2 Definition der Textsorte „Tagebuch“ (II)

Vorschlag einer formalen Definition der Textsorte „Tagebuch“

Im Folgenden schlage ich eine formale Definition der Textsorte „Tagebuch” vor. Sie soll die Resultate der bisherigen theoretischen Annäherungen an das Tagebuch aufgreifen, systematisch ergänzen sowie die einzelnen Merkmale sinnvoll voneinander scheiden und möglichst präzise formulieren.

Sie erfasst naturgemäß nicht „das Wesen“ des Tagebuchs, sondern stellt ein Klassifikationssystem dar, das Einzeltexte und Typen diaristischen Schreibens von sehr verschiedener Eigenart und historisch-kulturellem Hintergrund zusammenfasst. Wie sinnvoll eine solche Zusammenfassung ist, kann nur die analytische Praxis zeigen.

Ein Tagebuch besteht demnach aus einer Reihe (1) von graphisch und inhaltlich klar voneinander abgesetzten Teiltexten (2) ohne direkten Adressaten, (3) die explizit oder implizit datiert und chronologisch geordnet sind, (4) die explizit oder implizit auf Ausschnitte einer außertextuellen ‚Wirklichkeit’ verweisen (5) und in denen das schreibende Subjekt, das durch den ‚diaristischen Pakt’ mit dem Autor identifiziert wird, explizit oder implizit präsent bleibt.

Das normalsprachliche Gattungsmerkmal der „Authentizität“ wird so als ein Effekt mehrerer Textmerkmale erkennbar: Der fragmentarische Charakter (der sich bis in die Syntax erstrecken kann) signalisiert wie die Datierung die „Unmittelbarkeit“ der Niederschrift. Das Fehlen des Adressaten suggeriert unverstelltes Sprechen/Schreiben. Die Namensidentität des Autors, der in der „wirklichen Welt“ für den Text verantwortlich zeichnet, mit dem schreibendem Subjekt und dem „Ich“ als Protagonisten bekräftigt schließlich, dass es darin um eine außertextuelle „Wirklichkeit“ gehen soll.

Im Folgenden erläutere und begründe ich die einzelnen Punkte der Definition. Die Schwierigkeiten, die dabei zu diskutieren sein werden, sind zugleich unmittelbar relevant für die Untersuchung der Tagebuch-Literatur nach 1950. Die Tagebücher, die wir als „modern“ empfinden, zeichnen sich nämlich dadurch aus, dass sie eines oder mehrere der genannten Grundmerkmale problematisieren.
In einem ersten Schritt begründe ich jeweils die gewählte Formulierung, in einem zweiten Schritt stelle ich idealtypisch das sich selbst nicht problematisierende „Normaltagebuch“ dem „modernen Tagebuch“ gegenüber. (Was unter „modern” im einzelnen zu verstehen ist, wird weiter unten noch genauer zu klären sein.)

(1) graphisch und inhaltlich klar voneinander abgesetzte Teiltexte („Fragmentcharakter“):

Der formale Begriff  „Teiltext” ist geeigneter als alle konkreteren Begriffe, die vorgeschlagen wurden. „Aufzeichnung” oder „Notat” suggerieren eine nicht verifizierbare Vorstellung vom „wirklichen Schreibakt“, der aber nur als Konstruktion des Textes zugänglich ist. Gerade in der Tagebuch-Literatur nach 1950 sind sie daher häufig bereits mit bestimmten diaristischen Konzepten verbunden. „Bericht” (Boerner, Meid) ist falsch: Tagebuchtexte können berichten, müssen aber nicht. Nicht einmal die nähere Bestimmung „Prosatext“ (Vogelgesang) ist möglich: Tagebucheintragungen in Gedichtform sind nicht selten (z.B. bei Kroetz), im Extremfall kann ein ganzer diaristischer Text als Gedichtband vorliegen (bei Jürgen Becker).

Die Bestimmung „inhaltlich abgegrenzt” ist nötig, weil der Fall denkbar ist und in der Erinnerungsliteratur der siebziger Jahre auch vorkommt, dass eine thematisch durchgängige autobiographische Erzählung an bestimmte Zeitpunkte gebunden wird. Dieses Verfahren, das die Erinnerungsanstrengungen des gegenwärtigen Subjekts in den Text integriert, verleiht ihm ohne Zweifel diaristischen Charakter, aber ebenso zweifellos sprengt eine thematisch geschlossene Erzählung, die lediglich graphisch in datierte Teile zerlegt ist, die Tagebuchform. Das schwierige Problem der Grenzziehung zur „Erzählung”, das die Tagebuchtheoretiker bezeichnenderweise ignorieren, wird im Einzelnen noch an konkreten Beispielen wie Grass’ Tagebuch einer Schnecke und Johnsons Jahrestage zu erörtern sein (vgl. Kapitel 4.8).

Oft ist etwas verschwommen vom fragmentarischen Charakter die Rede, der durch die graphische und inhaltliche Trennung der Teiltexte entstehe. In einem grundsätzlicheren Sinn aber vermitteln keineswegs alle Tagebücher oder alle Teile einzelner Tagebücher ein fragmentarisches Weltbild, eher im Gegenteil: In einem idealtypischen „Normaltagebuch“ spielt es keine Rolle, dass semantische Verbindungsstücke und eventuell sogar Satzteile fehlen und dass zwischen verschiedenen Themen und Stilebenen gesprungen wird, weil der oberflächlich fragmentarische Text einen selbstverständlichen und vollständigen Subtext voraussetzt, der zugleich modellhaft eine geschlossene semantische Weltordnung repräsentiert.

Diese Geschlossenheit können ‚moderne’ Tagebuchtexte bewusst aufbrechen, indem sie den eigenen Fragmentcharakter deutlich herausstellen und inhaltlich funktionalisieren. Das allerdings geschieht interessanterweise in der diaristischen Praxis erst verhältnismäßig spät, obwohl die Poetik des Fragments bekanntlich bereits seit Herder, Hamann und den Frühromantikern (vgl. Beutler 1985) entwickelt wurde und obwohl die Entdeckung des Tagebuchs als literarischer Form zur selben Zeit erfolgte.

Das Fragment stellt die Nullstellen eines Textes als bedeutungsvoll heraus und soll so auf das Transzendente verweisen, das mit normalsprachlichen Mitteln nicht ausgedrückt werden kann. Insofern ist es nicht zufällig, dass Herder mit dem Journal meiner Reise im Jahre 1769 ein Tagebuch schreibt und im Freundeskreis kursieren lässt, das sich nicht als Logbuch mit den äußeren Geschehnissen der Schiffsreise beschäftigt, sondern erstmals mit den Reflexionen eines Subjekts, das angesichts der Weite des Horizonts, der Höhe des Himmels und der Tiefe des Meeres sich ganz in die eigene, hier noch primär gedankliche Innenwelt vertieft.

Anders als in Goethes Roman bald darauf geschriebenem Briefroman Die Leiden des jungen Werthers (1774), der starke diaristische Züge aufweist, gilt bei Herder allerdings dieser fragmentarische Charakter nur für den rationalen Selbstentwurf des Subjekts, für die Zukunftspläne, noch nicht für die alltägliche Selbstgewissheit. Das trifft, soweit ich sehe, auch auf andere nicht-fiktive Tagebücher der Zeit wie etwa das Lavaters zu.

