30 Der Zeitraum seit 1945/1950: Literaturgeschichtliche Einteilungsversuche

Eine wissenschaftlich distanzierte Analyse der ‚modernen’ Tagebuch-Literatur seit 1945/1950 setzt eine Vorstellung von der Geschichte der modernen deutschsprachigen Literatur in diesem Zeitraum voraus.

Das ist insbesondere auch deshalb nötig, weil sich die deutschsprachige Tagebuch-Literatur dieses Zeitraums (anders etwa als die französische) nur in der Analyse und eben nicht in der literarischen Praxis als ein in sich geschlossenes, seiner Tradition und der neuesten Errungenschaften bewusstes Genre darstellt. Ein Text der Tagebuch-Literatur wird in diesem Zeitraum eher selten bewusst als ‚literarischer Text in Tagebuchform’ konzipiert und so gut wie nie als solcher rezipiert. Erst vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Literatur gewinnt er also jeweils seinen Charakter als Gerade-noch-Literatur oder Gerade-nicht-mehr-Literatur.

Nun besteht das Problem darin, dass es einen verbindlichen Rahmen, auf den man sich beziehen kann, eben nicht gibt. Das Bild der jüngsten Literaturgeschichte erscheint im Ganzen gesehen noch sehr diffus, obwohl (oder gerade weil) man so klare Vorstellungen von den wichtigsten Ereignissen, Strömungen, Autoren und Texten hat. Es bleibt also nichts anderes übrig, als einen kritischen Blick darauf zu werfen, wie bislang die deutschsprachige Literatur seit 1945/1950 charakterisiert und im einzelnen aufgeschlüsselt wird, und damit die Befunde zu vergleichen, die sich aus der Analyse der Tagebuchtexte ergeben haben.

Am Ende steht dann die Skizze eines heuristischen Rahmens für die Geschichte der Tagebuch-Literatur seit 1950 und die Vorwegnahme einer These, deren Fruchtbarkeit erst die Untersuchung selbst erweisen kann: dass sich nämlich um 1950 sich ein grundlegender literarischer Paradigmenwechsel vollzogen hat, hin zu einer Literatur, die Texte primär nicht mehr als „Werke“ mit einem spezifischen objektiven Wahrheitswert auffasst, sondern als Zeugnisse eines subjektiven Schreibprozesses.

Nachkriegsmoderne und „Gegenwartsliteratur“

Bislang sind sich die Geschichtsschreiber der neuesten Literatur über zwei Punkte grundsätzlich einig:

Erstens wird allgemein davon ausgegangen, dass sich um 1950 im deutschsprachigen Raum allmählich eine neue, ‚modernere’ Literatur herausbildete. Das schließt im Prinzip die DDR mit ein (mit Hermlin, Huchel, Fühmann, Kunert …), obwohl natürlich die Entwicklung dort in mancher Hinsicht eigengesetzlich verlief. Dass dort scheinbar weniger ‚moderne’ Literaturformen weiter dominierten, ist jedenfalls kein prinzipieller Einwand – auch die Gruppe 47 in der BRD und Dürrenmatt und Frisch in der Schweiz verstanden sich ja politisch und kulturell als ‚Nonkonformisten’ in mitten eines ansonsten durchaus konservativen Literaturbetriebs.

Zweitens besteht prinzipielle Übereinstimmung darüber, dass die Jahre um 1968 auch auf dem Gebiet der Literatur einen signifikanten Einschnitt markieren. Der üblichen Sprachregelung gemäß (Stand 1998) vollzieht sich da der Übergang von der einigermaßen einheitlichen „Nachkriegsliteratur” zur vielgestaltigen „Gegenwartsliteratur”. Mehrere einschneidende Ereignisse im ‚Kulturbetrieb’ scheinen das zu belegen: 1967 tagt die Gruppe 47 zum letzten Mal, zeitgleich setzt sich mit Handke und Jürgen Becker die linguistisch (nicht mehr ‚humanistisch’) orientierte Experimentalliteratur auch in der Öffentlichkeit durch, und gleich mehrfach wird der Tod der herkömmlichen Hochliteratur, d.h. eigentlich die Aufhebung ihrer Grenzen, verkündet: im Namen der Revolution (im „kursbuch 15”), im Namen des amerikanistischen underground (v.a. durch R.D. Brinkmann) und im Namen einer psychoanalytischen bzw. psychotherapeutischen Literatur (v.a. durch Dieter Wellershoff).

Eine solche Wende zu einer teils sprachbewussteren, teils in neuer Weise ‚subjektivistischen’ Literatur lässt sich übrigens, wenn auch natürlich mit sehr eigenen Akzenten, auch für das grundsätzlich andere Literatursystem der DDR belegen (vgl. etwa Raddatz 1970). Mit dem Konstatieren dieser beiden Einschnitte ist der Konsens aber erschöpft.

