24 Der Fluchtpunkt von ‚modernen’ und ‚postmodernen’ Subjektivitätskonstruktionen

Diese verkürzte und holzschnittartig zugespitzte Darstellung der philosophischen Grundpositionen ist natürlich nur insofern zu rechtfertigen, als das Interesse dieser Arbeit eben kein philosophisches ist.  Ungefähr auf einer vergleichbaren Ebene, auf der diese Skizze angesiedelt ist, vollzieht sich aber auch die Rezeption und praktische literarische Umsetzung der zahlreichen Subjektphilosophien, die seit 1950 über ihr Fachgebiet hinaus ausstrahlen und das intellektuelle Klima der Epoche prägen – ob sie nun auf Sartre, Heidegger, Wittgenstein, Adorno, Marcuse, Lacan, Barthes, Foucault, Derrida oder Deleuze zurückgehen (oder zurückzugehen beanspruchen).

So verstanden bezeichnen diese Grundpositionen auf der metasprachlichen Ebene einen Raum, in dem sich nicht nur die bewussten, quasi-philosophischen Subjektivitätskonzeptionen der Zeit, sondern auch die impliziten Subjektivitätskonzeptionen der Tagebuchtexte, mögen sie auch widersprüchlich und bruchstückhaft sein, systematisch einordnen und zueinander in Beziehung setzen lassen. Und auf der objektsprachlichen Ebene fallen die Typen (c) und (d) mit historische Positionen zusammen, die den Subjektivitätsdiskurs der Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur bestimmen, und denen man z.B. die verschiedenen  Existenzphilosophien, die Kritische Theorie Adornos wie die Marcuses und die verschiedenen ‘Postmodernismen’ zuordnen kann.

Zweierlei ist typisch für alle diese Positionen, so unversöhnlich sie sich im Einzelfall  auch gegenüberstehen mögen: Erstens steht das Subjekt, sei es als zu rettendes oder zu dekonstruierendes, im Mittelpunkt aller Weltkonstruktionen. Ob man nun von einer individuellen und humanen Subjektivität ausgeht oder von einer strukturalen, multiplen, Indidualitäten transzendierenden Meta-Subjektivität – in jedem Fall soll diese Subjektivität oder Meta-Subjektivität, deren eigentlicher Ort die Literatur ist, den ‚subversiven’ Widerstand gegen die technokratischen Machtstrukturen der ‚modernen’ Gesellschaft garantieren. Mit den Worten Franks, der seine Hermeneutik gegen den Vorwurf verteidigt, nur eine bürgerlich-logozentrische Identitätsideologie zu sein:

„Weit entfernt, so etwas wie ein Kern persönlicher Identität im Fluss der Zeit […] zu sein, ist das Individuelle für Schleiermacher, Sartre und Deleuze das gänzlich Unwiederholbare: dasjenige, dessen Einmischung alle allgemeinen Ordnungen um ihre Identität und Geschlossenheit bringt.” (Frank 1983: 468)

Die etwas überraschende und gewaltsame Eingemeindung von Deleuze soll in diesem Zusammenhang Franks Grundthese belegen, dass der wertvolle Kern des Neostrukturalismus, eben der Kampf gegen das falsche, geschlossene Subjekt, wider Willen in die bekämpfte Hermeneutik münde. Etwas Ähnliches versucht er auch mit Foucault (wörtlich: 229), der öffentliche Wirkung vor allem auch im deutschsprachigen Raum erzielte, als er in den 60er Jahren das Ende der historischen Idee des „Menschensubjekts” verkündete und so zum Lieblingsfeind der Hermeneutiker (etwa von Habermas) wurde.

Frank sieht nun, dass er mit Foucault den Kampf für das Individuum gemeinsam hat, das von den gesellschaftlichen „Ordnungen” beherrscht und entfremdet wird (238). Nur geht ihm eben Foucault dann mit seinem spontaneistischen Anarchismus deutlich zu weit, der nicht nur den Kampf gegen falsche Subjektivitätsschablonen, sondern überhaupt den „Kampf gegen die Formen der Subjektivierung, gegen die Unterwerfung durch Subjektivität” einschließt. Dieser Unterschied spiegelt sich überhaupt, wie sich noch zeigen wird, nicht nur in den politischen Orientierungen der französischen und deutschen Studentenbewegung, sondern auch in verschiedenen Tendenzen der avantgardistischen Literatur in den 60er Jahren.

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