Wo die Lücken der Wertherschen Aufzeichnungen tatsächlich die „Lücke im Busen” repräsentieren, die er beklagt, macht deshalb 1786 der Philosoph Franz von Baader gerade die umgekehrte Erfahrung: „Welche Lücke in meinem Tagebuch! – Gottlob, dass sie nicht auch in meinem Innern, in mir selbst ist. Ich werde nun durch Übung und Schärfung meiner innersten Selbstbeachtung täglich lebendiger vom beständigen Fortleben meines Einen inneren Selbst überzeugt […]”1

Goethe ist damit zwar der erste, der die fragmentarische Tagebuchform planmäßig benutzt, um ein der Welt und sich selbst entfremdetes Subjekt zu charakterisieren – aber er tut das das eben nur in einem fiktionalen diaristischen Text, dessen ebenso dichtes wie kompliziertes Motivgeflecht eben doch auf eine tiefere Ordnung verweist (die allerdings der Figur Werther nicht zugänglich und „offener“ ist das empfindsam-aufgeklärte Weltbild). Diese Ordnung repräsentiert die anonyme Herausgeberfigur, die implizit im Text anwesend bleibt.
Goethe selbst verstand daher sein eigenes Tagebuch ganz im Sinne der aufklärerischen Pädagogik als ein Mittel zur Selbstobjektivierung und Selbstdisziplinierung. Hier verweist der Stichwortcharakter eben nicht auf „Lücken” im Selbst- und Weltbild, sondern signalisiert wenigstens der Intention nach gerade dessen Ordnung und Vollständigkeit.

Das ist etwas grundsätzlich anderes, als wenn Kafka in einem nichtfiktiven Tagebuch, also ohne semantisches Netz und doppelten Boden, den fragmentarischen Charakter des diaristischen Weltbilds problematisiert:

„2. August. Deutschland erklärt Russland den Krieg. – Nachmittag Schwimmschule.“

Im Kontext des Kafkaschen Textes erhält dieselbe Eintragung, die z.B. in einem möglichen Tagebuch des damals 19jährigen Ernst Jünger völlig unauffällig und selbstverständlich gewesen wäre, eine grundsätzliche Bedeutung. In genau diesem Sinn wird sie deshalb auch von Max Frisch in seinem Tagebuch 1966 – 1971 wiederum zitiert.

Im Prinzip wird also in „modernen Tagebüchern“ die problematische Fragmenthaftigkeit der Form und damit auch des Selbst- und Weltbildes tatsächlich zunehmend bewusst. Allerdings heißt das keineswegs, dass die Tagebücher in den gut zweihundert Jahren seit dem Werther insgesamt immer „moderner“ werden. Thomas Manns Tagebuch ähnelt eher dem Tagebuch Goethes als dem Kafkas, und das selbe gilt heute auch für viele Literaten-Tagebücher.

Das Tagebuch des durchaus „modernen“ Lyrikers Reiner Kunze (1993) etwa ist völlig unangekränkelt von jedem modernen Bewusstsein um die Problematik der Tagebuchform. Und 1986 bzw. 1987 erschienen zugleich das formal und inhaltlich stockkonservative Tagebuch Die Laren der Villa Massimo von Ludwig Harig und als anderes Extrem das experimentelle Tagebuch Der faule Strick von Paul Wühr – von gleichaltrigen Autoren also, die beide zum Kreis des sprachavantgardistischen Bielefelder Kolloquiums Neue Poesie gehören.

(2) ohne direkten Adressaten:

Das Tagebuch hat keinen direkten Adressaten und ist in diesem Sinn monologisch (Meid 1993: 418). Dieses formale Kriterium reicht aus für die Abgrenzung gegen den Brief (obwohl Briefe wie gesagt auch monologischen und damit tagebuchähnlichen Charakter annehmen können). Damit ist aber noch keineswegs genügend geklärt, was „monologisch” im Einzelnen eigentlich bedeutet.

Das Logbuch eines Kapitäns z.B. ist für eine Kontrollinstanz bzw. für eine bestimmte Öffentlichkeit bestimmt. In einem unspezifischeren Sinn gilt Ähnliches, wenn die Veröffentlichung eines Tagebuchs vom Verfasser autorisiert ist. Die nächste Stufe bilden dann Tagebücher, deren Veröffentlichung zwar nicht vom Verfasser autorisiert ist, die aber den Charakter eines Rechenschaftsberichts haben. Adressat ist dann das eigene Über-Ich und damit die innerpersonale Kontrollinstanz eines überindividuellen Wertsystems.

Ganz grundsätzlich gilt für jedes Tagebuch, dass das diaristische Ich selbst in mindestens drei Funktionen im Text enthalten ist: als handelndes/sich verhaltendes/erlebendes Ich, als dieses Handeln/Verhalten/Erleben mehr oder minder getreulich aufzeichnendes Ich und als „objektive“ Kontrollinstanz, d.h. als kritischer Leser des eigenen Lebenstextes. Denn nicht nur das pietistische, sondern jedes Tagebuch enthält mindestens unausdrücklich den Bezug auf den sich selbst lesenden Verfasser.

Dieser konkrete implizite Leser des Tagebuchs ist wiederum nicht zu verwechseln mit dem abstrakten „impliziten Leser”, worunter Wolfgang Iser (1972) den in jedem literarischen Text „vorgezeichneten Aktcharakter des Lesens und nicht eine Typologie möglicher Leser” versteht. Jedem Text entspricht allein schon deshalb, weil er sich der intersubjektiven Sprache und bestimmter formaler Charakteristika bedient, ein idealtypisch vollständiger Rezeptionsakt, der alle in der semantischen Struktur angelegten Bedeutungen aktualisiert, einschließlich derjenigen, die dem Verfasser vielleicht nicht bewusst waren.

Bei diesem ‚impliziten Leser’ handelt es sich also eigentlich um eine Funktion des Textes, um eine Art ausgesparte Leerstelle. Mit dem empirisch konkreten Leser hat sie nur insofern zu tun, als sie sich gleichsam als Rolle auffassen lässt, in die dieser Leser hineinschlüpft. Er interpretiert diese Rolle individuell und in einer Weise, die dem kulturellen Bedeutungshorizont des jeweiligen Textes mehr oder weniger angemessen ist, füllt sie aber in der Praxis niemals ganz (und meistens nicht einmal annähernd) aus.

Diese unumgehbare Textfunktion, die einen ‚objektiven’ Logbuchschreiber kaum irritieren wird, wirft nun insbesondere für den Tagebuchtyp, der in der Tradition des „journal intime” auf den Prinzipien der ‚Authentizität’ und ‚Unmittelbarkeit’ des Niedergeschriebenen beruht, substanzielle Probleme auf: Das Tagebuch-Ich, das sich als emphatisches Subjekt schreiben und lesen will, macht die entfremdende Erfahrung, auch in der ‚intimsten’ Äußerung noch eingespannt zu sein in das kulturspezifische System von Bezügen und Kategorien, das die Sprache selbst repräsentiert. Mit den Worten Hofmannsthals in seinen Aufzeichnungen Ad me ipse:
„Das Individuum ist unaussprechlich. Was sich ausspricht, geht schon ins Allgemeine über […] Sprache und Individuum heben sich gegenseitig auf.“2

„Moderne“ Tagebücher versuchen mitunter, dieses geschlossene System zu öffnen: etwa durch die Verwendung einer nicht-denotativen Kunstsprache, die sozusagen zwischen den Zeilen „das Geheimnis, […] das Lebendige” zur Erscheinung bringt (Max Frisch 1950: 39) oder durch die Entwicklung einer eigenen idiosynkratischen Sprache, die die eigene Subjektivität gegen die Standardsprache zum Ausdruck bringt (wie z.B. Rühmkorf 1995). Doch solche Ausflüchte können zwar eine relativ exklusive, „offene“ und souveräne Subjektivität entwerfen, die sich möglichst weitgehend von der profanen Alltagssubjektivität  unterscheidet, aber sie ändern nichts an der Tatsache, dass jede noch so exklusive Sprache im emphatisch-totalen Sinn eigentlich nicht mehr subjektiv ist. Das Tagebuch hat zwar keinen Adressaten im engeren Sinn, aber auch im emphatischen journal intime, das „die Anderen“ ausgrenzt, sind diese immer schon Teil des Textes.

(3) explizit oder implizit chronologisch geordnet:

Die chronologische Datierung der Textteile erfüllt im Textzusammenhang vielfältige und durchaus komplexe Funktionen: Sie signalisiert erstens die „Unmittelbarkeit“ der Niederschrift und macht den Schreibakt zu einer Dimension des Textes selbst (was z.B. in einem Essay normalerweise nicht der Fall ist), zweitens sorgt sie für den prozessualen und offenen Charakter des Textes („Schreiben als Expedition” nennt das Vogelgesang 1985: 187), drittens werden durch die konventionelle Datierung die subjektiven Schreibakte bzw. die darin behandelten Erfahrungen mit einer intersubjektiven kulturellen Zeit synchronisiert.