Ob und wann genau sich danach ein weiterer Einschnitt ansetzen lässt, nämlich der gern vermutete Anbruch einer „postmodernen Literatur”, ist im einzelnen höchst unklar und umstritten: Datierungen des Beginns reichen von den 60er Jahren über etwa 1975 bis zu den 80er Jahren. Klar und vielleicht wichtiger ist immerhin, dass die diesbezügliche Debatte eigentlich erst um 1980 einsetzt. (Die „postmodernism”-Diskussion von 1968 hatte noch einen grundsätzlich anderen Hintergrund.) [Nachtrag 2011: Im Rückblick scheint einigermaßen deutlich, dass die Kontinuität der im Folgenden „Neomodernismus“ literarischen genannten Epoche in den 1990er Jahren brüchig wurde und in eine neue, noch namenlose Epoche übergeht.]

Zwei, vielleicht drei literaturhistorische Perioden also, für die sich auch in der Tagebuch-Literatur Indizien finden lassen. Dann aber wird es sofort unübersichtlich: Welche Literaturen werden durch diese Einschnitte getrennt? „Nachkrieg” und „Gegenwart” bezeichnen nur ein höchst verschwommenes historisches Zeitgefühl, keine spezifisch literarischen Merkmale. Wie charakterisiert man also etwa „die Nachkriegsliteratur”, und gegen welche Literaturen grenzt man sie nach vorne und nach hinten ab? Sind ihre Merkmale so eigentümlich, dass man von einer eigenen Epoche sprechen kann oder handelt es sich um ein Stadium eines größeren epochalen Zusammenhangs? Und wenn letzteres zutrifft, ist die „Nachkriegsliteratur” die (möglicherweise „verspätete“) Schlussphase einer größeren Epoche (etwa einer wie auch immer definierten „Spätmoderne”) oder ist sie selbst bereits der Beginn einer eigenständigen Epoche, die bis heute andauert?

Dasselbe gilt für den Abschnitt seit 1968, der ja auch schon kaum mehr als „Gegenwart” empfunden wird: Wie ließe sich das unsichtbare Gravitationszentrum der nun einsetzenden Literatur beschreiben, die sich als zeitgemäß versteht bzw. verstanden wird, ihre inhaltlichen und/oder ästhetischen Prämissen und die inhaltlichen/formalen Probleme, mit denen sie sich auseinandersetzt? Wird hier mit den bisherigen Errungenschaften der „spätmodernen” Literatur insgesamt gebrochen und setzt also um diese Zeit herum eine literarischen „Postmoderne” ein, wie es etwa – mit entgegengesetztem Wertungsakzent – Briegleb (1992b) und Ortheil (1985) annehmen? Oder handelt es sich um neue Spielarten der Spät-, Später- und Spätestmoderne?

Zumindest die Termini „Spätmoderne” und „Postmoderne”, die die oben gestellten Fragen implizieren, tauchen immer wieder auf, dann jedoch entweder als pauschal vorausgesetzte und nicht weiter definierte Kategorien oder, wenn sie antithetisch gebraucht werden, als eng umrissene und polemische Begriffe. In beiden Fällen bezeichnen sie, trotz der historisierenden Vorsilben, ebenso wenig klar definierte literaturgeschichtliche Abschnitte wie die Termini „Nachkriegs-” und „Gegenwartsliteratur”.

Einzelphasen: Einteilungsversuche

Bislang vorgeschlagene genauere Periodisierungen kranken daran, dass sie sich an außerliterarischen, vage ‚sozialgeschichtlichen’ Kriterien orientieren und denen dann die literarischen Texte so gut es geht zuordnen, anstatt umgekehrt in einem ersten Schritt die Entwicklung literarischer Schreibweisen (mit ihren entsprechenden inhaltlichen Implikationen) zu rekonstruieren und dann diese binnenliterarische Entwicklung mit allgemeinen soziokulturellen Entwicklungen in Beziehung zu setzen.  Entsprechend willkürlich lassen sich die Einschnitte ansetzen. So teilt z.B. Ralf Schnell in seinem Überblick „Die Literatur der Bundesrepublik. Autoren, Geschichte, Literaturbetrieb” (1986) seinen Stoff in fünf Kapitel ein:

1. Literatur in der Entscheidung, Zur Konstitution der westdeutschen Nachkriegsliteratur (1945 – 1949);
2. Literatur vs. Politik. Konstellationen der 50er Jahre (1950 – 1959);
3. Die Politisierung der Literaten (1960 – 1968);
4. ‚Neue Subjektivität’ – Tendenzen der 70er Jahre;
5. Widerstand der Ästhetik. Literatur im Übergang zu den achtziger Jahren (1978 – 1986).

Man sieht, dass am Maßstab der Leitdifferenz ‚Kultur vs. Politik’ sich hier sogar die Zweiteilung von „Nachkriegs-” und „Gegenwartsliteratur” relativiert, weil deren besonderen ästhetischen Aspekte keine Rolle spielen.  Grundsätzlich verwandt ist das Vorgehen Heinz Ludwig Arnolds in seinem literaturgeschichtlichen Essay „Die westdeutsche Literatur 1945 – 1990” (1995). Entsprechend dem Titel der ersten Auflage von 1993: der noch „Die drei Sprünge der westdeutschen Literatur” lautete, ersetzen und überlagern hier drei jeweils ca. 15 Jahre währende Perioden die fünf Phasen Schnells:

I. Die Last der Vergangenheit oder die Moralisierung der Literaten” (ca. 1945 – 1960);
II. Die Vision einer Zukunft oder die Politisierung des Literarischen” (ca. 1960 – 1975);
III. Die Flucht aus der Gegenwart oder die Privatisierung der Literatur” (ca. 1975; die Darstellung bricht Ende der 80er Jahre ab).

