15 Literarisch hergestellte Authentizität

Obwohl die konventionellen Datierungen fehlen, enthalten tatsächlich bereits die ersten Seiten von „Das simple Leben” deutliche Authentizitätssignale, die auf den diaristischen Charakter des Textes hinweisen. Er ist aufgeteilt in kurze Abschnitte, die auf das Hier und Jetzt eines erlebenden und schreibenden Ichs bezogen und deutlich chronologisch gereiht sind; das demonstrative Auslassen der Personalpronomina, insbesondere zu Beginn der ‚Einträge’, signalisiert ‚Unmittelbarkeit’ („Traure meinem vorigen Heft etwas nach.”); den Hintergrund bildet eine durch Radio und Fernsehen vermittelte nichtfiktionale Wirklichkeit, insbesondere Kriegsnachrichten und politisch-literarische Vorgänge, die mit der Bewältigung der Stasi-Vergangenheit zu tun haben.

Auf der anderen Seite sind gleichberechtigt ‚poetische’ Teiltexte eingestreut, mit Überschriften versehene Prosaaufzeichnungen, Traumnotate und gelegentlich auch in Verse gesetzte Gedichte, die aber in diesem Kontext immer einen Bezug auf ‚authentisch’ Erlebtes behalten. Die Grenze zwischen Authentizität und Literarität, die in der Normalwelt gilt, wird hier also nicht akzeptiert: Das schreibende Subjekt formt den trivialen Alltag durch eine poetisch-idiosynkratische Sprache um und eignet ihn sich so an. So entsteht allmählich, in etwa nach den ersten zehn Seiten, das ‚authentische’, alltägliche Bild einer im Kern unentfremdeten Lebensform, in der ‚objektive’ Fakten, ‚subjektive’ Erfahrungen und poetische Versprachlichung bruchlos ineinander übergehen. Der Titel „Das simple Leben” lässt sich nun als ein Signal entschlüsseln, der den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt, der mit diesem Lebensentwurf verbunden ist.

Die paradigmatische Funktion, die im Fall von „Das simple Leben” den ersten Textpassagen besonders deutlich zufällt, findet sich in dem Maß auch in Tagebuchtexten, die in einen paratextuellen Kommentar eingebunden sind, und zwar in dem Maß, als einigermaßen einheitliche diaristische Modelle wie z.B. das journal intime nicht mehr existieren. Das trifft insbesondere auf die Tagebuch-Literatur seit den siebziger Jahren zu. Sie vollzieht mithin die Tendenz zur Auflösung verbindlicher Textgenres mit, die insgesamt typisch ist für die moderne Literatur seit dem 2. Weltkrieg.

Ein mehr oder weniger umfangreicher Abschnitt zu Beginn des Textes übernimmt dann die Funktion, dem Leser die künstlerischen Kodes zu vermitteln, die er zur Rezeption des Textes in seinem Bewusstsein aktivieren . Dieser Abschnitt reicht bis zu dem mehr oder weniger deutlichen Punkt, an dem sich die Strukturen und Perspektiven deutlich zu wiederholen beginnen und also eine Art ‚Ureintrag’ (vgl. oben) sich herauskristallisiert. Viele veröffentlichte Tagebücher schwächen die Desorientierung und Aktivierung des ‚impliziten Lesers’ allerdings ab, indem sie mit einer Art versteckter Exposition einsetzen und nicht gleich in medias res gehen, wie es etwa in „Das simple Leben” geschieht.

Wenn also ‚Authentizität’ erst durch Textaussagen und Textmerkmale erzeugt werden  und in diesem Sinn jedes Tagebuch literarisch ist, ist die gebräuchliche Redeweise von ‚echten’ oder ‚verfälschten’ Tagebüchern nur dann sinnvoll, wenn damit gemeint ist, dass der diaristische Pakt unter falschen Bedingungen geschlossen wurde. Das ist etwa dann der Fall, wenn andere Zeugnisse belegen, dass der Verfasser nicht zur angegebenen Zeit am angegebenen Ort gewesen ist, oder wenn sich herausstellt, dass es sich beim Verfasser eine Tagebuchs, dessen „Ich” durch Handschrift und Inhalt scheinbar als „Adolf Hitler” ausgewiesen ist, tatsächlich um eine Person namens Konrad Kujau handelt.

Indem ein Tagebuch so als „Fälschung” erkannt worden ist, ändert sich aber nicht der Text selbst. Sein Reichtum oder seine Armut an Bedeutungen (die Ebene der Signifikate) bleibt an sich die gleiche. Was sich ändert, ist der Bezug auf die Wirklichkeit und damit der Sinn dieser Bedeutungen. Interessanter Weise führt das dazu, dass der Text unwillkürlich ‚literarischen’ Charakter erhält bzw. dass sein literarischer Charakter offenbar wird. Das Sprachgefüge steht nun für sich selbst und kann nun z.B. als ‚satirischer Tagebuchroman von Konrad Kujau’ rezipiert werden. (Das entspricht übrigens dem, was Lars Gustafsson einmal in einem Essay über die Memoiren Manfred von Richthofens als „Richthofens Dilemma” analysiert hat.)

Normalerweise ist jedoch etwas anderes gemeint, wenn in der Sekundärliteratur von „Fälschung”, „Verfälschung” oder von „unechten Tagebüchern” die Rede ist: nämlich nicht mehr die intersubjektive Überprüfbarkeit der Rahmendaten und Fakten, sondern eigentlich die subjektive Wahrhaftigkeit der Welt- und Selbstdarstellung, die dann als vorsprachlicher und dynamischer Prozess begriffen wird.

Wolfgang Koeppen (1965: 15) zufolge sollte ein Tagebuch „das Denken selbst” aufzeichnen, weshalb „gemessen an diesem Gut der ganzen, der ausführlichen Wahrheit […] jedes Tagebuch eine Fälschung” sein muss. Im Prinzip ähnlich argumentieren Boerner (1969: 32f.) und Jurgensen (1979: 7, 11). Sie betonen die unvermeidliche „Selbststilisierung” des „diarischen Ichs”, das deshalb niemals das ‚wahre’ Ich sein könne. Einerseits kritisieren sie mit diesem Argument zu Recht Hocke (1963), der nur solche Tagebücher als „echte” gelten lässt, mit denen nicht einmal der Gedanke an Veröffentlichung verbunden ist. Andererseits gehen sie selbst dabei immer noch von einem letztlich psychologischen, in den Text hineinprojizierten Wahrhaftigkeitsbegriff aus.

Das Tagebuch-Ich lässt sich nicht in einen ‚authentischen’ und einen literarisch stilisierten Teil zerlegen, es ist ebenso wie die dargestellte Welt des Tagebuchs eine genuin literarische Konstruktion. Genau diese Erkenntnis, die die normalen Begriffe von ‚Authentizität’ und ‚Literarität’, von ‚Wirklichkeit’ und ‚Subjektivität’ unterminiert, wird seit den 50er Jahren in avancierten Tagebüchern zunehmend zum eigentlichen Thema.

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