9 Der diaristische Raum

Ein Buch beginnt kommentarlos mit dem folgenden Abschnitt, der graphisch abgesetzt ist von den folgenden, in etwa eine ähnliche Länge aufweisenden Abschnitten:

Traure meinem vorigen Heft etwas nach. Das hier ist neu und ohne Charakter. Erdbeben und Vulkane in diesem Jahr. Kirgisen und Usbeken schlagen sich tot. Perlt so aus den Nachrichten raus. War schon im Garten. Alles bestaunt, angebunden, vom sog. Unkraut befreit. Es riecht nach Holunder und Rosen. Moses geht mit unbekannter Agatha Christie gleich in die Hängematte. Er war zu lange in der schwarzen Eyder und klappert. Mal sehen wann Ambrosius kommt.

Das könnten durchaus die ersten Sätze eines Romans sein, der mit einer Art innerem Monolog des Ich-Erzählers einsetzt. Die Welt, in die der Leser eingeführt wird, ist unbekannt und hat vorläufig rein sprachliche Realität: Die ungefähre Jahreszeit wird spezifiziert durch den Blütenduft (Holunder blüht im Juni), die historische Zeit durch den Hinweis auf Agatha Christie und einem Krieg zwischen Kirgisen und Usbeken (20. Jahrhundert, nach Auflösung der Sowjetunion, folgert der Normalleser).

Ob und inwiefern die beschriebene Welt als fiktional oder als real aufzufassen ist, bleibt unklar. Vorläufig scheint sie aus dem privaten Raum eines schreibenden Ich zu bestehen, der als ländliches Naturidyll (blühender Garten, Hängematte) im nördlichsten Deutschland erscheint (wenn man „Eyder” mit Hilfe des Kontextes als den Fluss Eider entschlüsselt) und der kontrastiert wird mit den Katastrophen der ‚großen Welt’, die Radio oder Fernsehen ins Haus bringen: den Naturkatastrophen (Erdbeben/Vulkane) und von Menschen verursachten Kriegen (Kirgisen/Usbeken).

Aber wer sind Moses und Ambrosius? Warum tragen diese Figuren so seltsame Namen? Und in welchem Verhältnis stehen sie zu dem Ich, das ein ‚neues Heft’ mit dieser Eintragung beginnt? Dem Leser bleibt nichts anderes übrig, als das zu tun, was jeder Romanleser tut: Er stellt implizite Verbindungen her, füllt Leerstellen auf, zieht Schlüsse und geht seinen Ahnungen und Vermutungen nach. Um das zu tun, benötigt er ein stillschweigendes Wissen über die Welt im Allgemeinen und literarische Konventionen im Besonderen. Der Text gibt streng genommen nur eine Reihe von Stichworten, Aufforderungen, einem Stück Sprache Bedeutungen zuzuschreiben.

In diesem Fall heißt das, dass der Leser auch dann, wenn er es nicht weiß, nachschlagen kann, wann die Blüte von Holunder und Rosen zusammenfällt, wann ein Krieg zwischen Kirgisen und Usbeken stattfand, wo genau der Fluss Eider liegt und ob er tatsächlich sinnvoll als „schwarz” bezeichnet werden kann. Der übliche Zusatz, der vorab das Textgenre bestimmt (wie z.B. „Roman”, „Tagebuch” oder „Prosa”), fehlt auffälliger Weise. Der Titel, „Das simple Leben”, ist nicht tagebuchspezifisch, aber die Charakteristika des Textes weisen ihn trotz fehlender Datierungen eindeutig als diaristisch aus.

Da der Leser einstweilen nicht entscheiden kann, ob er einen fiktionalen oder authentischen Text vor sich hat, bleibt ihm nichts anderes übrig, als bis zum Beweis des Gegenteils von einem diaristischen Pakt auszugehen und die Lektüre mit der Hypothese fortzusetzen, dass es sich bei dem „Ich” des Textes um eine existierende Person handelt, die den Namen „Sarah Kirsch” trägt. Vielleicht weiß er auch, dass es sich dabei um den Namen (den Künstlernamen!) einer bekannten zeitgenössischen Naturlyrikerin handelt, die 1977 aus politischen Gründen aus der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelt ist.

Bis zum Beweis des Gegenteils liest also der Leser den folgenden Text als eine Reihe von im Kern mutmaßlich authentischen Tagebucheintragungen Sarah Kirschs, die Satz für Satz eine besondere, auf die Schreiberin perspektivisch bezogene Welt Form annehmen lassen. Im Übrigen spielt es vorläufig für die Rekonstruktion dieser Welt keine besondere Rolle, ob die geschilderten Sachverhalte und Vorgänge als ‚authentisch’ oder als ‚fiktiv’ zu bewerten sind.