„Moderne“ subjektivistische Journale problematisieren den Gegensatz zwischen der subjektiv erlebten  Zeit und dem schematisch-künstlichen Zeitraster, indem z.B. die Datierung ganz weggelassen und stattdessen nur implizit zum Ausdruck gebracht wird, dass ein Teiltext mit einem bestimmten Zeitpunkt verknüpft sein soll, oder indem die tatsächliche Lücken zwischen Erleben, Reflexion des Erlebens und Niederschrift kenntlich gemacht werden.

(4) Verweis auf außertextuelle Wirklichkeit:

Das Tagebuch verweist auf eine ‚Wirklichkeit hinter dem Text’ und damit mindestens indirekt auch auf einen doppelten Vorgang der Filterung – durch die Auswahl der ‚Fakten’ und durch ihre Übersetzung in Sprache. Dieser Filterungsvorgang kann im Text selbst auf vielfältige Art problematisiert werden, im Extremfall so weit, dass die Existenz jeder ‚Wirklichkeit’ außerhalb der Imagination / der Sprachmächtigkeit des Subjekts bzw. der Sprache des Textes selbst geleugnet wird.

Eine weitere subversive Variante sind Traumschilderungen oder der Entwurf fiktiver Gegenwirklichkeiten, die etwa von Kafka oder von Frisch möglichst übergangslos im Tagebuch neben die Schrift gewordene ‚authentischen Wirklichkeit’ gestellt werden. Dadurch werden die ‚wirkliche Welt’ auf der einen Seite und die imaginierte bzw. sprachlich erzeugte ‚Welt’ auf der anderen Seite einander angeglichen: Was die erste Welt an ‚Wirklichkeitsgehalt’ einbüßt, gewinnt die letztere hinzu.

(5) Präsenz des schreibenden Subjekts (der „diaristische Pakt“):

Bereits der Hinweis auf den Schreibakt, den die Datierung enthält, sorgt dafür, dass auch dann, wenn nirgendwo „Ich” gesagt wird, das schreibende Subjekt ständig präsent ist. Es wird somit auf eine Weise Teil des Textes, wie es bei den anderen literarischen Formen (ausgenommen den Brief) nicht der Fall ist.

Wie bei den anderen Textsorten, die Lejeune (1994) unter dem Ausdruck „littérature intime” zusammenfasst (Autobiographie, Selbstporträt, Memoiren, Brief, Essay), ist für das veröffentlichte Tagebuch das wesentlich, was er den „autobiographischen Pakt” nennt: Die Identität „zwischen dem Autor (wie er namentlich auf dem Umschlag des Buches steht), dem Erzähler und dem Protagonisten” (Lejeune 1994: 25) signalisiert dem Leser, dass dieser Text beansprucht, als authentische Äußerung gelesen zu werden. (Der „Erzähler“ entspricht im Tagebuch dem schreibenden Subjekt, der „Protagonist“ dem Ich, dessen Handlungen und Erfahrungen im Text aufgezeichnet sind.)

Wichtig ist, dass dieser „Autor”, der sich in einer Art „Signatur” durch seinen Namen oder seine Handschrift zu erkennen gibt (27), eine Funktion des Textes ist: Die „Ähnlichkeit”, die dieser im Text sich manifestierende Autor mit der wirklichen Person dieses Namens hat, die der Leser zu kennen glaubt, ist nicht entscheidend (26). Das bedeutet auch, dass die Namensidentität zwischen Autor und Tagebuch-Ich den Interpreten nicht dazu berechtigt, vermeintliches Wissen oder Mutmaßungen über den „wirklichen Autor“ in den Text zu projizieren. Jeder literarische Text und also auch jeder Tagebuchtext bedeutet nur das, was sich daraus logisch folgern lässt.3

Im Gegensatz zu den anderen Merkmalen des Tagebuchs, die sozusagen einen zusätzlichen, spezifisch diaristischen Pakt ausmachen, lässt sich der autobiographische Pakt kaum aushöhlen: Der Verstoß gegen das Prinzip der Namensidentität würde bedeuten, dass der Text als fingierte Tagebucherzählung gelesen wird. Häufig ist dagegen, dass das Tagebuch-Ich als Autor, der sich selber liest, auftritt und beteuert, dass das schreibende Subjekt dieses Textes ihm fremd sei – gemäß dem Schlachtruf der literarischen Moderne: „Ich ist ein anderer”, der auf Rimbaud zurückgeht und z.B. in Undine Gruenters Tagebuch von 1995 mehrfach zitiert wird. In diesem Sinn äußert sich auch das Tagebuch-Ich in Frischs Tagebuch 1946 – 1949.

Entscheidend ist dabei, dass es sich hier immer um Operationen innerhalb des Textes handelt, die keinen Einfluss auf die Gültigkeit des autobiographischen Paktes selbst haben. Das Tagebuch kann immer nur die Spannung zwischen dem ‚wirklichem Ich’, das sich zunehmend als fremdbestimmt erfährt, und dem ‚literarischem Ich’, das sich selbst entwirft, thematisieren. Genau das ist das Hauptthema der Tagebuch-Literatur nach 1950.

Vorschlag einer formalen Definition der Textsorte „Tagebuch“

Im Folgenden schlage ich eine formale Definition der Textsorte „Tagebuch” vor. Sie soll die Resultate der bisherigen theoretischen Annäherungen an das Tagebuch aufgreifen, systematisch ergänzen sowie die einzelnen Merkmale sinnvoll voneinander scheiden und möglichst präzise formulieren.

Sie erfasst naturgemäß nicht „das Wesen“ des Tagebuchs, sondern stellt ein Klassifikationssystem dar, das Einzeltexte und Typen diaristischen Schreibens von sehr verschiedener Eigenart und historisch-kulturellem Hintergrund zusammenfasst. Wie sinnvoll eine solche Zusammenfassung ist, kann nur die analytische Praxis zeigen.

Ein Tagebuch besteht aus einer Reihe (1) von graphisch und inhaltlich klar voneinander abgesetzten Teiltexten (2) ohne direkten Adressaten, (3) die explizit oder implizit datiert und chronologisch geordnet sind, (4) die explizit oder implizit auf Ausschnitte einer außertextuellen ‚Wirklichkeit’ verweisen (5) und in denen das schreibende Subjekt, das durch den ‚diaristischen Pakt’ mit dem Autor identifiziert wird, explizit oder implizit präsent bleibt.

Das normalsprachliche Gattungsmerkmal der „Authentizität“ wird so als ein Effekt mehrerer Textmerkmale erkennbar: Der fragmentarische Charakter (der sich bis in die Syntax erstrecken kann) signalisiert wie die Datierung die „Unmittelbarkeit“ der Niederschrift, das Fehlen des Adressaten suggeriert unverstelltes Sprechen/Schreiben. Die Namensidentität des Autors, der in der „wirklichen Welt“ für den Text verantwortlich zeichnet, mit dem schreibendem Subjekt und dem „Ich“ als Protagonisten bekräftigt schließlich, dass es darin um eine außertextuelle „Wirklichkeit“ gehen soll.

Im Folgenden erläutere und begründe ich die einzelnen Punkte der Definition. Die Schwierigkeiten, die dabei zu diskutieren sein werden, sind zugleich unmittelbar relevant für die Untersuchung der Tagebuch-Literatur nach 1950. Die Tagebücher, die wir als „modern“ empfinden, zeichnen sich nämlich dadurch aus, dass sie eines oder mehrere der genannten Grundmerkmale problematisieren.

In einem ersten Schritt begründe ich jeweils die gewählte Formulierung, in einem zweiten Schritt stelle ich idealtypisch das sich selbst nicht problematisierende „Normaltagebuch“ dem „modernen Tagebuch“ gegenüber. (Was unter „modern” im einzelnen zu verstehen ist, wird weiter unten noch genauer zu klären sein.)

