19 Das Tagebuch als Spiegel der Geschichte der „Subjektivität”

Das Tagebuch sei die exemplarische „Literaturform des 20. Jahrhunderts”, verkündete der Literaturwissenschaftler Horst Rüdiger 1962 in einem Referat/Aufsatz über Ernst Jünger und Cesare Pavese. Es sei nämlich „die literarisch angemessene Form für die Zustände der Unbehaustheit und der Grenzsituationen, für die permanente Unsicherheit, in der wir uns gegenwärtig befinden.” (Rüdiger 1976: 34)
„Gegenwärtig” (oder auch „modern”) im Sinne der existenzphilosophisch geprägten Literaturwissenschaft der 50er Jahre, in deren Tradition Rüdiger steht, ist jedoch ein sehr weiter Begriff und meint ungefähr so viel wie: „der Zeitraum, in dem das neuzeitliche Individuum sich selbst problematisch wird“ (so z.B. auch die Tagebuchtheoretiker Just 1966 und Boerner 1969). Das wiederum fällt zusammen mit der Herausbildung der „Subjektivität” – natürlich des Begriffs, nicht des Phänomens, obwohl der Begriff nicht nur spezifische Formen von Subjektivität  reflektiert, sondern sie auch teilweise prägt und hervorbringt.

Tatsächlich schlägt sich, wie die Forschung einhellig feststellt, die Geschichte der „Subjektivität” exemplarisch in Tagebüchern nieder. Nach Hocke (1963: 66) hat sich der Übergang von den „objektiv-privaten Diarien der Renaissance zu den subjektiv-privaten Diarien der Gegenwart” um 1750, mit dem Tagebuch von Samuel Pepys, vollzogen. Kapp (1987: 297) legt den Einschnitt auf Rousseau: „Die Neudefinition der Autobiographie hat letztlich zur Entdeckung des Tagebuchs als literarische Form geführt.”

Die Entwicklung im deutschsprachigen Raum spricht allerdings eher dafür, dass es bereits der Rousseauismus im Allgemeinen war, der das Klima für literarische Tagebücher schuf. Jedenfalls entstanden hier durch zwei ausgewiesene Rousseau-Anhänger bereits vor den „Confessions” (1882) literarische Tagebücher: Herder schrieb 1769 auf der Grundlage von Reisenotizen sein „Journal einer Reise aus dem Jahr 1769”, das er allerdings nicht veröffentlichte, sondern nur auszugsweise dem Freundeskreis zugänglich machte, und Goethe gelang der literarische Durchbruch mit dem zumindest semidiaristischen Roman „Die Leiden des jungen Werthers” (1774).

Es ist somit eher Habermas (1962: 63) beizupflichten, dem zufolge die Tagebuchform sozusagen in der Luft lag: Zusammen mit der Briefform sei sie zu den neuen literarischen Medien der Aufklärung zu zählen, in denen sich ‘das bürgerliche Subjekt’ selbst erkennt bzw. sich erst als ‘Subjekt’ konstituiert. Es ist also kaum zu bezweifeln, dass gerade die Tagebuch-Literatur Aufschluss über die Entwicklung der modernen „Subjekt”-Konzeptionen bietet – die Frage ist nur, welchen.

Bislang gehen alle Historiker des Tagebuchs ganz selbstverständlich von einem Bild aus, das drei Stufen von ‘Modernität’ aufweist:

In der ersten, optimistischen Phase der ‘Moderne’ (im weiteren Sinn von ‘abendländische Neuzeit’), die in der Aufklärung gipfelt, spiegeln demnach die Tagebücher, die auf die Buchführung der Renaissancekaufleute zurückgehen, den stringenten, ungebrochenen Prozess der Ausdifferenzierung von Subjektivität als soziokulturelles und sozialpsychologisches Phänomen.