Im Text selbst ist dann beiläufig gar von „Epochen” die Rede, die aber sich mit diesen Phasen nur ungefähr decken: „Es ist von heute aus kaum mehr zu bestreiten, dass das Ende der Gruppe 47 […] auch das Ende einer literarischen Epoche besiegelt: das Ende der noch unter dem Eindruck von Kriegs- und Nachkriegszeit geschriebenen nonkonformistischen Literatur” (Arnold 1995: 66).

Die nächste „Epoche” ist noch kürzer: Die Gruppe 47 fand 1967 ihr Ende, bereits ab 1972 zeichnet sich aber laut Arnold das Ende des neuen Anfangs ab: „Es war jedenfalls die Zeit für Bilanzen; eine Epoche schien an ihr Ende gekommen zu sein.” (103)

Man sieht an diesen Beispielen, dass auch eine Literaturgeschichtsschreibung, die sich an scheinbar handfesten ‚sozialgeschichtlichen’ Kriterien orientiert, kaum verlässliche Einteilungen hervorbringt.

Auch aus den bisherigen literaturgeschichtlichen Abrissen lässt sich allerdings eine allgemein anerkannte Grundlage gewinnen, die auch auf die Tagebuch-Literatur anwendbar ist. Wenn man nämlich die großen, Sinn tragenden Periodisierungen einklammert und sich auf eine deskriptive, konkret literaturbezogene Ebene beschränkt, lassen sich einige historische Teilströmungen der deutschsprachigen Literatur eben doch einigermaßen zweifelsfrei identifizieren. Sie entstehen im Wesentlichen nacheinander, laufen dann aber oft über weite Strecken nebeneinander her und überschneiden sich gelegentlich:

(1) in den Nachkriegsjahren der existentialistische Realismus des „Kahlschlags”, der den Inhalt („den Menschen”) über die Form stellt;
(2) seit Anfang der 50er Jahre das emphatische Bekenntnis zur internationalen „Moderne”, verstanden als bereits klassische Entsprechung von kritischem Inhalt (der Entfremdung des modernen Menschen) und reflektierter Form (fragmentarisch, gebrochen, in der Lyrik komplex chiffriert, in der Prosa die Sprach- und Erzählstrukturen reflektierend);
(3) seit Ende der 50er Jahre die experimentelle, radikal selbstreflexive Literatur nach dem Nouveau Roman bzw. dem linguistic turn, die mit grundsätzlich immer noch kritischem Gestus das Menschliche als Funktion der Sprache behandelt;
(4) ungefähr gleichzeitig und teilweise dazu in Beziehung stehend eine Strömung, die durch Rückgriff auf mündliche Sprechweisen den akademischen Duktus der hochliterarischen Moderne zu unterlaufen sucht (Rühmkorf, Wiener Gruppe);
(5) seit Anfang der 60er Jahre die neue Inhaltsbezogenheit der dokumentarisch-politischen Literatur, der formal die Technik des „Protokolls” bzw. der „Montage” entspricht;
(6) seit etwa 1968 die „Pop-Literatur”, die ihre kritische Grundhaltung durch das Streben nach einer neuen „Authentizität” zu ergänzen und erneut die ‚hochliterarischen’ Formen durch Rückgriffe auf die Alltagskultur zu untergraben (nicht mehr zu überbieten) versucht;
(7) seit Anfang/Mitte der 70er Jahre die Literatur der „Neuen Subjektivität” (die sich bei näherem Hinsehen vor allem aus formal, aber auch inhaltlich recht unterschiedlichen Tendenzen zusammensetzt);
(8) seit etwa 1980 eine Renaissance des ästhetizistischen, extrem formbewussten Literaturverständnisses der modernistischen Hochliteratur (sei es in eher spielerischem oder eher experimentell-ernsthaftem Geist).

„Krise der Identität“

Alle diese Strömungen sind für die Tagebuch-Literatur relevant. Wie sich zeigen wird, lassen sich aber auch umgekehrt aus der Entwicklung des diaristischen Schreibens Folgerungen ziehen hinsichtlich dessen, was diese Teil-Literaturen auszeichnet und verbindet.
Es kristallisiert sich so eine Grundfigur der modernen deutschsprachigen Literatur seit 1945/1950 heraus, die die Engländer R. Hinton Thomas und Keith Bullivant schon 1975, terminologisch verschwommen, aber im Kern zutreffend, als „Krise der Identität” bestimmten. Genauer gesagt handelt es sich um die besonderen inhaltlichen und formalen Konsequenzen dieser Krise, wie sie sich nach dem Zerfall der metaphysischen Existenzphilosophie darstellen (Thomas/Bullivant 1975: 9f., 13).

