26 Die Aporien der „modernen Subjektivität” (objektsprachlich)

Die ‚eigentliche Moderne’ erscheint, jedenfalls aus der Perspektive der literarisch sozialisierten Intelligenz, insgesamt als epochenübergreifender Subjektivierungs- und Emanzipationsprozess. Der aber erweist sich bei näherem Hinsehen selbst als in sich gebrochen: Zum einen gehen ja auch die entfremdenden „Superstrukturen“ der ‚schlechten Moderne’ auf Resultate emphatischer Durchbrüche zurück, die ursprünglich ‚dem Subjekt’ immer größere Bereiche der Welt als Tätigkeitsfeld erschlossen haben.

Die „Dialektik der Aufklärung” (Horkheimer/Adorno) bzw. die moderne „Dialektik der Möglichkeit” (Peters 1991: 20) besteht also darin, dass nur auf die Abstraktion „das Subjekt” („der Mensch”) bezogen der Prozess der ‚Moderne’ sich als linearer Prozess der Subjektivierung begreifen lässt. Das historisch konkrete Subjekt (das Individuum) dagegen erfährt diesen Prozess als entfremdend in dem Maß, in dem der Prozess der „Moderne” fortschreitet (vgl. Bürger 1988: 13; Peters 1991: 44).

Das hat zwei Ursachen: Erstens steigen, gemessen an den nicht zuletzt durch die Literatur nun denkbar gewordenen Möglichkeiten, die Autonomieansprüche. Wenn immer mehr Bereiche der menschlichen Existenz als potenziell frei gestaltbar erscheinen, vermehren sich auch die nun nicht mehr zu rechtfertigenden Zwänge, denen sich das Subjekt ausgesetzt sieht. Dem ließe sich durch politische und ästhetische Strategien der ‚Öffnung’, durch Avantgardismus also, immerhin entgegenwirken.

Auf einer zweiten Ebene jedoch verwickelt gerade der sich verselbständigende Modernisierungsprozess das Subjekt in Zwänge, die eben zunehmend als nicht mehr überwindbar erscheinen: Die soziokulturellen Anstrengungen, die Möglichkeiten ‚des Menschen’ auszuschöpfen und zu erweitern, schaffen vollendete Tatsachen, d.h. ökonomische, soziale, politische, ideologische, kulturelle und auch psychische Strukturen, die zu einer ‚zweiten Natur’ erstarren. Diese ‚zweite Natur’ aber erscheint paradoxerweise als viel weniger leicht ‚kolonisierbar’ als die offenen Räume der ersten Natur. Sie kristallisiert sich gerade im 20. Jahrhundert zu totalen bzw. ‚totalitären’ Systemen aus und schlägt am Ende um in die Selbstauslöschung des laut Günter Anders (1956) „antiquierten” Subjekts, in dessen Namen der Modernisierungsprozess eigentlich betrieben wird: durch organisierte Menschenvernichtung (Weltkriege, Auschwitz), durch die Atombombe, durch die Umweltzerstörung und durch die zunehmende „Außenleitung” des Menschen durch die „Bewusstseinsindustrie”.

Die umstrittene Frage ist nun, wo die Grenze zwischen grundsätzlich  aufhebbarer Entfremdung und der unaufhebbaren existenziellen Entfremdung verläuft, die ‚das Subjekt’ notwendig erleidet. In dem Maß, in dem immer mehr Bereiche menschlicher Erfahrung in den Subjektbegriff integriert (‚verinnerlicht’) werden, potenzieren sich nämlich die Möglichkeiten für die „Selbstverwirklichung” (auch das ist ein Schlüsselbegriff der Epoche).

Der Begriff der „Möglichkeit”, den Peters (1991) anstelle von „Offenheit” vorschlägt und zum zentralen Merkmal einer ihrem Wesen nach experimentellen „Moderne” erhebt, ist hier allerdings irreführend: Eigentlich handelt es sich um einen Imperativ, da ja bereits seit der goethezeitlichen „Bildungs”-Konzeption als Subjekt im emphatischen Sinn nur anerkannt wird, wer alle seine Möglichkeiten verwirklicht. Dass diese allumfassende Selbstverwirklichung aber unmöglich ist, ist eben die zweite, ‚existenzielle’ Aporie des modernen Subjektbegriffs, der seinem Wesen nach immer schon zu seiner Verabsolutierung tendiert. (Dieses Problem wurde übrigens von Anfang an, d.h. seit der Hochaufklärung, in der Literatur erkannt und thematisiert – genau darin liegt bereits das Problem Werthers, der absolute Subjektivität anstrebt und sie nur auf dem Papier, Tagebuch schreibend, verwirklichen kann.)

Die so entstandene ‚absolute Subjektivität’ ist ein fundamentales Thema der modernen Literatur im weiteren Sinn, aber bis Mitte des 20. Jahrhunderts eben nicht das fundamentale Thema: Bis dahin versuchte jede Literaturepoche auf ihre Weise, das Problem in einmal eher ästhetischen und einmal eher weltanschaulichen Synthesen aufzuheben. Das gilt etwa für Goethe, aber auch für Autoren, die nach 1950 als Vorläufer der eigentlichen literarischen Moderne in Anspruch genommen werden, wie z.B. Büchner, Heym, Döblin, Kafka, Baudelaire, Rimbaud und Mallarmé.