Das im engeren Sinn moderne Tagebuch, und d.h. eigentlich erst die Tagebuch-Literatur, entstehe dann mit dem fundamentalen Bruch im Selbstverständnis „der Moderne“ bzw. „des modernen Subjekts“, der um 1770 erstmals spürbar ist, von den Romantikern besonders betrieben wird und dann um 1890 in der ästhetischen ‘Moderne’ im engsten Sinn kulminiert. Damit wäre eine zweite Phase zu ihrem Ende gekommen, die ungefähr mit dem 19. Jahrhundert identisch ist und in der sich Selbstvergewisserung und Selbstinfragestellung des bürgerlichen Subjekts in etwa die Waage halten.

Seitdem befinden wir uns diesem Modell zufolge in der dritte Phase der „Moderne“, die die „Dialektik der Aufklärung“ entdeckt und damit die eigenen Fundamente auflöst, zu denen vor allem der Subjektivitäts-Begriff zählt.

Diesen Phasen werden dann die immer gleichen Tagebücher als Meilensteine zugeordnet:

(1) Pepys, Boswell (Übergang von der ersten zur zweiten Phase);
(2) Constant, Amiel, Bashkirtseff, Kierkegaard (zweite Phase, wobei Kierkegaard entgegen der historischen Abfolge oft bereits als Übergangsfigur zur dritten Phase gilt);
(3) Gide, Kafka, Mansfield, Jünger, Pavese, Ionesco, Gombrowicz.

Die deutschsprachige Diaristik ist in dieser paradigmatischen Reihe auffallend unterrepräsentiert und wird von Fall zu Fall, so gut es geht, diesem Schema zugeordnet. Dabei ist bislang niemals eine Tradition deutschsprachiger Tagebuch-Literatur rekonstruiert worden – man greift eher willkürlich einen oder mehrere Autoren heraus. Wenn man aus den sporadischen Nennungen eine spezifisch deutschsprachige Reihe von großen und kleinen ‘Meilensteinen’ der Tagebuch-Literatur bilden wollte, ergäbe sich etwa die folgende:

(1) Haller, Lavater, als Übergangsfigur Herder; ‚
(2) von Baader, Hoffmann, Grillparzer, Hebbel, Keller;
(3a) Hermann Bahr, Kafka, Musil, Thomas Mann, Jünger …
(3b) und seit 1945 schließlich Doderer, Frisch, Canetti, Kaschnitz, Handke und Brinkmann.

Dieses schematische Bild der Beziehungen zwischen kulturellem Modernisierungsprozess und Tagebuch-Literatur wird nirgends klar entwickelt und begründet. Die kurzen Überblicke, die der Geschichte der Tagebuch-Literatur gewidmet werden, beschränken sich im Allgemeinen auf verschwommene und unvollständige Andeutungen. Selbst die nicht sehr differenzierte dreiphasige Skizze findet sich nirgends ausdrücklich, sondern wurde hier destilliert aus verschiedenen zweiphasigen Modellen mit unterschiedlichen historischen Grenzziehungen: Die einen sehen in den Tagebüchern des 19. Jahrhunderts noch Äußerungen des selbstsicheren ‘bürgerlichen Subjekts’, die anderen entdecken hier  bereits das ‘(spät-)moderne Subjekt’, das sich selbst zum Problem geworden ist.

Das sind natürlich Indizien dafür, dass solche großräumigen Schematisierungen überhaupt eher zweifelhaften Wert haben: oberflächlich nicht falsch, aber um so weniger aussagekräftig, je genauer man nach Kulturen, historischen Phasen und einzelnen Tagebuchtexten differenziert. Das zeigt sich auch darin, dass als diaristischer Idealtypus durchwegs das französische journal intime angenommen wird, als dessen konsequenteste Erscheinungsform wiederum das Journal Amiels gilt.

