Auf dem Pfannenstiel, zwischen den Epochen: Frisch, Hiltbrunner, Zollinger und Hohl

Am 10.7.1947 berichtet eine Notiz Hiltbrunners von einer Wanderung auf dem Pfannenstiel, dem Hausberg Zürichs. Dort hätte er ohne weiteres Max Frisch begegnen können. Der suchte dort regelmäßig die Nähe der Natur und war jedenfalls einige Monate vorher da:

Schon wieder die ersten Knospen! […] Man stapft durch Wälder, die fast ohne Schatten sind; nur selten gibt es noch ein Loch mit verschmutztem Schnee, körnig und grau und von Tannenadeln übersät; über einer Kiesgrube sehe ich den ersten Schmetterling. Man kann sich kaum verirren, so durchsichtig ist alles, und wenn man hinauskommt, wogt es weiter mit Hügeln und braunen Mulden, Birken stehen am Rande eines Moores, und auf finsterem Acker dampfen die Rosse, sie ziehen den Pflug, die Egge, oder man verzettelt den Mist; immer bleibt die verblauende Ferne hinter schwarzen Apfelbaumzweigen. Gebirge hangen jenseits über Räumen voll silbernem Dunst, ein Gleißen von schmelzendem Schnee; die Luft ist voll Verheißung, die Luft ist voll Ostern, und es ist mir, als wäre es gestern erst Frühling gewesen. […] Wenn es stimmt, dass die Zeit nur scheinbar ist, ein bloßer Behelf für unsere Vorstellung, die in ein Nacheinander zerlegt, was wesentlich eine Allgegenwart ist; […] warum erschrickt man über jedem Sichtbarwerden der Zeit? (Frisch 1950: 163f.)

Mit dieser (hier stark zusammengezogenen) Passage beginnt in Frischs Tagebuch 1946 – 1949 der zweite von insgesamt drei Abschnitten, die „Pfannenstiel” überschrieben sind. Im Folgenden wird die Zeitlosigkeit des Naturkreislaufs verknüpft mit Reflexionen über die Zeit, den Tod und die unüberwindbare existenzielle Einsamkeit des Menschen, die bereits auf den modernistischen Frisch der 50er und 60er Jahre voraus weisen. Die einleitende Naturschilderung, in ihrem den Kitsch streifenden Überschwang, hätte aber genauso in den Blättern aus dem Brotsack stehen können, oder auch in einem Tagebuch eines deutschen „inneren Emigranten“ wie Walter Bauers Tagebuchblättern aus Frankreich, die ein Jahr nach den Blättern erschienen sind.

Im selben Abschnitt, der zeigt, wie der alte und der neue Frisch da noch widerspruchsfrei nebeneinander bestehen können, wird dann retrospektiv die Begegnung mit dem Dichter Albin Zollinger geschildert, die 1941, und zwar ebenfalls bei einer Wanderung auf dem Pfannenstiel, stattfand. Zollinger, der damals gerade einen Roman mit dem Titel Pfannenstiel geschrieben und darin für Frisch „diese Landschaft ein für allemal dargestellt” hatte (168), war ein Vorbild des jungen Frisch und eine Schlüsselfigur im Schweizer Literaturbetrieb der 30er Jahre gewesen und selbst bereits ein Mittler zwischen heimischer Innerlichkeitsliteratur und der zeitgenössischen internationalen Moderne.

Zollinger ging es in seiner Lyrik wie in seiner Prosa darum, die gewöhnliche Wirklichkeit zu transzendieren: einmal, wie Frisch 1942 in einem Nachruf schrieb, durch „Funde im kleinen, Blumen in den Ritzen einer steinernen Alltäglichkeit”, dann wieder durch sprachlich kühne, an der französischen Avantgarde der Jahrhundertwende orientierte „Visionen einer ganzen Erde” (Frisch [1962]: 199). Und so verschaffte Zollinger u.a. den Lyriker Hiltbrunner, dem er mehrfach Publikationen und öffentliche Auftritte verschaffte. Auf der anderen Seite war er Förderer des eigenwilligen Bohemien Ludwig Hohl, dessen kunstvolle Fragmente Die Notizen oder Von der unvoreiligen Versöhnung bei ihrem ersten Erscheinen (1. Band 1944, 2. Band 1954) fast unbeachtet blieben, später aber großen Einfluss auf die moderne Nachkriegsliteratur gewannen.