Die Besonderheiten, die diese epochentypische „Krise der Identität” von anscheinend verwandten Problemstellungen früherer Epochen unterscheiden (vgl. hierzu den vorigen Abschnitt über „Subjektivität”/ „Entfremdung”/ „Moderne”), arbeiten aber auch Thomas/Bullivant nicht heraus. Ihnen zufolge hat sich das Grundthema der „Krise der Identität” in seiner besonderen, für die moderne Nachkriegsliteratur typischen Ausformung nämlich erst Ende der 50er Jahre durchgesetzt (sie führen Romane von Böll, Grass, Walser und Rehmann an). Frühere Ansätze ignorieren sie entweder (insbesondere Max Frisch, der auch aus der westdeutschen Literaturgeschichte nicht sinnvoll ausgeklammert werden kann und den sie in anderem Zusammenhang durchaus erwähnen) oder erklären sie zu bloßen „Vorstufen“ (Koeppen und Schmidt).
Thomas/Bullivant legen offensichtlich deshalb so großen Wert darauf, die neue literarische Epoche erst um 1960 beginnen zu lassen, weil sie damit mit einer sozialgeschichtlichten Zäsur zusammenfallen würde. Um 1957/1958 setzen sie nämlich den Übergang von der Mängelgesellschaft der Nachkriegszeit (mit ihren überkommenen patriarchalischen Politstrukturen und Restbeständen existenzmetaphysischer Ideologie) zur pluralistischen „Überflussgesellschaft” an. Dieser neuen pluralen und offenen Gesellschaft entspreche eine plurale und offene Konzeption der Identität entsprochen, die sich dann tatsächlich in der Literatur sofort und umgehend durchgesetzt habe.

Nun kann aber eine solche Korrelation von Literatur- und Sozialgeschichte, trotz ihrer scheinbaren Evidenz, zumindest in dieser kurzschlüssigen Form schon deshalb kein Erklärungsmuster abgeben, weil sie schlicht  tautologisch ist. Wie bereits angedeutet, entstehen ja  die von Thomas/Bullivant metasprachlich gebrauchten Kategorien „Pluralismus” und „offene Gesellschaft” nicht nur zu derselben Zeit wie die ästhetische Kategorie des „offenen Kunstwerks”, sondern ihr Gebrauch beruht selbst auf denselben epochentypischen Denk- und Sprachfiguren (mindestens bei der literarisch sozialisierten Intelligenz).

Es handelt sich also nicht einfach um ‚objektive’ Bezeichnungen von Sachverhalten, sondern selbst schon um im weiteren Sinn ‚literarische’ Deutungen dieser Sachverhalte. Mithin ist es auch dann, wenn man Aussagen zur Bedeutung von Literatur im kultur- und sozialgeschichtlichen Kontext machen möchte, zuvor unumgänglich, die Eigendynamik des literarischen Spiels mit normalsprachlichen Bedeutungen zu respektieren und zu analysieren. Gerade die Tagebuch-Literatur (und damit auch deren Analyse) ist ja in der Grauzone zwischen allgemein-normalsprachlichem und literarisch-künstlerischem Diskurs angesiedelt.

Ein solcher im weitesten Sinn „diskursgeschichtlicher” Ansatz ist eben kein ‚geistesgeschichtlicher Reduktionismus’, wie gern behauptet wird, sondern das genaue Gegenteil. Reduktionistisch wäre es gerade, die Doppelung zu verkennen oder vorschnell zu neutralisieren, die im Wesen des ‚modernen’ literarischen Diskurses liegt. Spätestens seit der Aufklärung besteht dessen Funktion darin, außerliterarische Diskurse zu ‚übersetzen’ und in ein zusammenfassendes semantisches Modell der Welt zu integrieren. In diesem Sinn handelt es sich also bei der Literatur um einen Meta-Diskurs oder, mit einem Begriff von Jürgen Link, um einen „Interdiskurs”.

Einen derartigen Sinnentwurf impliziert keineswegs nur die konformistische Literatur, die ‚geschlossene’ Weltmodelle entwirft und rechtfertigt, sondern auch und gerade die ‚kritische’ Literatur. Wenn also auf der metasprachlichen Ebene bestimmt werden soll, welche Phänomene in diesem Zeitraum sinnvollerweise unter den Begriffen  „Subjektivität”, „Moderne” und „Literatur” zu verstehen sind, erfordert das eine eine Analyse des zeitgenössischen literarischen (bzw. diaristischen) Diskurses über „Subjektivität”, „Entfremdung”, „Moderne” und „Literatur”/”Schreiben”.

Der Zeitraum seit 1945/1950: Literaturgeschichtliche Einteilungsversuche

Eine wissenschaftlich distanzierte Analyse der ‚modernen’ Tagebuch-Literatur seit 1945/1950 setzt eine Vorstellung von der Geschichte der modernen deutschsprachigen Literatur in diesem Zeitraum voraus.

Das ist insbesondere auch deshalb nötig, weil sich die deutschsprachige Tagebuch-Literatur dieses Zeitraums (anders etwa als die französische) nur in der Analyse und eben nicht in der literarischen Praxis als ein in sich geschlossenes, seiner Tradition und der neuesten Errungenschaften bewusstes Genre darstellt. Ein Text der Tagebuch-Literatur wird in diesem Zeitraum eher selten bewusst als ‚literarischer Text in Tagebuchform’ konzipiert und so gut wie nie als solcher rezipiert. Erst vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Literatur gewinnt er also jeweils seinen Charakter als Gerade-noch-Literatur oder Gerade-nicht-mehr-Literatur.

