21 Der Begriffskomplex „Subjekt/Entfremdung/Moderne“ (objektsprachlich)

Die seit ca. 1950 andauernde literarische Epoche, die im folgenden zu untersuchen ist, lässt sich u.a. dadurch charakterisieren, dass die Begriffe „das Subjekt”, „die Entfremdung” und auch „die Moderne” (bzw. die entsprechenden Denkfiguren) Schlüsselstellen im literarischen Diskurs besetzen, ohne dass diesem suggestiven Gebrauch eine präzise (etwa hegelianische oder marxistische) Definition zugrunde liegt.

Es handelt sich also um objektsprachliche, der Analyse bedürftige Ausdrücke, die auch in Praxis und Theorie des „modernen Tagebuchs” seit 1950 eine zentrale Funktion haben. (Das Verschwimmen von Praxis und Theorie ist überhaupt ein wesentliches Merkmal der Literatur in diesem Zeitraum.) Die Situation kompliziert sich dadurch, dass wir heute gewöhnt sind, diese Begriffe in eben diesem undeutlichen Sinn metasprachlich zu verwenden, wenn wir uns über die eigene Kultur verständigen. „Subjekt”, „Entfremdung”, „Moderne” werden in einem vagen und pauschalen Sinn ständig ganz selbstverständlich gebraucht. Und als zusätzliche Schwierigkeit kommt hinzu, dass auch diese Untersuchung sich zwangsläufig literaturwissenschaftlicher Ansätze bedient, die selbst seit 1950 entstanden bzw. im deutschsprachigen Raum rezipiert worden sind und in denen bestimmte Vorstellungen von „Subjekt”/ „Entfremdung”/ „Moderne” eine zentrale Rolle spielen.

Wenn also die Tagebuch-Literatur in enger Beziehung steht zur Geschichte des ‚modernen Subjekts’ im metasprachlichen Sinn (was immer darunter zu verstehen ist) und wenn „Subjekt”, „Entfremdung” und „Moderne” zentrale objektsprachliche Begriffe sind, dann bleibt nichts anderes übrig, als kritisch zu bestimmen, was auf einer metasprachlichen Ebene unter diesen Begriffen sinnvoller Weise verstanden werden kann. Nur dann lässt sich auch ihre epochenspezifische Bedeutung klären.

Es ist klar, dass ein solcher Versuch, die eigene Epoche aus historischer Distanz zu betrachten, nur sehr unvollkommen durchgeführt werden kann. Ich denke aber, dass er sich rechtfertigt durch die Erkenntnisse, die ein solcher historisch verfremdeter Blick auf die (wie auch immer genau abgegrenzte) „Gegenwartsliteratur“ zutage fördern kann. Dafür spricht im Übrigen auch, dass sich seit ein paar Jahren solche historischen Rückblicke auf die kulturelle und literarische Epoche seit dem Zweiten Weltkrieg auffallend häufen. Es scheint, dass auch diese Epoche in die Phase ihrer Selbstreflexion eingetreten ist – möglicherweise (aber nicht notwendig) ein Indiz dafür, dass sie sich tatsächlich ihrem Ende nähert.

Die Begriffe „Subjekt”/ „Entfremdung”/„Moderne” gehören zusammen. Seit den 50er Jahren, seit Auschwitz, Hiroshima, dem Eisernen Vorhang und der Erfindung des Werbefernsehens, gilt es in der Literatur als ausgemacht, dass die Dämmerung der „Moderne” sich v.a. darin zeige, dass „das Subjekt” (im Sinne des im Handeln und Reflektieren souveränen Einzelnen) in eine nicht mehr überbietbare „Entfremdung” geraten sei. Die Basisformel vom  „entfremdeten Subjekt der Moderne” ist seitdem der Dreh- und Angelpunkt eines neu entstandenen Weltbilds, das sämtliche noch so widersprüchlichen Erscheinungen aller denkbaren „Modernen” zu vereinigen sucht: der gesellschaftlichen, ökonomischen, technologischen, naturwissenschaftlichen, philosophisch-anthropologischen, sozialpsychologischen, psychopathologischen … und schließlich auch der ästhetischen und literarischen Moderne. Auf jedem dieser Gebiete impliziert dabei der Begriff der „Moderne” eine Theorie der „Subjektivität” und der „Entfremdung”. Dabei herrscht ein vager Konsens darüber, dass es sich um eindeutig bestimmbare Phänomene handelt und lediglich über deren Deutung Differenzen bestehen könnten. Doch dies ist ein Irrtum.

