18 Der Mythos von der Entfremdung des modernen Subjekts

Bis 1960 verdichten sich die neuen Auffassungen von ‚moderner Subjektivität’ und ‚Entfremdung’, die nicht nur den existenzmetaphysischen Mythos der „Krise” aufbrechen wollen, sondern auf die Auflösung aller geschlossenen ‚ideologischen’ Strukturen zielen, selbst zu einem geschlossenen und langlebigen semantischen „Mythos” (im Sinn von Barthes „Mythen des Alltags”). Diesen Mythos entwickelt und tradiert in erster Linie die Literatur. Sein unterschwelliges Leitmotiv ist der berühmt geworden Satz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.” aus Adornos „Minima Moralia. Fragmente aus dem beschädigten Leben” (1951).

Gemeint ist damit in etwa: ‚Es gibt kein offenes (subjektives) Leben mehr in der modernen Industriegesellschaft, die mehr und mehr als eine posthistorische Welt geschlossener (objektiver) Strukturen erscheint. Es ist Aufgabe der Literatur, wenn sie schon nicht das utopische Bild des gar nicht mehr denkbaren richtigen Lebens beschwören kann, dann wenigstens dem unglücklichen Bewusstsein eine Leerstelle offen zu halten, die sich den totalitären Regelsystemen der Zivilisation entzieht.’

Die „mythische” Denkstruktur, die um diesen Befund sich organisiert, impliziert in etwa folgende Annahmen (ich formuliere überspitzt und nehme Resultate späterer Analysen vorweg):

(1) Das Subjekt als einzige Wirklichkeit: Im Zentrum des ‚modernen’ Weltbilds steht der Einzelne und Vereinzelte als der Träger emphatischer Subjektivität. Alle empirisch-objektiven und metaphysisch-objektiven Erscheinungen werden nunmehr, und seit der existentialistischen Wende 1940/1950 erst wirklich konsequent, dem Subjekt zugerechnet, worunter anfangs noch eher abstrakt „der Mensch” schlechthin verstanden wird, zunehmend aber das konkrete, aus jedem metaphysischen Zusammenhang befreite individuelle Bewusstsein. Jedem einzelnen Subjekt wird demnach im Prinzip die Freiheit zugestanden und zugemutet, die „Welt” aus seiner Perspektive von Grund auf zu (re)konstruieren. Wo das nicht restlos und sofort möglich ist, wird das bereits als „Entfremdung” empfunden.

(2) Absolute Subjektivität: Die angestrebte Subjektivität wird nicht mehr mit einem Kern bestimmter Merkmale identifiziert (denn dann wäre sie sozusagen nicht mehr wirklich subjektiv, sondern hätte sich bereits ansatzweise objektiviert). Sie ist per definitionem unbestimmt und steht somit für das Dynamische (gegen das Berechenbare), für das Unwiederholbare (gegen das synchrone Schema), für das ‚Offene’ (gegen alle geschlossenen und fertigen Strukturen), für das Besondere (gegen das Allgemeine), für die Individualität (gegen die Identität), für das Sinnlich-Konkrete (gegen das Abstrakte), für das Leben (gegen die ‚Ideologie’), für den konkreten Sprech- und Schreibakt und gegen das konventionelle System der Normalsprache bzw. gegen das harmonisch geordnete und abgeschlossene Werk etc.

(3) Der unaufhaltsam fortschreitende Entfremdungsprozess der Moderne: Das absolute Subjekt versteht sich in der gesellschaftlichen Praxis der ‚Moderne’ als auf noch nie dagewesene Weise entfremdet und von der Auslöschung bedroht. Es erfährt sich als Objekt maschinenhafter, ‚kollektiver’ und ‚totalitärer’ Strukturen, die es seinem Körper entfremden (durch rigide Moral und/oder Produkte der erotischen ‚Bewusstseinsindustrie’), seiner Arbeit (durch Automatisierung, Entsinnlichung und Unterwerfung unter die Logik des Geldes), seinem Geist (wiederum durch die erwähnten ‚Bewusstseinsindustrien’ bzw. durch ‚Ideologien’), seiner Sprache (durch die standardisierte Sprache der Medien) und schließlich der Natur, die begriffen wird als gefühlsbesetzte und die seelische und körperliche Gesundheit beeinflussende ‚Umwelt’ des Subjekts.