(1) graphisch und inhaltlich klar voneinander abgesetzte Teiltexte („Fragmentcharakter“):

Der formale Begriff „Teiltext” ist geeigneter als alle konkreteren Begriffe, die vorgeschlagen wurden. „Aufzeichnung” oder „Notat” suggerieren eine nicht verifizierbare Vorstellung vom „wirklichen Schreibakt“, der aber nur als Konstruktion des Textes zugänglich ist. Gerade in der Tagebuch-Literatur nach 1950 sind sie daher häufig bereits mit bestimmten diaristischen Konzepten verbunden. „Bericht” (Boerner, Meid) ist falsch: Tagebuchtexte können berichten, müssen aber nicht. Nicht einmal die nähere Bestimmung „Prosatext“ (Vogelgesang) ist möglich: Tagebucheintragungen in Gedichtform sind nicht selten (z.B. bei Kroetz), im Extremfall kann ein ganzer diaristischer Text als Gedichtband vorliegen (bei Jürgen Becker).

Die Bestimmung „inhaltlich abgegrenzt” ist nötig, weil der Fall denkbar ist und in der Erinnerungsliteratur der siebziger Jahre auch vorkommt, dass eine thematisch durchgängige autobiographische Erzählung an bestimmte Zeitpunkte gebunden wird. Dieses Verfahren, das die Erinnerungsanstrengungen des gegenwärtigen Subjekts in den Text integriert, verleiht ihm ohne Zweifel diaristischen Charakter, aber ebenso zweifellos sprengt eine thematisch geschlossene Erzählung, die lediglich graphisch in datierte Teile zerlegt ist, die Tagebuchform. Das schwierige Problem der Grenzziehung zur „Erzählung”, das die Tagebuchtheoretiker bezeichnenderweise ignorieren, wird im Einzelnen noch an konkreten Beispielen wie Grass’ Tagebuch einer Schnecke und Johnsons Jahrestage zu erörtern sein (vgl. Kapitel 4.8).

Oft ist etwas verschwommen vom fragmentarischen Charakter die Rede, der durch die graphische und inhaltliche Trennung der Teiltexte entstehe. In einem grundsätzlicheren Sinn aber vermitteln keineswegs alle Tagebücher oder alle Teile einzelner Tagebücher ein fragmentarisches Weltbild, eher im Gegenteil: In einem idealtypischen „Normaltagebuch“ spielt es keine Rolle, dass semantische Verbindungsstücke und eventuell sogar Satzteile fehlen und dass zwischen verschiedenen Themen und Stilebenen gesprungen wird, weil der oberflächlich fragmentarische Text einen selbstverständlichen und vollständigen Subtext voraussetzt, der zugleich modellhaft eine geschlossene semantische Weltordnung repräsentiert.

Diese Geschlossenheit können ‚moderne’ Tagebuchtexte bewusst aufbrechen, indem sie den eigenen Fragmentcharakter deutlich herausstellen und inhaltlich funktionalisieren. Das allerdings geschieht interessanterweise in der diaristischen Praxis erst verhältnismäßig spät, obwohl die Poetik des Fragments bekanntlich bereits seit Herder, Hamann und den Frühromantikern (vgl. Beutler 1985) entwickelt wurde und obwohl die Entdeckung des Tagebuchs als literarischer Form zur selben Zeit erfolgte.

Das Fragment stellt die Nullstellen eines Textes als bedeutungsvoll heraus und soll so auf das Transzendente verweisen, das mit normalsprachlichen Mitteln nicht ausgedrückt werden kann. Insofern ist es nicht zufällig, dass Herder mit dem Journal meiner Reise im Jahre 1769 ein Tagebuch schreibt und im Freundeskreis kursieren lässt, das sich nicht als Logbuch mit den äußeren Geschehnissen der Schiffsreise beschäftigt, sondern erstmals mit den Reflexionen eines Subjekts, das angesichts der Weite des Horizonts, der Höhe des Himmels und der Tiefe des Meeres sich ganz in die eigene, hier noch primär gedankliche Innenwelt vertieft.

Anders als in Goethes Roman bald darauf geschriebenem Briefroman Die Leiden des jungen Werthers (1774), der starke diaristische Züge aufweist, gilt bei Herder allerdings dieser fragmentarische Charakter nur für den rationalen Selbstentwurf des Subjekts, für die Zukunftspläne, noch nicht für die alltägliche Selbstgewissheit. Das trifft, soweit ich sehe, auch auf andere nicht-fiktive Tagebücher der Zeit wie etwa das Lavaters zu.

Wo die Lücken der Wertherschen Aufzeichnungen tatsächlich die „Lücke im Busen” repräsentieren, die er beklagt, macht deshalb 1786 der Philosoph Franz von Baader gerade die umgekehrte Erfahrung: „Welche Lücke in meinem Tagebuch! – Gottlob, dass sie nicht auch in meinem Innern, in mir selbst ist. Ich werde nun durch Übung und Schärfung meiner innersten Selbstbeachtung täglich lebendiger vom beständigen Fortleben meines Einen inneren Selbst überzeugt […]”1

Goethe ist damit zwar der erste, der die fragmentarische Tagebuchform planmäßig benutzt, um ein der Welt und sich selbst entfremdetes Subjekt zu charakterisieren – aber er tut das das eben nur in einem fiktionalen diaristischen Text, dessen ebenso dichtes wie kompliziertes Motivgeflecht eben doch auf eine tiefere Ordnung verweist (die allerdings der Figur Werther nicht zugänglich und „offener“ ist das empfindsam-aufgeklärte Weltbild). Diese Ordnung repräsentiert die anonyme Herausgeberfigur, die implizit im Text anwesend bleibt.

Goethe selbst verstand daher sein eigenes Tagebuch ganz im Sinne der aufklärerischen Pädagogik als ein Mittel zur Selbstobjektivierung und Selbstdisziplinierung. Hier verweist der Stichwortcharakter eben nicht auf „Lücken” im Selbst- und Weltbild, sondern signalisiert wenigstens der Intention nach gerade dessen Ordnung und Vollständigkeit.

Das ist etwas grundsätzlich anderes, als wenn Kafka in einem nichtfiktiven Tagebuch, also ohne semantisches Netz und doppelten Boden, den fragmentarischen Charakter des diaristischen Weltbilds problematisiert:

2. August. Deutschland erklärt Russland den Krieg. – Nachmittag Schwimmschule.“

Im Kontext des Kafkaschen Textes erhält dieselbe Eintragung, die z.B. in einem möglichen Tagebuch des damals 19jährigen Ernst Jünger völlig unauffällig und selbstverständlich gewesen wäre, eine grundsätzliche Bedeutung. In genau diesem Sinn wird sie deshalb auch von Max Frisch in seinem Tagebuch 1966 – 1971 zitiert.

Im Prinzip wird also in „modernen Tagebüchern“ die problematische Fragmenthaftigkeit der Form und damit auch des Selbst- und Weltbildes tatsächlich zunehmend bewusst. Allerdings heißt das keineswegs, dass die Tagebücher in den gut zweihundert Jahren seit dem Werther insgesamt immer „moderner“ werden. Thomas Manns Tagebuch ähnelt eher dem Tagebuch Goethes als dem Kafkas, und das selbe gilt heute auch für viele Literaten-Tagebücher.

Das Tagebuch des durchaus „modernen“ Lyrikers Reiner Kunze (1993) etwa ist völlig unangekränkelt von jedem modernen Bewusstsein um die Problematik der Tagebuchform. Und 1986 bzw. 1987 erschienen zugleich das formal und inhaltlich stockkonservative Tagebuch Die Laren der Villa Massimo von Ludwig Harig und als anderes Extrem das experimentelle Tagebuch Der faule Strick von Paul Wühr – von gleichaltrigen Autoren also, die beide zum Kreis des sprachavantgardistischen Bielefelder Kolloquiums Neue Poesie gehören.

