12 Authentizität und Literarität

Fenster und Gärten

18. November
[…] B. hat Recht: was in der Pariser Wohnung fehlt, sind Fenster – da ist die Straße und der Hof. Man braucht einen Blick in die Weite, wie hier, oder zumindest  in einen Garten, aber in der Stadt.  (Gruenter 1995: 252)

Wäre das der erste Satz eines Tagebuchs (und jeder Satz könnte den diaristischen Regeln zufolge der erste Satz sein), dann wäre bereits damit die erste Skizze einer spezifischen Welt entworfen, die dann mit jeder weiteren Eintragung, Satz für Satz ausgeführt wird. Diese Tagebuchwelt beruht auf einer vorausgesetzten ‚authentischen’ Wirklichkeit, die aber ‚literarisch’ umgeformt wird: Einzelne Elemente werden herausgefiltert, mit besonderen Begriffen bezeichnet und auf eigentümliche Weise zueinander in Beziehung gesetzt, so dass über den normalsprachlichen Bedeutungen ein sekundäres, textspezifisches Bedeutungsgefüge entsteht, das nicht zusammenfällt mit der Summe der Wörterbuchdefinitionen.

Die Skizze dieser Tagebuchwelt, die der obige Ausschnitt liefert, ließe sich etwa so beschreiben: Zwei Figuren (B. und das implizierte schreibende Ich, das durch die Autorenangabe plus diaristischen Pakt als „Undine Gruenter” ausgewiesen ist) konstituieren einen sozialen Raum, zwei Wohnungen konstituieren einen topographischen Raum. Die Wohnungen unterscheiden sich durch den Blick aus dem Fenster: „Hier” (das ist in London, wie aus dem unmittelbaren Kontext hervorgeht) ermöglicht mindestens ein Fenster einen „Blick in die Weite”. In Paris begrenzen Straße und Hof, die mithin für „Enge” stehen, den freien Blick.

Dieser Gegensatz wird noch genauer akzentuiert: Ein „Garten” wäre eine mindere Erscheinungsform von „Weite” und insofern, unabhängig von seiner Größe und trotz seiner Begrenztheit und Eingebundenheit in menschliche Siedlungen, wesentlich unterschieden vom „Hof”. „Weite” ist also nur sekundär räumlich definiert: Nur eine bepflanzte und in diesem Sinn ‚natürliche’ bzw. ‚lebendige’ Fläche ist „weit” im  Sinn des Textes. Die beiden Figuren dieses Textausschnitts stehen in einer kommunikativen Beziehung und sind sich zumindest in dem Punkt einig, dass „man” (d.h. Menschen ihresgleichen) so wohnen sollte, dass man sich einerseits in einer Großstadt befindet, die u.a. durch gemauerte und asphaltierte Begrenzungen charakterisiert ist, andererseits aber einen möglichst offenen Blick in die „Weite” hat. Abweichend vom normalen Sprachgebrauch gelten daher Fenster, die wie in Paris nur auf die Straße und den Hof gehen, nicht als „Fenster” im emphatischen Sinn.

Auf diese Weise reduziert jede Textaussage die Komplexität der ‚wirklichen Welt’, indem sie aus dem Horizont semantischer Möglichkeiten, die eine Kultur bereitstellt, bestimmte Grenzen/Übergänge aktualisiert (z.B. „Paris” vs. „London”) und im Extremfall neu definiert (z.B. normalsprachliches „Fenster” vs. „Fenster” im emphatischen Sinn). Dabei nehmen mit dem Umfang des Textes auch die semantischen Beziehungen zwischen Sätzen zu, die nicht in unmittelbarem Zusammenhang einer Aussage, etwa einer Tagebucheintragung, stehen:

8. September
Als ich aufwachte, war das Fenster geschlossen. (das ich vor dem Einschlafen offenstehen gelassen hatte.)   (Gruenter 1995: 206)

Je dichter dieses semantische Netz geknüpft ist, je enger die einzelnen Aussagen untereinander Beziehungen aufnehmen, die über den bloßen Verweis auf die außertextuelle Wirklichkeit hinausgehen, desto ‚literarischer’ wird der Text:

25. Juli
Lichtzeichen, offene und geschlossene Fenster, Gedichte in Zeitungen, Lesezeichen in Büchern – ich sehe das alles und grüble darüber nach. Aber ich hüte mich, dem eine andere Bedeutung zuzumessen als die eines Zufalles. Die Macht der Zeichen ist dann gebrochen, wenn ich ihnen keine Bedeutung über mich, für mich mehr einräume. (336)

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