Bereits in der ersten Eintragung sind die drei charakteristischen Bereiche genannt, aus denen sich die Welt zusammensetzt, die in „Das simple Leben” dargestellt ist: der engste private Kreis der Haus- und Gartenbewohner, zu denen der Lebensgefährte (’Ambrosius’) und der Sohn (’Moses’) ebenso zählen wie der Esel ‚Bosch’ und andere Haustiere mit eigenen originell-poetischen Namen; die ‚große Welt’ der Nachrichten, die vor allem von Kriegen (der Golfkrieg bricht aus) und Naturkatastrophen beherrscht wird (im vorletzten Eintrag wird von einem Erdbeben im Kölner Raum berichtet, der letzte Eintrag endet mit „Der Ätna speit.”); schließlich der solipsistische Raum des schreibenden und dichtenden Ichs.

Dabei klafft zwischen privater Naturidylle und Dichterstube einerseits und den großen Katastrophen andererseits eine riesige Lücke: Die intersubjektive ‚Normalwelt’ mit ihren sozialen, ökonomischen und politischen Strukturen, die z.B. im Tagebuch Rühmkorfs (1995) den größten Raum einnimmt, fehlt beinahe völlig und wird nur repräsentiert von störenden Besuchern und lästigen Verpflichtungen, gegen die sich die Tagebuchschreiberin möglichst verwahrt.

Die Beobachtungen, die man anhand von „Das simple Leben” machen kann, lassen sich verallgemeinern. Die Welt, die ein Tagebuch entwirft, präsentiert sich zum einen als eine ‚wirkliche Welt hinter dem Text’ und zerfällt dann in den Raum des Subjekts, das sich schreibend unmittelbar äußert und den Text als seine ‚Spur’ hinterlässt, und in die distanziert dargestellte Welt, die viele sehr unterschiedliche Teilräume umfasst: neben den verschiedenen Dimensionen der sozialen Außenwelt (von den großen und anonymen Systemen bis zum intimsten Freundeskreis, wozu auch die soziale Identität des Subjekts gehört) die verselbständigte Dingwelt und die Natur, die ‚Kultur’ (die Gedankenwelt im weitesten Sinn als eine Art intersubjektives ‚Archiv’) und vor allem auch die distanziert dargestellte und damit objektivierte Innenwelt des Subjekts (d.h. psychische und körperliche Vorgänge, die das reflektierende Subjekt beschreibt und nicht ausdrückt).

Was die dargestellte Welt betrifft, unterscheidet also den Tagebuchtext selbst nichts von einer Ich-Erzählung – abgesehen vom Authentizitätspostulat des diaristischen Paktes, der vom Paratext festgelegt ist und als eine Art Leseanweisung fungiert. Wenn beispielsweise in einer Erzählung in verschiedenen Zusammenhängen häufig genug von Fenstern die Rede ist, wird der Leser bewusst oder unterschwellig nach einer ‚tieferen’ Bedeutung des Begriffs „Fenster” suchen. In einem Tagebuch gilt aber grundsätzlich die Behauptung, dass von einem Fenster eben dann die Rede ist, wenn es im alltäglichen Leben des Autors irgendeine Rolle gespielt hat. Natürlich wird dieser Unterschied von der nachfreudianischen Psychologie wieder verwischt: Der Tagebuchleser kann sich fragen, warum das Ich ständig Fenster wahrnimmt und welche psychische Struktur sich dahinter verbirgt. Es scheint jedoch, dass diese abstrakte Denkmöglichkeit bis heute erstaunlich selten von Tagebuchlesern (und -schreibern) wirklich konsequent realisiert wird. Außerdem wird selbst dann der Text als ‚authentisch’ im Sinne des diaristischen Paktes aufgefasst, d.h. als ‚unwillkürlicher Abdruck’, nicht als literarische Konstruktion.

Selbstverständlich muss dieser ‚Abdruck’ nicht so unwillkürlich sein wie er scheint – das schreibende Subjekt hat jedenfalls seit der empfindsamen Aufklärung eine Vorstellung von diesem Abdruck und er kann daher stilisiert sein. Das ist nicht entscheidend, denn ein solcher ‚Verfälschungsprozeß’ lässt sich mit Hilfe eines psychologischen Begriffs von ‚Authentizität’ korrigieren: Wenn schon nicht das, was im Text beschrieben wird, ‚authentisch’ ist, dann sind es jedenfalls die Eitelkeiten und Verdrängungen, die sich darin manifestieren.

In den Tagebüchern vom Typ des ‚subjektiven Journals’ tritt die expressive Dimension des Textes, die in den ‚Logbüchern’ heruntergespielt wird, besonders hervor. Die Welt, die das Tagebuch thematisiert, fällt weitgehend zusammen mit dem ‚subjektiven Raum’. Das schreibenden Subjekt thematisiert hier nicht nur seine soziale und psychische Identität, es tritt in erster Linie als Leser seiner selbst auf, d.h. es wird sich selbst als ein Subjekt erkennbar, das sich und seine Welt nicht bloß darstellt, sondern im Prozess des Reflektierens und Schreibens auch herstellt. In dem Maß, in dem dies geschieht, werden  Schreibsituation und Schreibvorgang selbst zum eigentlichen Sujet: „der Fluss der Gedanken durch den Kopf” (so der Titel eines Aufzeichnungsbandes von Peter Rosei, 1976), der Prozess der Erinnerung (z.B. bei Marie Luise Kaschnitz), der Prozess des imaginativen (Selbst-)Entwurfs (etwa bei Max Frisch) oder das Sich-Ausdrücken in einer idiosynkratischen Privatsprache (etwa bei Sarah Kirsch und Peter Rühmkorf).