Erst um 1950 erscheint die ‚absolute Subjektivität’ als das seinem Wesen nach unaufhebbar widersprüchliche Phänomen, auf das sich alle Erscheinungsformen der „Moderne” zurück beziehen lassen und auf das die Literatur in völlig neuer Weise zu reagieren soll. Das (gebildete) „moderne Subjekt” kommt demnach gerade da zu sich selbst, als es allen metaphysischen und auch ‚wirklichen’ Sinn verloren hat. Das total autonome Subjekt, das von den 50er Jahren an (und erst seitdem!) im Zentrum des literarischen Weltbilds steht, ist zugleich das total entleerte Subjekt.

Dieser Prozess wurde in den 50er Jahren von Kulturtheoretikern verschiedenster Couleur beschrieben, besonders prägnant etwa von Arnold Gehlen, dessen Studie „Die Seele im technischen Zeitalter” (1957) in der auflagenstarken und einflussreichen Taschenbuchreihe „Rowohlts deutsche Enzyklopädie” erschien. Gehlen arbeitet dort sehr prägnant heraus, dass die „Massenkultur” eben nicht einfach die „Persönlichkeit” auslöscht, wie es die traditionelle Kulturkritik und das neue soziologische Schlagwort vom „außengeleiteten Charakter”1 wollen, sondern dass es „im Gegenteil noch nie soviel ausdifferenzierte und ausdrucksfähige Subjektivität” gegeben hat wie heute”: „die Persönlichkeit als Subjekt […] gehört geradezu in die Großgesellschaften der Massenzivilisation, als sozusagen deren Ausfällungsbestand.” (Gehlen 1957: 114, 115)  Diesem „neuen”, dem „modernen Subjektivismus” widmet er ein eigenes Kapitel und erklärt ihn gerade mit einer Gegenreaktion auf „die Überschwemmung mit fremdgesetzten Reizen” – sie werde „durch Innenverarbeitung und ‚Psychisierung’ bewältigt” (58).

Hinzuzufügen wäre: nur von Individuen, die sich durch ihre Sozialisation gegen die „Außenleitung” zur Wehr setzen können und wollen, und d.h. in den 50er Jahren natürlich noch insbesondere von literarisch sozialisierten Subjekten. Dieser zugespitzte Subjektivierungsprozess kommt laut Gehlen folgerichtig in der „modernen Kunst” und „Poesie” zum Ausdruck, in der die moderne Subjektivität gegenüber der sozialen Wirklichkeit sich für autonom erklärt. Auch das sei jedoch nicht einfach ein sozusagen antimoderner Akt Notwehr, sondern stehe in Beziehung zu gewissen „aufregenden Theorien der Physik oder der mehrwertigen Logik […], nach denen die Bezugnahme auf das Subjekt selber zum Inhalt eines Satzes werden kann” (25). Überhaupt sei „der moderne Geist” immer mehr „gerade gegen den Inhalt gleichgültig”, es gehe nur noch um den experimentellen Prozess an sich und d.h. eben auch um die Subjektivität des wissenschaftlichen oder künstlerischen Experimentators (30).

Gehlen ist nicht der einzige, der die aktuelle Conditio humana und das Wesen der „modernen Kunst” so bestimmt – mit anderen Worten sagen das ungefähr zur gleichen Zeit auch die (Spät-)Existentialisten, die das metaphysische „Sein” verabschiedet haben, daneben aber auch Adorno, Hugo Friedrich und sogar Roland Barthes. Hugo Friedrich, der „Die Struktur der modernen Lyrik” (1956) rückblickend im Sinne der 50er Jahre herauszudestillieren versucht (das Buch erschien wiederum in „Rowohlts deutscher Enzyklopädie”), spricht von der „abnormen Trennung des dichterischen Subjekts vom empirischen Ich” (52) und der resultierenden „Vielstimmigkeit und Unbedingtheit der reinen Subjektivität” (11). Er bezieht sich vor allem auf die französische Lyrik der Jahrhundertwende. Zur eigentlichen Symbolfigur dieses Zustands und damit zur Stifterfigur der literarischen „Moderne” im Sinne der 50er Jahre wird jedoch von der literarisch sozialisierten Intelligenz Franz Kafka erhoben (vgl. auch 3.2). Kafkas Texte thematisieren laut Adorno die „autarke”, „vollendet entfremdete” und damit „notwendig auch sich selber entfremdete Subjektivität” (1977: 327, 328), die sich nur noch objektivieren kann, indem sie „das letzte Einverständnis aufkündigt” (329). Diese „absolute Subjektivität” ist also „zugleich subjektlos” (328).

Die Dialektik der „Moderne” mündet also in die Aporie der absoluten Subjektivität, die keine andere sinnstiftende Größe mehr anerkennt als sich selbst. Für die Literatur heißt das, dass sie notwendig selbstreflexiv und prozessual werden muss. Das Subjekt weiß in eben diesem Moment nichts mehr über die Welt zu schreiben und nicht mehr schreibend auf sie einzuwirken, in dem es erkennt, dass es alles schreiben kann, und in dem es überhaupt recht erkennt, was das eigentlich ist: „Schreiben”.

Als letzte literarische Manifestation der absoluten Subjektivität bleibt sommit das Schreiben über das Schreiben. Das ist die Situation, auf die so unterschiedliche Schriftsteller wie Anders, Adorno und Gehlen, Sartre und Barthes, Frisch und Arno Schmidt, Heißenbüttel und Peter Weiss (um willkürlich einige herauszugreifen) auf je verschiedene Weise reagieren. Und das ist auch die Situation, deren Konsequenz die moderne Konjunktur diaristischer Schreibweisen im Allgemeinen und moderne Tagebuch-Literatur im Besonderen ist.

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