13 Authentizität

Unter dem Schutz des Ereignisses

Der Unterschied zur ‚eigentlichen Literatur’ besteht nur darin, dass die ‚Welt’, die der Tagebuchtext aufbaut, durch den diaristischen Pakt als ‚authentisch’ und somit nicht-geschlossen gesetzt ist, anstatt sich als Resultat einer autonomen Imagination bzw. autonomen Sprache zu präsentieren. ‚Authentizität’ kann zweierlei bedeuten: dass die Daten der dargestellten Wirklichkeit intersubjektiv überprüfbar sind (also ‚wahr’) und dass die wiedergegebene subjektive Weltsicht möglichst bruchlos und angemessen in Schrift übersetzt ist (also ‚wahrhaftig’). Dabei sind die Authentizitätskriterien, die darüber entscheiden, was als ‚wahr’ und ‚wahrhaftig’ gilt, natürlich kulturabhängig.

Nun ist aber in beider Hinsicht die Authentizität der zitierten Eintragungen Gruenters nicht überprüfbar: Der Leser kann sich nicht einmal vergewissern, dass das beschriebene Zimmer überhaupt ein Fenster hat, und schon gar nicht, ob die Fenster-Obsession ein psychisches (also ‚authentisches’) Phänomen ist oder nur Bestandteil einer literarischen Inszenierung. Das gilt mehr oder weniger auch für die allermeisten Aussagen anderer Tagebücher.

Der Anspruch auf Authentizität hat also wenig zu tun mit dem tatsächlichen Wahrheitsgehalt, den ein fiktiver allwissender Beobachter aufgrund besonderer Objektivitätskriterien bescheinigen könnte. Das Tagebuch darf diesen Kriterien nur nicht offensichtlich widersprechen. Mit den Worten des Literaturphilosophen Maurice Blanchot (1959: 22):

Das Tagebuch verwurzelt die Regung zu schreiben in der Zeit, in der Demütigkeit des datierten und durch sein Datum aufbewahrten Alltäglichen. Vielleicht ist das, was dort aufgeschrieben wird, schon nichts als Unaufrichtigkeit, vielleicht wird das ohne Bemühen um Klarheit gesagt, aber es wird unter dem Schutz des Ereignisses gesagt, es gehört den Umständen an, den Zwischenfällen, dem Verkehr der Welt […].

„Unter dem Schutz des Ereignisses“: Das bedeutet eben nicht „in tatsächlicher Deckung mit dem Ereignis“, es bedeutet nur, dass jedenfalls unter den Bedingungen einer Kultur, die Literatur durch den souveränen Abstand von der Wirklichkeit bzw. der Normalsprache definiert, das Tagebuch den Anspruch auf Literarität ‚demütig’ herunterspielt und eintauscht gegen den Wert der Authentizität.

Das gilt natürlich vor allem für den Logbuch-Typus, der intersubjektive ‚Wahrheit’ anstrebt, und den Typus des subjektiven Journals, das am Ideal der Wahrhaftigkeit orientiert ist. In den diaristischen Aufzeichnungen wird üblicher Weise der ‚authentische’ Bezug auf die normale Alltagswirklichkeit reduziert zugunsten der poetisch-philosophischen und sprachkünstlerischen Selbstbezüglichkeit des Textes, aber er wird auch hier eben nicht gänzlich aufgegeben (sonst wäre der Text nicht mehr diaristisch).

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