Auch dieses spiegelt jedoch nur eine historisch und kulturell besondere Spielart von Subjektivität und damit nur eine Möglichkeit diaristischen Schreibens unter vielen. Zumindest die deutschsprachigen Tagebücher etwa fügen sich diesem Maßstab nur sehr bedingt. Goethes Logbuch wäre diesem Denkmodell zufolge etwa als Anachronismus eines an sich schon fast „modernen“ Autors einzustufen, aber auch dem Tagebuch Hebbels, ungefähr zur selben Zeit verfasst wie das Journal Amiels, liegt ein grundsätzlich anderer Subjektbegriff zugrunde.

Überhaupt ist auch die geläufige Annahme zweifelhaft, dass der Grad an Subjektivität (im geläufigen Sinn von Innerlichkeit und Selbstreflexion), der in den Tagebüchern zum Ausdruck kommt, linear zunehme. Man  hier die Vergleichstexte schon sehr gezielt auswählen, um die geläufige Vorstellung einer stringenten und folgerichtigen Entwicklung zu stützen.  Sicherlich hat sich der Begriff von Subjektivität irgendwie weiterentwickelt, wenn man Lavater mit Hebbel vergleicht, Stefan Zweig mit Frisch oder Kaschnitz mit Brinkmann. Doch wenn man stattdessen Hebbel zu E.T.A. Hoffmann in Beziehung setzt, oder Kafka zu Klemperer, erscheint die Aussagekraft solcher pauschaler Reihungen wiederum recht bescheiden.

Je genauer man einzelne Tagebücher betrachtet, desto weniger helfen Gemeinplätze über ‚das moderne Subjekt’: Die Frage, ob Frischs Existenz ‚entfremdeter’ ist als die Kierkegaards oder ob die Subjektivität Jüngers gegenüber der Grillparzers eine höhere Evolutionsstufe darstellt, trägt zum Verständnis der konkreten Texte nichts bei. In Wahrheit ist es eher so, dass in bestimmten kulturgeschichtlichen Phasen ‚subjektive’ Tagebuchformen, in anderen eher ‚objektive’ Tagebuchformen Konjunktur haben. Ersteres trifft etwa im deutschsprachigen Raum zur Zeit der Empfindsamkeit zu, dann wieder zwischen etwa 1900 und 1920 und erneut seit Ende der 70er Jahre, letzteres ist typisch für die Zeit von ca. 1820 bis 1890 und dann wieder von 1930 bis 1970. Und auch die eher ‚subjektive’ oder ‚objektive’ Diaristik steht in jedem dieser Zeiträume in einem ganz anderen, jeweils gesondert zu rekonstruierenden kulturellen und literarischen Kontext.

Nicht zuletzt sind die interkulturellen Differenzen beträchtlich: So gibt es z.B., soweit ich sehe, im französischen und englischen Sprachraum keine Parallele zum Boom der deutschsprachigen Tagebuch-Literatur seit den 70er Jahren. Das „europäische Tagebuch” als ganzes zu untersuchen, wie es Hocke (1963), Görner (1986) und Wuthenow (1990) beabsichtigen, wäre erst dann sinnvoll, wenn man die je verschiedenen Traditionen bereits gesondert analysiert hätte. Davon kann aber bislang nicht einmal ansatzweise die Rede sein.
Um zu erkennen, wie sich historische Subjektivitätskonzeptionen und Tagebuch-Literatur zueinander verhalten, sind weit genauere Studien nötig, als sie bis jetzt existieren – solche nämlich, die ihren Untersuchungsgegenstand genau eingrenzen und die vor allem den literarischen Charakter der diaristischen Entwürfe von „Subjekt” und „Welt” ernstnehmen und sie nicht einfach als ‚authentische’, problemlos verständliche Zeugnisse historischer Wirklichkeit mißverstehen.

Auch aus diesem Grund beschränkt sich diese Untersuchung auf die deutschsprachige Tagebuch-Literatur seit 1950 (wenn „beschränken” das richtige Wort ist). In diesem Zeitraum stellt sich jedoch das grundsätzliche Problem, dass gerade die Begriffe und Kategorien „Subjektivität”, „Entfremdung” und „Moderne” auch auf der objektsprachlichen Ebene eine ganz entscheidende Rolle spielen.

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