Nun besteht das Problem darin, dass es einen verbindlichen Rahmen, auf den man sich beziehen kann, eben nicht gibt. Das Bild der jüngsten Literaturgeschichte erscheint im Ganzen gesehen noch sehr diffus, obwohl (oder gerade weil) man so klare Vorstellungen von den wichtigsten Ereignissen, Strömungen, Autoren und Texten hat. Es bleibt also nichts anderes übrig, als einen kritischen Blick darauf zu werfen, wie bislang die deutschsprachige Literatur seit 1945/1950 charakterisiert und im einzelnen aufgeschlüsselt wird, und damit die Befunde zu vergleichen, die sich aus der Analyse der Tagebuchtexte ergeben haben.

Am Ende steht dann die Skizze eines heuristischen Rahmens für die Geschichte der Tagebuch-Literatur seit 1950 und die Vorwegnahme einer These, deren Fruchtbarkeit erst die Untersuchung selbst erweisen kann: dass sich nämlich um 1950 sich ein grundlegender literarischer Paradigmenwechsel vollzogen hat, hin zu einer Literatur, die Texte primär nicht mehr als „Werke“ mit einem spezifischen objektiven Wahrheitswert auffasst, sondern als Zeugnisse eines subjektiven Schreibprozesses.

Nachkriegsmoderne und „Gegenwartsliteratur“

Bislang sind sich die Geschichtsschreiber der neuesten Literatur über zwei Punkte grundsätzlich einig:

Erstens wird allgemein davon ausgegangen, dass sich um 1950 im deutschsprachigen Raum allmählich eine neue, ‚modernere’ Literatur herausbildete. Das schließt im Prinzip die DDR mit ein (mit Hermlin, Huchel, Fühmann, Kunert …), obwohl natürlich die Entwicklung dort in mancher Hinsicht eigengesetzlich verlief. Dass dort scheinbar weniger ‚moderne’ Literaturformen weiter dominierten, ist jedenfalls kein prinzipieller Einwand – auch die Gruppe 47 in der BRD und Dürrenmatt und Frisch in der Schweiz verstanden sich ja politisch und kulturell als ‚Nonkonformisten’ in mitten eines ansonsten durchaus konservativen Literaturbetriebs.

Zweitens besteht prinzipielle Übereinstimmung darüber, dass die Jahre um 1968 auch auf dem Gebiet der Literatur einen signifikanten Einschnitt markieren. Der üblichen Sprachregelung gemäß (Stand 1998) vollzieht sich da der Übergang von der einigermaßen einheitlichen „Nachkriegsliteratur” zur vielgestaltigen „Gegenwartsliteratur”. Mehrere einschneidende Ereignisse im ‚Kulturbetrieb’ scheinen das zu belegen: 1967 tagt die Gruppe 47 zum letzten Mal, zeitgleich setzt sich mit Handke und Jürgen Becker die linguistisch (nicht mehr ‚humanistisch’) orientierte Experimentalliteratur auch in der Öffentlichkeit durch, und gleich mehrfach wird der Tod der herkömmlichen Hochliteratur, d.h. eigentlich die Aufhebung ihrer Grenzen, verkündet: im Namen der Revolution (im „kursbuch 15”), im Namen des amerikanistischen underground (v.a. durch R.D. Brinkmann) und im Namen einer psychoanalytischen bzw. psychotherapeutischen Literatur (v.a. durch Dieter Wellershoff).

Eine solche Wende zu einer teils sprachbewussteren, teils in neuer Weise ‚subjektivistischen’ Literatur lässt sich übrigens, wenn auch natürlich mit sehr eigenen Akzenten, auch für das grundsätzlich andere Literatursystem der DDR belegen (vgl. etwa Raddatz 1970). Mit dem Konstatieren dieser beiden Einschnitte ist der Konsens aber erschöpft.

Ob und wann genau sich danach ein weiterer Einschnitt ansetzen lässt, nämlich der gern vermutete Anbruch einer „postmodernen Literatur”, ist im einzelnen höchst unklar und umstritten: Datierungen des Beginns reichen von den 60er Jahren über etwa 1975 bis zu den 80er Jahren. Klar und vielleicht wichtiger ist immerhin, dass die diesbezügliche Debatte eigentlich erst um 1980 einsetzt. (Die „postmodernism”-Diskussion von 1968 hatte noch einen grundsätzlich anderen Hintergrund.)1

Zwei, vielleicht drei literaturhistorische Perioden also, für die sich auch in der Tagebuch-Literatur Indizien finden lassen. Dann aber wird es sofort unübersichtlich: Welche Literaturen werden durch diese Einschnitte getrennt? „Nachkrieg” und „Gegenwart” bezeichnen nur ein höchst verschwommenes historisches Zeitgefühl, keine spezifisch literarischen Merkmale. Wie charakterisiert man also etwa „die Nachkriegsliteratur”, und gegen welche Literaturen grenzt man sie nach vorne und nach hinten ab? Sind ihre Merkmale so eigentümlich, dass man von einer eigenen Epoche sprechen kann oder handelt es sich um ein Stadium eines größeren epochalen Zusammenhangs? Und wenn letzteres zutrifft, ist die „Nachkriegsliteratur” die (möglicherweise „verspätete“) Schlussphase einer größeren Epoche (etwa einer wie auch immer definierten „Spätmoderne”) oder ist sie selbst bereits der Beginn einer bis jetzt namenlosen Epoche, die bis heute andauert?

