiert:

Während der [der nicht mitmacht] danach tastet, die eigene Existenz zum hinfälligen Bilde einer richtigen zu machen, sollte er dieser Hinfälligkeit eingedenk bleiben und wissen, wie wenig das Bild das richtige Leben ersetzt. […] Der Distanzierte bleibt so verstrickt wie das Betriebsame; vor diesem hat er nichts voraus als die Einsicht in seine Verstricktheit und das Glück, das in der winzigen Freiheit als solcher liegt. (Adorno [1951]: 22, 23)

Auch bei Adorno wäre die Voraussetzung gelebter ‚tieferer’ Subjektivität die unmöglich gewordene ‚Wandlung’, die er explizit als eine Art „Katharsis” beschreibt, in der das Subjekt „im Schrecken vorm Abgrund des eigenen Ichs” sich selbst erfährt. Nun aber existiere nurmehr die „Oberfläche des genormten Lebens” (78).

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