(4) Die Erfahrung „des Schreibens”: In einer solch krisenhaft zugespitzten Situation, in der es sozusagen immer schon fünf nach zwölf ist (und in der doch die Entfremdung immer weiter fortschreiten soll) ist kein Raum mehr für Utopien. Die Rest-Subjektivität selbst wird zur letztmöglichen Utopie erklärt, was ihren Absolutheitsanspruch noch weiter stützt. Die ‚Rettung’ des letzten nicht-entfremdeten Restes von Subjektivität setzt die Möglichkeit authentischer ‚Erfahrungen’ voraus, die es in der außerliterarischen Welt aber der eigenen Prämisse zufolge nicht mehr gibt. Als letzter Rest solchen authentischen, ‚offenen’ Lebens erweist sich so paradoxerweise das Schreiben, das ja eigentlich gerade Leben im Sinne einer sinnlichen Teilhabe an der Welt zumindest für die Dauer des Schreibaktes verhindert. Das solipsistische Geschäft des Schreibens wird zum Inbegriff wahren Lebens durch doppelte Negation im Sinne Adornos: Im ‚falschen Leben’ ist Teilnahme gleichbedeutend mit emphatischem Nicht-Leben. Indem ‚das Schreiben’ (ein erst jetzt emphatisch formulierter und geläufiger Ausdruck’) das entfremdete Leben verfremdet und so als entfremdet erst kenntlich macht, ist es mindestens Stellvertreter und letzter Rest ‚richtigen’, d.h. authentischen und emphatisch subjektiven Lebens.

(5) Das schreibende Subjekt als Träger wahrer Modernität: Diese tendenziell solipsistische Haltung des Subjekts richtet sich zwar gegen die gesellschaftliche Wirklichkeit der ‚Moderne’, versteht sich aber keineswegs als ‚antimodern’, ganz im Gegenteil. Sie beansprucht, allein die radikalen Konsequenzen aus der Situation des Subjekts in der ‚Moderne’ zu ziehen und damit die ursprüngliche und eigentliche ‚Moderne’ gegen die ‚falsche Moderne’ zu vertreten. Am Anfang der ‚Moderne’ habe demnach das emphatische Prinzip der ‚offenen’ Subjektivität gestanden. Dieses Erbe sei aber in der Folge verdrängt und verraten worden, bilde aber gleichwohl immer noch die Basis für all das, was an der ‚Moderne’ möglicherweise doch noch ‚kreativ’ und ‚dynamisch’ sei: eine Naturwissenschaft, die seit Einstein und Heisenberg das Einmalige, das Offene und das Dynamische wieder ins Recht setzt, eine Philosophie, die seit Nietzsche die emphatische Subjektivität entdeckt, und vor allem schließlich eine ‚offene’ Kunst und Literatur. Diese Tradition der ‚Moderne’, auf die optimistische Avantgardisten wie Umberto Eco ihre Hoffnungen setzen, erscheint jedoch zugleich als modisches Spiel des Kunst- bzw. Literatur-’Betriebs’  in den allgemeinen Entfremdungsprozess einbezogen. Somit bleibt als letzter Vertreter der emphatischen ‚Moderne’ das einsame schreibende Subjekt, das seine Subjektivität eben dadurch behauptet (im doppelten Sinn des Wortes), dass es alle übersubjektiven Institutionen und Regelsysteme, einschließlich die der Literatur selbst, zurückweist.