(2) ohne direkten Adressaten:


Das Tagebuch hat keinen direkten Adressaten und ist in diesem Sinn monologisch (Meid 1993: 418). Dieses formale Kriterium reicht aus für die Abgrenzung gegen den Brief (obwohl Briefe wie gesagt auch monologischen und damit tagebuchähnlichen Charakter annehmen können). Damit ist aber noch keineswegs genügend geklärt, was „monologisch” im Einzelnen eigentlich bedeutet.

Das Logbuch eines Kapitäns z.B. ist für eine Kontrollinstanz bzw. für eine bestimmte Öffentlichkeit bestimmt. In einem unspezifischeren Sinn gilt Ähnliches, wenn die Veröffentlichung eines Tagebuchs vom Verfasser autorisiert ist. Die nächste Stufe bilden dann Tagebücher, deren Veröffentlichung zwar nicht vom Verfasser autorisiert ist, die aber den Charakter eines Rechenschaftsberichts haben. Adressat ist dann das eigene Über-Ich und damit die innerpersonale Kontrollinstanz eines überindividuellen Wertsystems.

Ganz grundsätzlich gilt für jedes Tagebuch, dass das diaristische Ich selbst in mindestens drei Funktionen im Text enthalten ist: als handelndes/sich verhaltendes/erlebendes Ich, als dieses Handeln/Verhalten/Erleben mehr oder minder getreulich aufzeichnendes Ich und als „objektive“ Kontrollinstanz, d.h. als kritischer Leser des eigenen Lebenstextes. Denn nicht nur das pietistische, sondern jedes Tagebuch enthält mindestens unausdrücklich den Bezug auf den sich selbst lesenden Verfasser.

Dieser konkrete implizite Leser des Tagebuchs ist wiederum nicht zu verwechseln mit dem abstrakten „impliziten Leser”, worunter Wolfgang Iser (1972) den in jedem literarischen Text „vorgezeichneten Aktcharakter des Lesens und nicht eine Typologie möglicher Leser” versteht. Jedem Text entspricht allein schon deshalb, weil er sich der intersubjektiven Sprache und bestimmter formaler Charakteristika bedient, ein idealtypisch vollständiger Rezeptionsakt, der alle in der semantischen Struktur angelegten Bedeutungen aktualisiert, einschließlich derjenigen, die dem Verfasser vielleicht nicht bewusst waren.

Bei diesem ‚impliziten Leser’ handelt es sich also eigentlich um eine Funktion des Textes, um eine Art ausgesparte Leerstelle. Mit dem empirisch konkreten Leser hat sie nur insofern zu tun, als sie sich gleichsam als Rolle auffassen lässt, in die dieser Leser hineinschlüpft. Er interpretiert diese Rolle individuell und in einer Weise, die dem kulturellen Bedeutungshorizont des jeweiligen Textes mehr oder weniger angemessen ist, füllt sie aber in der Praxis niemals ganz (und meistens nicht einmal annähernd) aus.

Diese unumgehbare Textfunktion, die einen ‚objektiven’ Logbuchschreiber kaum irritieren wird, wirft nun insbesondere für den Tagebuchtyp, der in der Tradition des „journal intime” auf den Prinzipien der ‚Authentizität’ und ‚Unmittelbarkeit’ des Niedergeschriebenen beruht, substanzielle Probleme auf: Das Tagebuch-Ich, das sich als emphatisches Subjekt schreiben und lesen will, macht die entfremdende Erfahrung, auch in der ‚intimsten’ Äußerung noch eingespannt zu sein in das kulturspezifische System von Bezügen und Kategorien, das die Sprache selbst repräsentiert. Mit den Worten Hofmannsthals in seinen Aufzeichnungen Ad me ipse:

Das Individuum ist unaussprechlich. Was sich ausspricht, geht schon ins Allgemeine über […] Sprache und Individuum heben sich gegenseitig auf.“2

Moderne“ Tagebücher versuchen mitunter, dieses geschlossene System zu öffnen: etwa durch die Verwendung einer nicht-denotativen Kunstsprache, die sozusagen zwischen den Zeilen „das Geheimnis, […] das Lebendige” zur Erscheinung bringt (Max Frisch 1950: 39) oder durch die Entwicklung einer eigenen idiosynkratischen Sprache, die die eigene Subjektivität gegen die Standardsprache zum Ausdruck bringt (wie z.B. Rühmkorf 1995).

Doch solche Ausflüchte können zwar eine relativ exklusive, „offene“ und souveräne Subjektivität entwerfen, die sich möglichst weitgehend von der profanen Alltagssubjektivität unterscheidet, aber sie ändern nichts an der Tatsache, dass jede noch so exklusive Sprache im emphatisch-totalen Sinn eigentlich nicht mehr subjektiv ist.

Das Tagebuch hat zwar keinen Adressaten im engeren Sinn, aber auch im emphatischen journal intime, das „die Anderen“ ausgrenzt, sind diese immer schon Teil des Textes.

(3) explizit oder implizit chronologisch geordnet:

Die chronologische Datierung der Textteile erfüllt im Textzusammenhang vielfältige und durchaus komplexe Funktionen: Sie signalisiert erstens die „Unmittelbarkeit“ der Niederschrift und macht den Schreibakt zu einer Dimension des Textes selbst (was z.B. in einem Essay normalerweise nicht der Fall ist), zweitens sorgt sie für den prozessualen und offenen Charakter des Textes („Schreiben als Expedition” nennt das Vogelgesang 1985: 187), drittens werden durch die konventionelle Datierung die subjektiven Schreibakte bzw. die darin behandelten Erfahrungen mit einer intersubjektiven kulturellen Zeit synchronisiert.

Moderne“ subjektivistische Journale problematisieren den Gegensatz zwischen der subjektiv erlebten Zeit und dem schematisch-künstlichen Zeitraster, indem z.B. die Datierung ganz weggelassen und stattdessen nur implizit zum Ausdruck gebracht wird, dass ein Teiltext mit einem bestimmten Zeitpunkt verknüpft sein soll, oder indem die tatsächliche Lücken zwischen Erleben, Reflexion des Erlebens und Niederschrift kenntlich gemacht werden.

(4) Verweis auf außertextuelle Wirklichkeit:

Das Tagebuch verweist auf eine ‚Wirklichkeit hinter dem Text’ und damit mindestens indirekt auch auf einen doppelten Vorgang der Filterung – durch die Auswahl der ‚Fakten’ und durch ihre Übersetzung in Sprache. Dieser Filterungsvorgang kann im Text selbst auf vielfältige Art problematisiert werden, im Extremfall so weit, dass die Existenz jeder ‚Wirklichkeit’ außerhalb der Imagination / der Sprachmächtigkeit des Subjekts bzw. der Sprache des Textes selbst geleugnet wird.

Eine weitere subversive Variante sind Traumschilderungen oder der Entwurf fiktiver Gegenwirklichkeiten, die etwa von Kafka oder von Frisch möglichst übergangslos im Tagebuch neben die Schrift gewordene ‚authentischen Wirklichkeit’ gestellt werden. Dadurch werden die ‚wirkliche Welt’ auf der einen Seite und die imaginierte bzw. sprachlich erzeugte ‚Welt’ auf der anderen Seite einander angeglichen: Was die erste Welt an ‚Wirklichkeitsgehalt’ einbüßt, gewinnt die letztere hinzu.

(5) Präsenz des schreibenden Subjekts (der „diaristische Pakt“):

Bereits der Hinweis auf den Schreibakt, den die Datierung enthält, sorgt dafür, dass auch dann, wenn nirgendwo „Ich” gesagt wird, das schreibende Subjekt ständig präsent ist. Es wird somit auf eine Weise Teil des Textes, wie es bei den anderen literarischen Formen (ausgenommen den Brief) nicht der Fall ist.

