25 Dialektik der „Moderne” (objektsprachlich)

Die Epoche seit ca. 1950 ist auch derjenige Zeitraum, in dem eine qualitativ neue Rede von „der Moderne” allgegenwärtig ist.

Natürlich gehen die Ansichten darüber weit auseinander, was unter „Moderne” zu verstehen ist, wann sie historisch einsetzt, welche Inhalte wesentlich sind und welche nicht, in welche Teilphasen sie zerfällt und welche Rolle die (wiederum unterschiedlich definierte) ästhetische Moderne im Kontext einer allgemeinen Moderne spielt. Wolfgang Welsch (1993) gibt in seinem verdienstvollen Buch „Unsere postmoderne Moderne” über diese Fragen einen guten Überblick, die im einzelnen auf der metasprachlichen Ebene weiter zu erörtern sind (vgl. unten).

Ein paar allgemeine Merkmale sind jedoch für die philosophischen und ästhetischen „Moderne”-Begriffe typisch, die seit den 50er Jahren in Umlauf gebracht wurden: Erstens ist nun damit nicht mehr in erster Linie ein aktuelles Programm gemeint, das der Tradition ein emphatisches ‚Jetzt’ entgegensetzt (wie in den „Modernen” des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts), sondern eine gleichsam rückwärtsgewandte Modernität, die sich ihrer eigenen langen und übermächtigen Tradition bewusst ist. Ihr Pathos besteht nicht mehr in der dynamischen Proklamation des gänzlich Neuen und Anderen, sondern in der kritischen Destillation einer „eigentlichen Moderne”, die man erst von ihren historischen Schlacken befreien muss, um ihr zur Durchsetzung zu verhelfen. Daraus folgt die Notwendigkeit der „immanenten Kritik einer hinter ihren Begriff zurückgefallenen Moderne” (Welsch 1993: 160). Immer noch denkt man die kulturellen, sozialen und technologischen Strömungen als Erscheinungsformen eines Gesamtprozesses, aber dieser erscheint nun weitaus gebrochener und dialektischer als zu den Zeiten des ungebrochenen Fortschrittsoptimismus.

Das typische Zeichen dieses Moderne-Diskurses ist daher die Unterscheidung von guter/richtiger und falscher Moderne, die im Einzelnen natürlich wieder recht widersprüchlich ausfallen kann. Jedenfalls im Diskurs der literarisch sozialisierten Intelligenz sind die Grundlinien und ihre Bewertung aber einigermaßen konsensfähig:

(1) Die ‚gute Moderne’ ist ein erkenntnistheoretischer Prozess, der seinen Niederschlag vor allem in der theoretischen Wissenschaft und in der Kunst findet. Das führt zu charakteristischen Listen von Kirchenvätern: Heisenberg und Kafka, Einstein und Joyce, Freud und Bataille usw. Diese „Moderne” zielt auf universale „Offenheit”, auf das Außerkraftsetzen von normativen und unbewussten Wirklichkeitsschablonen, und steht damit letztlich im Dienst des einzelnen (Erkenntnis-)Subjekts, das sich der Mittel der technischen Moderne lediglich als Instrument der Emanzipation bedient und jede ideologische Erstarrung immer von neuem aufbricht und verflüssigt.

(2) Die ‚schlechte Moderne’ ist wesentlich anonym, antisubjektiv und „totalitär” (wie vielleicht das prägnanteste Kennwort lautet, das keineswegs nur auf faschistische und stalinistische Gesellschaftsstrukturen angewandt wurde). Sie beruht auf kollektiven und im weiteren Sinn technologischen Prozessen (inklusive der Geldwirtschaft), die sich verselbständigen und so soziale, technische und ökonomische „Superstrukturen” (Gehlen) hervorbringen. Ihr geistiges Korrelat sind „geschlossene Ideologien” sowie, auf der Ebene der manipulativ-unterschwelligen Ebene, die  „Konsumdiktatur” (Gehlen) und die „Bewusstseinsindustrie” (Adorno).

Die Denkfigur lässt viele Möglichkeiten offen: Man kann eher die Dialektik betonen (die außer Kontrolle geratene ‚schlechte Moderne’ muss kritisch reflektiert und mit der ‚guten Moderne’ wiedervereinigt werden) oder aber zum Kampf unvereinbarer Prinzipien übersteigern (die ‚schlechte Moderne’ ist eigentlich eine ‚falsche Moderne’). In der Praxis sind die Grenzen fließend, und ein und derselbe Autor schwankt oft zwischen beiden Möglichkeiten. Und nach demselben Muster kann etwa auch eine Selbstkritik der ‚guten Moderne’ betrieben werden, indem man einzelne Bestandteile, die gemeinhin dazu geschlagen werden, als Elemente der ‚schlechten Moderne’ entlarvt (z.B. die ‚bürgerliche’ Idee des souveränen und mit sich identischen Subjekts oder die Institution der autonomen und elitären Kunst).

Umgekehrt können Bestandteile, die ursprünglich zum Szenario der ‚schlechten Moderne’ gehörten, als mögliche Fundamente einer neuen, eigentlichen Subjektivität entdeckt werden: etwa die ‚Sinnlichkeit’ der populären Konsum-Kultur (im Gegensatz etwa zur hermetisch-elitären Schriftkultur oder zur philosophisch-abstrakten ‚Neuen Musik’) oder auch das anonyme ‚Spiel der (Sprach-)Strukturen’, das man sich dann nicht mehr als totalitäre Grammatik-Maschine vorstellt, sondern als ‚offenen’ und eigen-dynamischen Prozess. Mit anderen Worten: Die Nachkriegs-‚Moderne’ umfaßt von Anfang an ‚spät-’ und ‚postmoderne’ Tendenzen nebeneinander und die Unterscheidung von guter, ‚offener’ „Postmoderne” und schlechter, weil noch immer Ganzheitsvorstellungen und obsoletem Fortschrittsdenken verhafteter „Spätmoderne” (bzw. der „Ideologie des Modernismus”) ist selbst eine Spielart ihrer grundlegenden Denkfigur (vgl. Welsch 1993).

Klar ist immer nur eines – derjenige, der die Kategorien zuteilt, fühlt sich der eigentlichen ‚Subjektivität’ im emphatischen Sinn und dem Prinzip der  ‚Offenheit’ verpflichtet: ob Adorno oder Gehlen, Manfred Frank oder Foucault, Umberto Eco („Das offene Kunstwerk”, 1962) oder Karl R. Popper („Die offene Gesellschaft und ihre Feinde”, dt. 1957/1958).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.