Dasselbe gilt für den Abschnitt seit 1968, der ja auch schon kaum mehr als „Gegenwart” empfunden wird: Wie ließe sich das unsichtbare Gravitationszentrum der nun einsetzenden Literatur beschreiben, die sich als zeitgemäß versteht bzw. verstanden wird, ihre inhaltlichen und/oder ästhetischen Prämissen und die inhaltlichen/formalen Probleme, mit denen sie sich auseinandersetzt? Wird hier mit den bisherigen Errungenschaften der „spätmodernen” Literatur insgesamt gebrochen und setzt also um diese Zeit herum eine literarischen „Postmoderne” ein, wie es etwa – mit entgegengesetztem Wertungsakzent – Briegleb (1992b) und Ortheil (1985) annehmen? Oder handelt es sich um neue Spielarten der Spät-, Später- und Spätestmoderne?

Zumindest die Termini „Spätmoderne” und „Postmoderne”, die die oben gestellten Fragen implizieren, tauchen immer wieder auf, dann jedoch entweder als pauschal vorausgesetzte und nicht weiter definierte Kategorien oder, wenn sie antithetisch gebraucht werden, als eng umrissene und polemische Begriffe. In beiden Fällen bezeichnen sie, trotz der historisierenden Vorsilben, ebenso wenig klar definierte literaturgeschichtliche Abschnitte wie die Termini „Nachkriegs-” und „Gegenwartsliteratur”.

Einzelphasen: Einteilungsversuche

Bislang vorgeschlagene genauere Periodisierungen kranken daran, dass sie sich an außerliterarischen, vage ‚sozialgeschichtlichen’ Kriterien orientieren und denen dann die literarischen Texte so gut es geht zuordnen, anstatt umgekehrt in einem ersten Schritt die Entwicklung literarischer Schreibweisen (mit ihren entsprechenden inhaltlichen Implikationen) zu rekonstruieren und dann diese binnenliterarische Entwicklung mit allgemeinen soziokulturellen Entwicklungen in Beziehung zu setzen.

Entsprechend willkürlich lassen sich die Einschnitte ansetzen. So teilt z.B. Ralf Schnell in seinem Überblick „Die Literatur der Bundesrepublik. Autoren, Geschichte, Literaturbetrieb” (1986) seinen Stoff in fünf Kapitel ein:

1. Literatur in der Entscheidung, Zur Konstitution der westdeutschen Nachkriegsliteratur (1945 – 1949);
2. Literatur vs. Politik. Konstellationen der 50er Jahre (1950 – 1959);
3. Die Politisierung der Literaten (1960 – 1968);
4. ‚Neue Subjektivität’ – Tendenzen der 70er Jahre;
5. Widerstand der Ästhetik. Literatur im Übergang zu den achtziger Jahren (1978 – 1986).

Man sieht, dass am Maßstab der Leitdifferenz ‚Kultur vs. Politik’ sich hier sogar die Zweiteilung von „Nachkriegs-” und „Gegenwartsliteratur” relativiert, weil deren besonderen ästhetischen Aspekte keine Rolle spielen.

Grundsätzlich verwandt ist das Vorgehen Heinz Ludwig Arnolds in seinem literaturgeschichtlichen Essay „Die westdeutsche Literatur 1945 – 1990” (1995). Entsprechend dem Titel der ersten Auflage von 1993: der noch „Die drei Sprünge der westdeutschen Literatur” lautete, ersetzen und überlagern hier drei jeweils ca. 15 Jahre währende Perioden die fünf Phasen Schnells:

I. Die Last der Vergangenheit oder die Moralisierung der Literaten” (ca. 1945 – 1960);
II. Die Vision einer Zukunft oder die Politisierung des Literarischen” (ca. 1960 – 1975);
III. Die Flucht aus der Gegenwart oder die Privatisierung der Literatur” (ca. 1975; die Darstellung bricht Ende der 80er Jahre ab).

Im Text selbst ist dann beiläufig gar von „Epochen” die Rede, die aber sich mit diesen Phasen nur ungefähr decken:

Es ist von heute aus kaum mehr zu bestreiten, dass das Ende der Gruppe 47 […] auch das Ende einer literarischen Epoche besiegelt: das Ende der noch unter dem Eindruck von Kriegs- und Nachkriegszeit geschriebenen nonkonformistischen Literatur” (Arnold 1995: 66).