Wie bei den anderen Textsorten, die Lejeune (1994) unter dem Ausdruck „littérature intime” zusammenfasst (Autobiographie, Selbstporträt, Memoiren, Brief, Essay), ist für das veröffentlichte Tagebuch das wesentlich, was er den „autobiographischen Pakt” nennt: Die Identität „zwischen dem Autor (wie er namentlich auf dem Umschlag des Buches steht), dem Erzähler und dem Protagonisten” (Lejeune 1994: 25) signalisiert dem Leser, dass dieser Text beansprucht, als authentische Äußerung gelesen zu werden. (Der „Erzähler“ entspricht im Tagebuch dem schreibenden Subjekt, der „Protagonist“ dem Ich, dessen Handlungen und Erfahrungen im Text aufgezeichnet sind.)

Wichtig ist, dass dieser „Autor”, der sich in einer Art „Signatur” durch seinen Namen oder seine Handschrift zu erkennen gibt (27), eine Funktion des Textes ist: Die „Ähnlichkeit”, die dieser im Text sich manifestierende Autor mit der wirklichen Person dieses Namens hat, die der Leser zu kennen glaubt, ist nicht entscheidend (26). Das bedeutet auch, dass die Namensidentität zwischen Autor und Tagebuch-Ich den Interpreten nicht dazu berechtigt, vermeintliches Wissen oder Mutmaßungen über den „wirklichen Autor“ in den Text zu projizieren. Jeder literarische Text und also auch jeder Tagebuchtext bedeutet nur das, was sich daraus logisch folgern lässt.3

Im Gegensatz zu den anderen Merkmalen des Tagebuchs, die sozusagen einen zusätzlichen, spezifisch diaristischen Pakt ausmachen, lässt sich der autobiographische Pakt kaum aushöhlen: Der Verstoß gegen das Prinzip der Namensidentität würde bedeuten, dass der Text als fingierte Tagebucherzählung gelesen wird. Häufig ist dagegen, dass das Tagebuch-Ich als Autor, der sich selber liest, auftritt und beteuert, dass das schreibende Subjekt dieses Textes ihm fremd sei – gemäß dem Schlachtruf der literarischen Moderne: „Ich ist ein anderer”, der auf Rimbaud zurückgeht und z.B. in Undine Gruenters Tagebuch von 1995 mehrfach zitiert wird. In diesem Sinn äußert sich auch das Tagebuch-Ich in Frischs Tagebuch 1946 – 1949.

Entscheidend ist dabei, dass es sich hier immer um Operationen innerhalb des Textes handelt, die keinen Einfluss auf die Gültigkeit des autobiographischen Paktes selbst haben. Das Tagebuch kann immer nur die Spannung zwischen dem ‚wirklichem Ich’, das sich zunehmend als fremdbestimmt erfährt, und dem ‚literarischem Ich’, das sich selbst entwirft, thematisieren. Genau das ist das Hauptthema der Tagebuch-Literatur nach 1950.

1 Zitiert nach Hocke 1963: 653.

2 Hier zitiert nach Saße (1987: 210), der dort Hofmannsthals Ort im Kontext der „sprachthematisierenden Moderne“ bestimmt.

3 Vgl. Titzmann 1977.

Vorschlag einer formalen Definition der Textsorte „Tagebuch“
Im Folgenden schlage ich eine formale Definition der Textsorte „Tagebuch” vor. Sie soll die Resultate der bisherigen theoretischen Annäherungen an das Tagebuch aufgreifen, systematisch ergänzen sowie die einzelnen Merkmale sinnvoll voneinander scheiden und möglichst präzise formulieren.
Sie erfasst naturgemäß nicht „das Wesen“ des Tagebuchs, sondern stellt ein Klassifikationssystem dar, das Einzeltexte und Typen diaristischen Schreibens von sehr verschiedener Eigenart und historisch-kulturellem Hintergrund zusammenfasst. Wie sinnvoll eine solche Zusammenfassung ist, kann nur die analytische Praxis zeigen.
Ein Tagebuch besteht aus einer Reihe (1) von graphisch und inhaltlich klar voneinander abgesetzten Teiltexten (2) ohne direkten Adressaten, (3) die explizit oder implizit datiert und chronologisch geordnet sind, (4) die explizit oder implizit auf Ausschnitte einer außertextuellen ‚Wirklichkeit’ verweisen (5) und in denen das schreibende Subjekt, das durch den ‚diaristischen Pakt’ mit dem Autor identifiziert wird, explizit oder implizit präsent bleibt.
Das normalsprachliche Gattungsmerkmal der „Authentizität“ wird so als ein Effekt mehrerer Textmerkmale erkennbar: Der fragmentarische Charakter (der sich bis in die Syntax erstrecken kann) signalisiert wie die Datierung die „Unmittelbarkeit“ der Niederschrift, das Fehlen des Adressaten suggeriert unverstelltes Sprechen/Schreiben. Die Namensidentität des Autors, der in der „wirklichen Welt“ für den Text verantwortlich zeichnet, mit dem schreibendem Subjekt und dem „Ich“ als Protagonisten bekräftigt schließlich, dass es darin um eine außertextuelle „Wirklichkeit“ gehen soll.

Im Folgenden erläutere und begründe ich die einzelnen Punkte der Definition. Die Schwierigkeiten, die dabei zu diskutieren sein werden, sind zugleich unmittelbar relevant für die Untersuchung der Tagebuch-Literatur nach 1950. Die Tagebücher, die wir als „modern“ empfinden, zeichnen sich nämlich dadurch aus, dass sie eines oder mehrere der genannten Grundmerkmale problematisieren.
In einem ersten Schritt begründe ich jeweils die gewählte Formulierung, in einem zweiten Schritt stelle ich idealtypisch das sich selbst nicht problematisierende „Normaltagebuch“ dem „modernen Tagebuch“ gegenüber. (Was unter „modern” im einzelnen zu verstehen ist, wird weiter unten noch genauer zu klären sein.)

(1) graphisch und inhaltlich klar voneinander abgesetzte Teiltexte („Fragmentcharakter“):

Der formale Begriff  „Teiltext” ist geeigneter als alle konkreteren Begriffe, die vorgeschlagen wurden. „Aufzeichnung” oder „Notat” suggerieren eine nicht verifizierbare Vorstellung vom „wirklichen Schreibakt“, der aber nur als Konstruktion des Textes zugänglich ist. Gerade in der Tagebuch-Literatur nach 1950 sind sie daher häufig bereits mit bestimmten diaristischen Konzepten verbunden. „Bericht” (Boerner, Meid) ist falsch: Tagebuchtexte können berichten, müssen aber nicht. Nicht einmal die nähere Bestimmung „Prosatext“ (Vogelgesang) ist möglich: Tagebucheintragungen in Gedichtform sind nicht selten (z.B. bei Kroetz), im Extremfall kann ein ganzer diaristischer Text als Gedichtband vorliegen (bei Jürgen Becker).
Die Bestimmung „inhaltlich abgegrenzt” ist nötig, weil der Fall denkbar ist und in der Erinnerungsliteratur der siebziger Jahre auch vorkommt, dass eine thematisch durchgängige autobiographische Erzählung an bestimmte Zeitpunkte gebunden wird. Dieses Verfahren, das die Erinnerungsanstrengungen des gegenwärtigen Subjekts in den Text integriert, verleiht ihm ohne Zweifel diaristischen Charakter, aber ebenso zweifellos sprengt eine thematisch geschlossene Erzählung, die lediglich graphisch in datierte Teile zerlegt ist, die Tagebuchform. Das schwierige Problem der Grenzziehung zur „Erzählung”, das die Tagebuchtheoretiker bezeichnenderweise ignorieren, wird im Einzelnen noch an konkreten Beispielen wie Grass’ Tagebuch einer Schnecke und Johnsons Jahrestage zu erörtern sein (vgl. Kapitel 4.8).