Diese Denkfigur (oder besser: dieses komplexe Gewebe von Denkfiguren) ist hier notwendig schematisch wiedergegeben. Es ist darum zu betonen, dass sie nicht an sich, in ihrer ‚reinen’ und abstrakten Form existiert, sondern immer nur im Zusammenhang mit den (literarischen) Aussagen, die diese Denkfigur aufgreifen, bestätigen und zugleich neu entwerfen. Wenn sie „mythisch” genannt wurde, dann ist das wie gesagt im Sinn von Barthes (1964: 92f.) zu verstehen: als „metasprachliches” bzw. „sekundäres semiologisches System”, das über normalsprachlichen Aussagen einer Kultur errichtet wird. In diesem Fall bedeutet das: Die Basis dieses „Mythos” sind mehr oder weniger ‚objektive’ Erfahrungen und sozialwissenschaftliche Feststellungen über das Phänomen der Entfremdung in der modernen Industriegesellschaft, die auf einer zweiten Ebene zum Gegenstand einer mythischen Erzählung, also zu Literatur im weiteren Sinn werden, deren idealer Ort der semiliterarische Essay ist (etwa von Adorno, Wellershoff, Rutschky, Bohrer …). Diese Erzählung wiederum erhält in literarischen Texten im engeren Sinn (in fiktionaler Erzählprosa, aber auch in Lyrik und Dramatik) eine besondere, ‚sinnlich’ greifbare und begreifbare Gestalt. Diese Gestalt lässt sich eben deshalb anhand der Tagebuch-Literatur exemplarisch herausarbeiten, weil im fraglichen Zeitraum diese beiden literarischen Ebenen ihre scharfen Konturen einbüßen und die Tagebuch-Literatur diesbezüglich eine exakte Zwischenstellung einnimmt.

Der synkretistische ‚Mythos von der Entfremdung des modernen Subjekts’ erzählt die Geschichte der Sozialisation überdurchschnittlich sensibler Subjekte als ‚Asozialisation’, als tragische Geschichte der Entfremdung. Auf den nahe liegenden Einwand, dass dies das Thema der Literatur seit der ausgehenden Aufklärung sei, ist dreierlei zu antworten:

Erstens ist eine solche ahistorische Abstraktion eines „Motivs” problematisch und eine Spekulation über ‚die bürgerliche Entfremdungserfahrung schlechthin’ nur in engen und exakt definierten Grenzen sinnvoll. Und auch dann ist  Voraussetzung eine Rekonstruktion der spezifischen Sozialisations- und Entfremdungs-’Mythen’ im Kontext der besonderen Denkkategorien und Denkstrukturen jeder Epoche. (Die „Entfremdungserfahrung” Werthers, der Büchnerschen Lenz-Figur, von Kafkas K. und Frischs Stiller beruht auf je eigens zu analysierenden Voraussetzungen und Zusammenhängen.)

Zweitens ist die vorschnelle und ahistorisch abstrahierende Rede von „Entfremdung”, die sich in allen ‚modernen’ literarischen Texten seit der Aufklärung vorweggenommen sieht, selbst eine Konsequenz des oben skizzierten ‚Mythos’ und das besondere Merkmal der Epoche, die sich als Spätzeit der ‚Moderne’ begreift (vgl. unten).

Und drittens hat sich nach 1950 die Konzeption von Literatur überhaupt grundlegend gewandelt. Fiktive Erzählungen und diaristisches Schreiben nähern sich nun auf neuartige Weise einander an. Die bis dahin im Prinzip noch geschlossenen Erzähl-‚Werke’ (wie z.B. Hesses Steppenwolf) gehen nun zunehmend über in ‚offene’ Erzählexperimente und erhalten so zumindest indirekt diaristischen Charakter (z.B. bei dem Hesse-Anhänger Peter Weiss). Umgekehrt wird die Tagebuchform mehr und mehr ernst genommen und sogar als eine Art ‚literarische Urform’ begriffen. Bei Erzählern wie Max Frisch, Arno Schmidt und Uwe Johnson und bei Diaristen wie wiederum Frisch, wie Kaschnitz, Brinkmann, Wühr u.v.a. verschwimmen vollends die Grenzen zwischen literarischer Figur und dem schreibenden Subjekt, das sich ja erst durch den Akt des Schreibens als Subjekt behauptet.

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