Die nächste „Epoche” ist noch kürzer: Die Gruppe 47 fand 1967 ihr Ende, bereits ab 1972 zeichnet sich aber laut Arnold das Ende des neuen Anfangs ab:

Es war jedenfalls die Zeit für Bilanzen; eine Epoche schien an ihr Ende gekommen zu sein.” (103)

Man sieht an diesen Beispielen, dass auch eine Literaturgeschichtsschreibung, die sich an scheinbar handfesten ‚sozialgeschichtlichen’ Kriterien orientiert, kaum verlässliche Einteilungen hervorbringt.

Auch aus den bisherigen literaturgeschichtlichen Abrissen lässt sich allerdings eine allgemein anerkannte Grundlage gewinnen, die auch auf die Tagebuch-Literatur anwendbar ist. Wenn man nämlich die großen, Sinn tragenden Periodisierungen einklammert und sich auf eine deskriptive, konkret literaturbezogene Ebene beschränkt, lassen sich einige historische Teilströmungen der deutschsprachigen Literatur eben doch einigermaßen zweifelsfrei identifizieren. Sie entstehen im Wesentlichen nacheinander, laufen dann aber oft über weite Strecken nebeneinander her und überschneiden sich gelegentlich:

(1) in den Nachkriegsjahren der existentialistische Realismus des „Kahlschlags”, der den Inhalt („den Menschen”) über die Form stellt;

(2) seit Anfang der 50er Jahre das emphatische Bekenntnis zur internationalen „Moderne”, verstanden als bereits klassische Entsprechung von kritischem Inhalt (der Entfremdung des modernen Menschen) und reflektierter Form (fragmentarisch, gebrochen, in der Lyrik komplex chiffriert, in der Prosa die Sprach- und Erzählstrukturen reflektierend);

(3) seit Ende der 50er Jahre die experimentelle, radikal selbstreflexive Literatur nach dem Nouveau Roman bzw. dem linguistic turn, die mit grundsätzlich immer noch kritischem Gestus das Menschliche als Funktion der Sprache behandelt;

(4) ungefähr gleichzeitig und teilweise dazu in Beziehung stehend eine Strömung, die durch Rückgriff auf mündliche Sprechweisen den akademischen Duktus der hochliterarischen Moderne zu unterlaufen sucht (Rühmkorf, Wiener Gruppe);

(5) seit Anfang der 60er Jahre die neue Inhaltsbezogenheit der dokumentarisch-politischen Literatur, der formal die Technik des „Protokolls” bzw. der „Montage” entspricht;

(6) seit etwa 1968 die „Pop-Literatur”, die ihre kritische Grundhaltung durch das Streben nach einer neuen „Authentizität” zu ergänzen und erneut die ‚hochliterarischen’ Formen durch Rückgriffe auf die Alltagskultur zu untergraben (nicht mehr zu überbieten) versucht;

(7) seit Anfang/Mitte der 70er Jahre die Literatur der „Neuen Subjektivität” (die sich bei näherem Hinsehen vor allem aus formal, aber auch inhaltlich recht unterschiedlichen Tendenzen zusammensetzt);

(8) seit etwa 1980 eine Renaissance des ästhetizistischen, extrem formbewussten Literaturverständnisses der modernistischen Hochliteratur (sei es in eher spielerischem oder eher experimentell-ernsthaftem Geist).2

Krise der Identität“

Alle diese Strömungen sind für die Tagebuch-Literatur relevant. Wie sich zeigen wird, lassen sich aber auch umgekehrt aus der Entwicklung des diaristischen Schreibens Folgerungen ziehen hinsichtlich dessen, was diese Teil-Literaturen auszeichnet und verbindet.

Es kristallisiert sich so eine Grundfigur der modernen deutschsprachigen Literatur seit 1945/1950 heraus, die die Engländer R. Hinton Thomas und Keith Bullivant schon 1975, terminologisch verschwommen, aber im Kern zutreffend, als „Krise der Identität” bestimmten. Genauer gesagt handelt es sich um die besonderen inhaltlichen und formalen Konsequenzen dieser Krise, wie sie sich nach dem Zerfall der metaphysischen Existenzphilosophie darstellen (Thomas/Bullivant 1975: 9f., 13).

Die Besonderheiten, die diese epochentypische „Krise der Identität” von anscheinend verwandten Problemstellungen früherer Epochen unterscheiden (vgl. hierzu den vorigen Abschnitt über „Subjektivität”/ „Entfremdung”/ „Moderne”), arbeiten aber auch Thomas/Bullivant nicht heraus. Ihnen zufolge hat sich das Grundthema der „Krise der Identität” in seiner besonderen, für die moderne Nachkriegsliteratur typischen Ausformung nämlich erst Ende der 50er Jahre durchgesetzt (sie führen Romane von Böll, Grass, Walser und Rehmann an). Frühere Ansätze ignorieren sie entweder (insbesondere Max Frisch, der auch aus der westdeutschen Literaturgeschichte nicht sinnvoll ausgeklammert werden kann und den sie in anderem Zusammenhang durchaus erwähnen) oder erklären sie zu bloßen „Vorstufen“ (Koeppen und Schmidt).