Oft ist etwas verschwommen vom fragmentarischen Charakter die Rede, der durch die graphische und inhaltliche Trennung der Teiltexte entstehe. In einem grundsätzlicheren Sinn aber vermitteln keineswegs alle Tagebücher oder alle Teile einzelner Tagebücher ein fragmentarisches Weltbild, eher im Gegenteil: In einem idealtypischen „Normaltagebuch“ spielt es keine Rolle, dass semantische Verbindungsstücke und eventuell sogar Satzteile fehlen und dass zwischen verschiedenen Themen und Stilebenen gesprungen wird, weil der oberflächlich fragmentarische Text einen selbstverständlichen und vollständigen Subtext voraussetzt, der zugleich modellhaft eine geschlossene semantische Weltordnung repräsentiert.
Diese Geschlossenheit können ‚moderne’ Tagebuchtexte bewusst aufbrechen, indem sie den eigenen Fragmentcharakter deutlich herausstellen und inhaltlich funktionalisieren. Das allerdings geschieht interessanterweise in der diaristischen Praxis erst verhältnismäßig spät, obwohl die Poetik des Fragments bekanntlich bereits seit Herder, Hamann und den Frühromantikern (vgl. Beutler 1985) entwickelt wurde und obwohl die Entdeckung des Tagebuchs als literarischer Form zur selben Zeit erfolgte.
Das Fragment stellt die Nullstellen eines Textes als bedeutungsvoll heraus und soll so auf das Transzendente verweisen, das mit normalsprachlichen Mitteln nicht ausgedrückt werden kann. Insofern ist es nicht zufällig, dass Herder mit dem Journal meiner Reise im Jahre 1769 ein Tagebuch schreibt und im Freundeskreis kursieren lässt, das sich nicht als Logbuch mit den äußeren Geschehnissen der Schiffsreise beschäftigt, sondern erstmals mit den Reflexionen eines Subjekts, das angesichts der Weite des Horizonts, der Höhe des Himmels und der Tiefe des Meeres sich ganz in die eigene, hier noch primär gedankliche Innenwelt vertieft.
Anders als in Goethes Roman bald darauf geschriebenem Briefroman Die Leiden des jungen Werthers (1774), der starke diaristische Züge aufweist, gilt bei Herder allerdings dieser fragmentarische Charakter nur für den rationalen Selbstentwurf des Subjekts, für die Zukunftspläne, noch nicht für die alltägliche Selbstgewissheit. Das trifft, soweit ich sehe, auch auf andere nicht-fiktive Tagebücher der Zeit wie etwa das Lavaters zu.
Wo die Lücken der Wertherschen Aufzeichnungen tatsächlich die „Lücke im Busen” repräsentieren, die er beklagt, macht deshalb 1786 der Philosoph Franz von Baader gerade die umgekehrte Erfahrung: „Welche Lücke in meinem Tagebuch! – Gottlob, dass sie nicht auch in meinem Innern, in mir selbst ist. Ich werde nun durch Übung und Schärfung meiner innersten Selbstbeachtung täglich lebendiger vom beständigen Fortleben meines Einen inneren Selbst überzeugt […]”1

Goethe ist damit zwar der erste, der die fragmentarische Tagebuchform planmäßig benutzt, um ein der Welt und sich selbst entfremdetes Subjekt zu charakterisieren – aber er tut das das eben nur in einem fiktionalen diaristischen Text, dessen ebenso dichtes wie kompliziertes Motivgeflecht eben doch auf eine tiefere Ordnung verweist (die allerdings der Figur Werther nicht zugänglich und „offener“ ist das empfindsam-aufgeklärte Weltbild). Diese Ordnung repräsentiert die anonyme Herausgeberfigur, die implizit im Text anwesend bleibt.
Goethe selbst verstand daher sein eigenes Tagebuch ganz im Sinne der aufklärerischen Pädagogik als ein Mittel zur Selbstobjektivierung und Selbstdisziplinierung. Hier verweist der Stichwortcharakter eben nicht auf „Lücken” im Selbst- und Weltbild, sondern signalisiert wenigstens der Intention nach gerade dessen Ordnung und Vollständigkeit.
Das ist etwas grundsätzlich anderes, als wenn Kafka in einem nichtfiktiven Tagebuch, also ohne semantisches Netz und doppelten Boden, den fragmentarischen Charakter des diaristischen Weltbilds problematisiert:
„2. August. Deutschland erklärt Russland den Krieg. – Nachmittag Schwimmschule.“
Im Kontext des Kafkaschen Textes erhält dieselbe Eintragung, die z.B. in einem möglichen Tagebuch des damals 19jährigen Ernst Jünger völlig unauffällig und selbstverständlich gewesen wäre, eine grundsätzliche Bedeutung. In genau diesem Sinn wird sie deshalb auch von Max Frisch in seinem Tagebuch 1966 – 1971 zitiert.

Im Prinzip wird also in „modernen Tagebüchern“ die problematische Fragmenthaftigkeit der Form und damit auch des Selbst- und Weltbildes tatsächlich zunehmend bewusst. Allerdings heißt das keineswegs, dass die Tagebücher in den gut zweihundert Jahren seit dem Werther insgesamt immer „moderner“ werden. Thomas Manns Tagebuch ähnelt eher dem Tagebuch Goethes als dem Kafkas, und das selbe gilt heute auch für viele Literaten-Tagebücher.
Das Tagebuch des durchaus „modernen“ Lyrikers Reiner Kunze (1993) etwa ist völlig unangekränkelt von jedem modernen Bewusstsein um die Problematik der Tagebuchform. Und 1986 bzw. 1987 erschienen zugleich das formal und inhaltlich stockkonservative Tagebuch Die Laren der Villa Massimo von Ludwig Harig und als anderes Extrem das experimentelle Tagebuch Der faule Strick von Paul Wühr – von gleichaltrigen Autoren also, die beide zum Kreis des sprachavantgardistischen Bielefelder Kolloquiums Neue Poesie gehören.

(2) ohne direkten Adressaten:

Das Tagebuch hat keinen direkten Adressaten und ist in diesem Sinn monologisch (Meid 1993: 418). Dieses formale Kriterium reicht aus für die Abgrenzung gegen den Brief (obwohl Briefe wie gesagt auch monologischen und damit tagebuchähnlichen Charakter annehmen können). Damit ist aber noch keineswegs genügend geklärt, was „monologisch” im Einzelnen eigentlich bedeutet.
Das Logbuch eines Kapitäns z.B. ist für eine Kontrollinstanz bzw. für eine bestimmte Öffentlichkeit bestimmt. In einem unspezifischeren Sinn gilt Ähnliches, wenn die Veröffentlichung eines Tagebuchs vom Verfasser autorisiert ist. Die nächste Stufe bilden dann Tagebücher, deren Veröffentlichung zwar nicht vom Verfasser autorisiert ist, die aber den Charakter eines Rechenschaftsberichts haben. Adressat ist dann das eigene Über-Ich und damit die innerpersonale Kontrollinstanz eines überindividuellen Wertsystems.
Ganz grundsätzlich gilt für jedes Tagebuch, dass das diaristische Ich selbst in mindestens drei Funktionen im Text enthalten ist: als handelndes/sich verhaltendes/erlebendes Ich, als dieses Handeln/Verhalten/Erleben mehr oder minder getreulich aufzeichnendes Ich und als „objektive“ Kontrollinstanz, d.h. als kritischer Leser des eigenen Lebenstextes. Denn nicht nur das pietistische, sondern jedes Tagebuch enthält mindestens unausdrücklich den Bezug auf den sich selbst lesenden Verfasser.
Dieser konkrete implizite Leser des Tagebuchs ist wiederum nicht zu verwechseln mit dem abstrakten „impliziten Leser”, worunter Wolfgang Iser (1972) den in jedem literarischen Text „vorgezeichneten Aktcharakter des Lesens und nicht eine Typologie möglicher Leser” versteht. Jedem Text entspricht allein schon deshalb, weil er sich der intersubjektiven Sprache und bestimmter formaler Charakteristika bedient, ein idealtypisch vollständiger Rezeptionsakt, der alle in der semantischen Struktur angelegten Bedeutungen aktualisiert, einschließlich derjenigen, die dem Verfasser vielleicht nicht bewusst waren.
Bei diesem ‚impliziten Leser’ handelt es sich also eigentlich um eine Funktion des Textes, um eine Art ausgesparte Leerstelle. Mit dem empirisch konkreten Leser hat sie nur insofern zu tun, als sie sich gleichsam als Rolle auffassen lässt, in die dieser Leser hineinschlüpft. Er interpretiert diese Rolle individuell und in einer Weise, die dem kulturellen Bedeutungshorizont des jeweiligen Textes mehr oder weniger angemessen ist, füllt sie aber in der Praxis niemals ganz (und meistens nicht einmal annähernd) aus.
Diese unumgehbare Textfunktion, die einen ‚objektiven’ Logbuchschreiber kaum irritieren wird, wirft nun insbesondere für den Tagebuchtyp, der in der Tradition des „journal intime” auf den Prinzipien der ‚Authentizität’ und ‚Unmittelbarkeit’ des Niedergeschriebenen beruht, substanzielle Probleme auf: Das Tagebuch-Ich, das sich als emphatisches Subjekt schreiben und lesen will, macht die entfremdende Erfahrung, auch in der ‚intimsten’ Äußerung noch eingespannt zu sein in das kulturspezifische System von Bezügen und Kategorien, das die Sprache selbst repräsentiert. Mit den Worten Hofmannsthals in seinen Aufzeichnungen Ad me ipse:
„Das Individuum ist unaussprechlich. Was sich ausspricht, geht schon ins Allgemeine über […] Sprache und Individuum heben sich gegenseitig auf.“2
„Moderne“ Tagebücher versuchen mitunter, dieses geschlossene System zu öffnen: etwa durch die Verwendung einer nicht-denotativen Kunstsprache, die sozusagen zwischen den Zeilen „das Geheimnis, […] das Lebendige” zur Erscheinung bringt (Max Frisch 1950: 39) oder durch die Entwicklung einer eigenen idiosynkratischen Sprache, die die eigene Subjektivität gegen die Standardsprache zum Ausdruck bringt (wie z.B. Rühmkorf 1995).
Doch solche Ausflüchte können zwar eine relativ exklusive, „offene“ und souveräne Subjektivität entwerfen, die sich möglichst weitgehend von der profanen Alltagssubjektivität  unterscheidet, aber sie ändern nichts an der Tatsache, dass jede noch so exklusive Sprache im emphatisch-totalen Sinn eigentlich nicht mehr subjektiv ist.
Das Tagebuch hat zwar keinen Adressaten im engeren Sinn, aber auch im emphatischen journal intime, das „die Anderen“ ausgrenzt, sind diese immer schon Teil des Textes.