Gemäß dem Authentizitätspostulat werden die Aussagen eines Tagebuchtextes auf eine außertextuelle Wirklichkeit bezogen, sei es auf die objektive Wirklichkeit der dargestellten Welt oder die subjektive Wirklichkeit des solipsistischen Subjekts. Die dritte Dimension, die de facto die ‘Welt’ eines Tagebuchs ausmacht, muss demgegenüber im Hintergrund bleiben, wenn die Konturen der Tagebuchform nicht verschwimmen sollen: der Text als semantischer Raum. Denn der diaristische Text ist nicht nur referenzielle Darstellung einer ‚wirklichen Welt’ bzw. Ausdruck eines ‚authentischen Subjekts’, er ist vor allem auch Literatur: ein System von Signifikanten und Signifikaten, von semantischen Achsen, Oppositionen, Korrelationen und Äquivalenzen. Und nur dieses semantische System hat der Leser streng genommen vor sich.

Diesen Aspekt betonen übrigens besonders die um literarische Qualität und ‚zeitlose Objektivität’ bemühten Texte vom Typ der diaristischen Aufzeichnungen. Auf dieser selbstreferenziellen, quasi poetischen Ebene würde der immer wiederkehrende Begriff  „Fenster” also erst einmal keine außertextuelle Wirklichkeit bezeichnen, weder als wirkliches Ding noch als fixe Idee des Subjekts, sondern erhielte seine textspezifische Bedeutung aus der Beziehung zu anderen Begriffen. Zum Beispiel kann er in Korrelation/Opposition stehen zu „Tür” oder zu „Spiegel”, oder er kann, wie in der Romantik, auf die ‚laterna magica’ als psychologisch-erkenntnistheoretisches Modell verweisen.

Auch auf dieser Ebene lässt sich noch ein – allerdings sehr abstrakter – Begriff von Subjektivität konstruieren, der in jedem Tagebuch enthalten ist. Zur objektiven Identität des Subjekts in der dargestellten Welt und zum schreibend sich ausdrückenden Subjekt kommt dann die ‚Sprechinstanz’ des Textes, die keine Person ist, sondern eine grammatikalische Funktion, der perspektivische Fluchtpunkt, auf den bezogen sich die semantischen Elemente zum bedeutungshaltigen Textgewebe ordnen. (Wenn man diese an sich anonyme Textinstanz auf das schreibende Subjekt zurück beziehen wollte, wie es die Tagebuchform selbst nahe legt, wäre sie am ehesten so etwa wie dessen ‚sprachliches Unbewusstes’, das für sich zu bestimmen und streng zu unterscheiden ist von einem psychischen Unbewussten. Sobald man psychologische Theorien in den Text projiziert, begibt man sich wieder aus dem sprachlichen Raum zurück in den ‚subjektiven Raum’.)

Um es noch einmal zusammenzufassen und zuzuspitzen: Den drei großen Räumen, die die ‚Welt’ des Tagebuchs ausmachen, entsprechen drei Formen von Subjektivität und drei Konzeptionen von Sprache:

  • In der normalsprachlich dargestellten Welt schreibt sich das Subjekt eine objektive und relativ abgeschlossene Identität zu (Tendenz zum Logbuch);
  • bezogen auf die Schreibsituation äußert sich eine offene und dynamische Subjektivität unbewusst in einer expressiven Sprache und/oder ein Subjekt gebraucht bewusst eine literarische Sprache, die das Besondere der Subjektivität ausdrücken soll (Tendenz zum subjektiven Journal);
  • der Text selbst ist primär weder normalsprachliche Darstellung noch literarisch-expressive Äußerung, sondern ein quasi-poetisches Bedeutungsgewebe, das sich auf eine abstrakte Textinstanz, gleichsam einen semantischen Knotenpunkt, beziehen lässt (Tendenz zu diaristischen Aufzeichnungen).

In der Analyse sind diese Ebenen streng zu scheiden, was keineswegs ausschließt, dass man sie ganz am Ende in einem Akt hermeneutischer Interpretation, der zusätzliche, nicht-literaturwissenschaftliche Annahmen erfordert, wieder zu einem hypothetischen Gesamtbild zusammenfassen kann, in das Subjekt, Welt und Sprache integriert sind. Eine solche Interpretation ist aber nur dann nicht kurzschlüssig, wenn man die Textaussage vorher vollständig rekonstruiert hat.

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