Thomas/Bullivant legen offensichtlich deshalb so großen Wert darauf, die neue literarische Epoche erst um 1960 beginnen zu lassen, weil sie damit mit einer sozialgeschichtlichten Zäsur zusammenfallen würde. Um 1957/1958 setzen sie nämlich den Übergang von der Mängelgesellschaft der Nachkriegszeit (mit ihren überkommenen patriarchalischen Politstrukturen und Restbeständen existenzmetaphysischer Ideologie) zur pluralistischen „Überflussgesellschaft” an. Dieser neuen pluralen und offenen Gesellschaft entspreche eine plurale und offene Konzeption der Identität entsprochen, die sich dann tatsächlich in der Literatur sofort und umgehend durchgesetzt habe.

Nun kann aber eine solche Korrelation von Literatur- und Sozialgeschichte, trotz ihrer scheinbaren Evidenz, zumindest in dieser kurzschlüssigen Form schon deshalb kein Erklärungsmuster abgeben, weil sie schlicht tautologisch ist. Wie bereits angedeutet, entstehen ja die von Thomas/Bullivant metasprachlich gebrauchten Kategorien „Pluralismus” und „offene Gesellschaft” nicht nur zu derselben Zeit wie die ästhetische Kategorie des „offenen Kunstwerks”, sondern ihr Gebrauch beruht selbst auf denselben epochentypischen Denk- und Sprachfiguren (mindestens bei der literarisch sozialisierten Intelligenz).

Es handelt sich also nicht einfach um ‚objektive’ Bezeichnungen von Sachverhalten, sondern selbst schon um im weiteren Sinn ‚literarische’ Deutungen dieser Sachverhalte. Mithin ist es auch dann, wenn man Aussagen zur Bedeutung von Literatur im kultur- und sozialgeschichtlichen Kontext machen möchte, zuvor unumgänglich, die Eigendynamik des literarischen Spiels mit normalsprachlichen Bedeutungen zu respektieren und zu analysieren. Gerade die Tagebuch-Literatur (und damit auch deren Analyse) ist ja in der Grauzone zwischen allgemein-normalsprachlichem und literarisch-künstlerischem Diskurs angesiedelt.

Ein solcher im weitesten Sinn „diskursgeschichtlicher” Ansatz ist eben kein ‚geistesgeschichtlicher Reduktionismus’, wie gern behauptet wird, sondern das genaue Gegenteil.

Reduktionistisch wäre es gerade, die Doppelung zu verkennen oder vorschnell zu neutralisieren, die im Wesen des ‚modernen’ literarischen Diskurses liegt. Spätestens seit der Aufklärung besteht dessen Funktion darin, außerliterarische Diskurse zu ‚übersetzen’ und in ein zusammenfassendes semantisches Modell der Welt zu integrieren. In diesem Sinn handelt es sich also bei der Literatur um einen Meta-Diskurs oder, mit einem Begriff von Jürgen Link, um einen „Interdiskurs”.

Einen derartigen Sinnentwurf impliziert keineswegs nur die konformistische Literatur, die ‚geschlossene’ Weltmodelle entwirft und rechtfertigt, sondern auch und gerade die ‚kritische’ Literatur. Wenn also auf der metasprachlichen Ebene bestimmt werden soll, welche Phänomene in diesem Zeitraum sinnvollerweise unter den Begriffen „Subjektivität”, „Moderne” und „Literatur” zu verstehen sind, erfordert das eine eine Analyse des zeitgenössischen literarischen (bzw. diaristischen) Diskurses über „Subjektivität”, „Entfremdung”, „Moderne” und „Literatur”/”Schreiben”.

1 Aus der Sicht des Jahres 2005 ist rückblickend klar, dass die Epochenphase der „Gegenwartsliteratur“ historisch geworden ist und etwa von 1965 bis 1990 zu datieren ist. (Selbstverständlich wirkt auch diese Phase dennoch fort, wie ja früher auch etwa Gerhard Hauptmann in den 1920ern oder Ernst Jünger in den 1970er Jahren weiter publizierte.) Es ist aber wohl wirklich so, dass in den 1980er Jahren etwas begonnen hat, von dem nicht ganz klar ist, ob es eine späte Zersetzungsphase einer alten Epoche oder die Konstitutionsphase einer neuen Epoche ist. Ich würde vorschlagen, als Kriterium für „neue Literatur“ danach zu fragen, ob die Texte eine neue Form von Medienerfahrung und Medienbewusstsein spiegeln. Das trifft dann etwa zu für Goetz, Kling, Marcel XXX, (Luwig muss sternen), Krausser, Meinecke, die „Popliteraten“ Ende der 1990er Jahre usw., vermutlich aber auch für viele „filmisch“ schreibende … Sehr viele Autoren (Schulze, xxx) sind dann aber nicht erfasst … XXX

2 Für die Zeit ab den 1990er Jahren lässt sich derzeit noch keine prägnante Formel finden. Es herrscht weiterhin extremer Eklektizismus, aber es scheint die Tendenz zu geben, dass auf der einen Seite die Literatur, die sich als Erkenntnisform versteht, immer weniger zum Kern des kulturellen Selbstverständnis gezählt wird und dass auf der anderen Seite große Teile der Literatur sich auf verschiedene Weise wieder am Mainstream orientieren (neue Erzählliteratur, „Popliteratur“, „Fräuleinwunder“ u.a.).

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