Hohls Werk ist eine Abschweifung wert: 1964, als Nuancen und Details im Verlag Otto F. Walters erschien, wurde er u.a. von Karl Krolow, Elias Canetti, Helmut Heißenbüttel und auch Frisch im Rückblick zu einer zentralen Figur einer genuin deutschsprachigen Moderne erhoben. Mit Frischs Worten:

Literarisch datiert: vor dem Kafka-Ausbruch […], vor der posthumen Krönung eines Wittgenstein […]” (Frisch [1964]: 65)

In den 1970er Jahren wurde Hohl dann u.a. von Handke und Nicolas Born als Pate der neuen Notatliteratur adoptiert, zusammen mit einem anderen Schweizer, dem ebenfalls neu entdeckten Robert Walser, für dessen Werk sich ebenfalls Zollinger einsetzte. Mit Walser und Hohl setzt dann eine auffällige, anscheinend spezifisch schweizerische Traditionslinie des literarischen Fragments bzw. der Tagebuch-Literatur ein, die ich hier nur andeuten will: Sie reicht über Hiltbrunner und Frisch über Kurt Marti, Gerhard Meier und Walter Vogt bis zu Mani Matter, Paul Nizon, Margrit Baur, Franz Böni und Martin R. Dean.

Ausgerechnet Armin Mohler, damals Sekretär Ernst Jüngers und selbst ein Schweizer, war 1945 einer der ersten, die die Bedeutung von Hohls Notizen erkannten. Er verweist bereits auf Robert Walser (und auf Zollinger!) und schreibt weiter:

Hohls Form ist offen, er läßt den Leser am Denkprozeß selbst teilnehmen. […] Mehr und mehr beginnt diese Kategorie das Gesicht der europäischen Literatur der Gegenwart zu bestimmen. […] Als ein Zurückziehen auf das einzelne „Blatt“ hat man sie zu definieren gesucht. In ihren bekanntesten Formen tritt sie auf als Tagebuch (Andre Gide, Ernst Jünger) und so haben denn auch Hohls Notizen den Charakter eines Tagebuches (wenn auch äußerlich die Form eines Aphorismenbandes gewahrt bleibt). (Mohler [1945], 78)

Damit bezeichnet Mohler sehr genau die Intention der diaristischen Texte der 1950er Jahre und verwendet überdies bereits an markanter Stelle den Begriff „Offenheit“, der sich dann in den folgenden zwanzig Jahren zu einem heimlichen Leitbegriff der sich als modern verstehenden Literatur entwickelte. Genau so gut wie auf Hohl treffen seine Bemerkungen auf die Tagebuchautoren der 50er und 60er Jahre zu, auf Max Frisch, Elias Canetti, Günter Anders, Marie Luise Kaschnitz, Karl Krolow und selbst noch auf Walter Bauer.

Diese Verkettungen von Hiltbrunner und Frisch zu Zollinger, von Zollinger zu Hohl, von Hohl zu Canetti (der in seinen Aufzeichnungen auf Hohl ausdrücklich Bezug nimmt), aber auch zu Mohler und Jünger, zu Born und Handke werfen ein Schlaglicht voraus auf die Entwicklung der deutschsprachigen Tagebuch-Literatur nach 1950, deren Gründungsurkunde gewissermaßen Max Frischs Tagebuch 1946 – 1949 ist. Eben um diese Zeit löste im deutschen Sprachraum ein neues literarisches Paradigma die klassische Moderne ab, zu der noch Hohl, Jünger, Zollinger und auch der frühere Hamsun-Übersetzer Hiltbrunner zu rechnen sind und in der selbst Frisch ursprünglich seine Wurzeln hatte.

Bereits in der letzten Phase dieser klassischen Moderne, in den 1930er und 1940er Jahren, hatte die Tagebuchform eine erste Konjunktur erlebt. Deren Erzeugnisse erschienen dann überwiegend erst nach 1950 und prägten die Mainstream-Literatur in diesem Jahrzehnt entscheidend.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.