(3) explizit oder implizit chronologisch geordnet:

Die chronologische Datierung der Textteile erfüllt im Textzusammenhang vielfältige und durchaus komplexe Funktionen: Sie signalisiert erstens die „Unmittelbarkeit“ der Niederschrift und macht den Schreibakt zu einer Dimension des Textes selbst (was z.B. in einem Essay normalerweise nicht der Fall ist), zweitens sorgt sie für den prozessualen und offenen Charakter des Textes („Schreiben als Expedition” nennt das Vogelgesang 1985: 187), drittens werden durch die konventionelle Datierung die subjektiven Schreibakte bzw. die darin behandelten Erfahrungen mit einer intersubjektiven kulturellen Zeit synchronisiert.
„Moderne“ subjektivistische Journale problematisieren den Gegensatz zwischen der subjektiv erlebten  Zeit und dem schematisch-künstlichen Zeitraster, indem z.B. die Datierung ganz weggelassen und stattdessen nur implizit zum Ausdruck gebracht wird, dass ein Teiltext mit einem bestimmten Zeitpunkt verknüpft sein soll, oder indem die tatsächliche Lücken zwischen Erleben, Reflexion des Erlebens und Niederschrift kenntlich gemacht werden.

(4) Verweis auf außertextuelle Wirklichkeit:

Das Tagebuch verweist auf eine ‚Wirklichkeit hinter dem Text’ und damit mindestens indirekt auch auf einen doppelten Vorgang der Filterung – durch die Auswahl der ‚Fakten’ und durch ihre Übersetzung in Sprache. Dieser Filterungsvorgang kann im Text selbst auf vielfältige Art problematisiert werden, im Extremfall so weit, dass die Existenz jeder ‚Wirklichkeit’ außerhalb der Imagination / der Sprachmächtigkeit des Subjekts bzw. der Sprache des Textes selbst geleugnet wird.
Eine weitere subversive Variante sind Traumschilderungen oder der Entwurf fiktiver Gegenwirklichkeiten, die etwa von Kafka oder von Frisch möglichst übergangslos im Tagebuch neben die Schrift gewordene ‚authentischen Wirklichkeit’ gestellt werden. Dadurch werden die ‚wirkliche Welt’ auf der einen Seite und die imaginierte bzw. sprachlich erzeugte ‚Welt’ auf der anderen Seite einander angeglichen: Was die erste Welt an ‚Wirklichkeitsgehalt’ einbüßt, gewinnt die letztere hinzu.

(5) Präsenz des schreibenden Subjekts (der „diaristische Pakt“):

Bereits der Hinweis auf den Schreibakt, den die Datierung enthält, sorgt dafür, dass auch dann, wenn nirgendwo „Ich” gesagt wird, das schreibende Subjekt ständig präsent ist. Es wird somit auf eine Weise Teil des Textes, wie es bei den anderen literarischen Formen (ausgenommen den Brief) nicht der Fall ist.
Wie bei den anderen Textsorten, die Lejeune (1994) unter dem Ausdruck „littérature intime” zusammenfasst (Autobiographie, Selbstporträt, Memoiren, Brief, Essay), ist für das veröffentlichte Tagebuch das wesentlich, was er den „autobiographischen Pakt” nennt: Die Identität „zwischen dem Autor (wie er namentlich auf dem Umschlag des Buches steht), dem Erzähler und dem Protagonisten” (Lejeune 1994: 25) signalisiert dem Leser, dass dieser Text beansprucht, als authentische Äußerung gelesen zu werden. (Der „Erzähler“ entspricht im Tagebuch dem schreibenden Subjekt, der „Protagonist“ dem Ich, dessen Handlungen und Erfahrungen im Text aufgezeichnet sind.)
Wichtig ist, dass dieser „Autor”, der sich in einer Art „Signatur” durch seinen Namen oder seine Handschrift zu erkennen gibt (27), eine Funktion des Textes ist: Die „Ähnlichkeit”, die dieser im Text sich manifestierende Autor mit der wirklichen Person dieses Namens hat, die der Leser zu kennen glaubt, ist nicht entscheidend (26). Das bedeutet auch, dass die Namensidentität zwischen Autor und Tagebuch-Ich den Interpreten nicht dazu berechtigt, vermeintliches Wissen oder Mutmaßungen über den „wirklichen Autor“ in den Text zu projizieren. Jeder literarische Text und also auch jeder Tagebuchtext bedeutet nur das, was sich daraus logisch folgern lässt.3
Im Gegensatz zu den anderen Merkmalen des Tagebuchs, die sozusagen einen zusätzlichen, spezifisch diaristischen Pakt ausmachen, lässt sich der autobiographische Pakt kaum aushöhlen: Der Verstoß gegen das Prinzip der Namensidentität würde bedeuten, dass der Text als fingierte Tagebucherzählung gelesen wird. Häufig ist dagegen, dass das Tagebuch-Ich als Autor, der sich selber liest, auftritt und beteuert, dass das schreibende Subjekt dieses Textes ihm fremd sei – gemäß dem Schlachtruf der literarischen Moderne: „Ich ist ein anderer”, der auf Rimbaud zurückgeht und z.B. in Undine Gruenters Tagebuch von 1995 mehrfach zitiert wird. In diesem Sinn äußert sich auch das Tagebuch-Ich in Frischs Tagebuch 1946 – 1949.
Entscheidend ist dabei, dass es sich hier immer um Operationen innerhalb des Textes handelt, die keinen Einfluss auf die Gültigkeit des autobiographischen Paktes selbst haben. Das Tagebuch kann immer nur die Spannung zwischen dem ‚wirklichem Ich’, das sich zunehmend als fremdbestimmt erfährt, und dem ‚literarischem Ich’, das sich selbst entwirft, thematisieren. Genau das ist das Hauptthema der Tagebuch-Literatur nach 1950.

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