„Das Subjekt, was immer das sei …” – dieser  Satz steht etwa in einem Buch des Literaturwissenschaftlers und hermeneutischen Philosophen Manfred Frank (1983), das sich mit dem französischen „Neostrukturalismus” auseinandersetzt und in dem es auf 600 Seiten letztlich um nichts anderes geht als um die Beantwortung dieser höchst strittigen Frage. Für den Begriff „Entfremdung” stellte Umberto Eco bereits 1962 ähnliches fest – er sei „heute – hundert Jahre, nachdem er aufgekommen ist”, plötzlich zum Modewort geworden sei, das, wie er meint, ungenau und missbräuchlich verwendet werde (Eco 1977: 237). (Im folgenden trägt Eco dann selbst zu dieser Konjunktur bei, indem er sich bemüht, den Begriff der „Entfremdung” so zu definieren, dass das avantgardistische „offene Kunstwerk” als die adäquate Antwort darauf erscheint.)

Und für den Begriff  „Moderne” und die davon abgeleiteten Unterbegriffe schließlich kommt der ehemalige „kursbuch”-Mitherausgeber Karl Markus Michel (1988: 491) zu einem verwandten Befund: Sie „bezeichnen weniger eine Gruppe von Phänomenen als Urteile darüber. Sie wählen und werten. So entstehen Schnittmuster ad libitum.” Michel nimmt dies in seinem „Abschied von der Moderne” überschriebenen Essay dann zum Anlass, seine eigene intellektuelle Geschichte (und damit die ganze literarische Epoche) kritisch zu reflektieren, die in den 50er Jahren mit dem begeisterten Bekenntnis zum „internationalen Modernismus” der Kunst einsetzte. In der Folge sichtet er einen Teil dieser Schnittmuster, die für das Bild der „ästhetischen Moderne” im deutschsprachigen Raum seit 1950 wirksam geworden sind und u.a. von Theodor W. Adorno, Arnold Gehlen, Jürgen Habermas, Karl Heinz Bohrer und Peter Bürger stammen.

Michel stellt die Kategorien zusammen, mit denen diese Autoren die jeweils eigene „Moderne” definieren: u.a. Old Culture/ New Culture/ Popular Culture (Bohrer), prämodernistisch/ postmodernistisch/ antimodernistisch (Habermas), Avantgarde/ Neoavantgarde (Bürger). Das ließe sich natürlich beinahe beliebig vermehren. Aus Sicht der Literaturwissenschaft wären v.a. noch die Kategorien „vormodern”, „spätmodern” und „klassisch modern” hinzuzufügen, auf die unten noch zurückzukommen ist. Und die Situation wird natürlich noch dadurch wesentlich unübersichtlicher, dass die Begriffe von anderen Theoretikern jeweils anders definiert werden.
Einigermaßen einig ist man sich in dieser babylonische Verwirrung also nur über das eine: dass man sich am äußersten Rande der wie auch immer definierten „Moderne” befinde und nun erstmals bilanzierend auf einen kulturgeschichtlichen Abschnitt zurückblicken könne, in dessen Verlauf „das Subjekt” sich immer mehr seiner selbst bewusst geworden und zugleich seine „Entfremdung” bis zum äußersten Extrem gediehen sei. Diese Annahme ist ein fundamentaler Baustein des Denksystems, das seit 1950 die Tagebuch-Literatur im Besonderen und die Literatur im Allgemeinen prägt.

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