16 Sprachliche Authentizitätssignale

Paratextuelle Kommentare und Signale genügen nicht allein, um den ständig gefährdeten Eindruck von ‚Authentizität’ zu garantieren: auch der Text selbst muss durchgängig als ‚authentisch’ erscheinen. Dies wird durch besondere Stilmittel wie die typischen unvollständigen Sätze erreicht, die vorgeblich Zeichen der unredigierten, hastig-unmittelbaren Niederschrift sein sollen, tatsächlich aber in den meisten Fällen bewusst gesetzte Signale sind.

Nicht nur bei Sarah Kirsch beschränkt sich das beliebte Weglassen des grammatikalischen Subjekts („Die Clivien geteilt und neu eingetopft.”) fast immer nur auf den Beginn eines Absatzes, der dann im Übrigen aus kompletten Sätzen besteht. Noch eindeutiger ist die inhaltliche Pointe bei demonstrativ abgebrochenen Sätzen. Frisch etwa setzt am Ende von Absätzen sehr häufig einen Gedankenstrich, der eher die Offenheit des Gedankengangs bezeichnen soll als die Flüchtigkeit der Niederschrift (denn die Sätze wirken sorgfältig formuliert und wohl abgewogen). Fühmann (1973) und ihm offenbar folgend Handke (1977) lassen grundsätzlich bei jedem ihrer Notate das abschließende Satzzeichen weg, Fühmann zuweilen auch die Großschreibung am Satzanfang:

und pünktlich kommt die Mitternacht … Ein Blick auf die Uhr bestätigt: Die Zeit geht auf die Sekunde genau! O wackre heile Welt (Fühmann 1973: 9)

Durch das systematische Verfahren und den recht ‚geschlossenen’ Charakter der Notate, die zur diaristischen „Aufzeichnung” tendieren, wird das Authentizitätsindiz als bewusst gesetztes Zeichen literarischer ‚Offenheit’ kenntlich gemacht. Anders ist das noch bei den „Notizbüchern” von Peter Weiss, bei denen der Eindruck der  ungefilterten Wiedergabe deshalb überwiegt, weil abgerundete, aphoristische Notate neben trivialen Alltagsnotizen und vollkommen kryptischen Kürzeln stehen. Hier konnotieren Kleinschreibung und Unvollständigkeit den ‚authentischen’ Schreibprozess, was im Übrigen durch eingeschaltete Faksimiles von Notizbuchseiten untermauert wird.

Heidi Schmidt („Anfälle. Tagebuchfragmente”, 1976) entwickelt den ‚authentischen Schreibstrom’ gezielt zu einer literarischen Schreibweise mit eigenen formalen Kennzeichen weiter. Sie schreibt konsequent klein, setzt überhaupt keine Satzzeichen und trennt die einzelnen Wortgruppen nur durch Abstände:

jetzt habe ich tatsächlich angefangen zu schreiben    nun ja   ich habe mich überrumpelt   aber es wird helfen über die kälte zu schreiben   einen winter lang   wenn ich friere   […]   (Schmidt 1976:  5)

Kombiniert mit der konsequenten Kleinschreibung ergibt das den gezielt hergestellten Eindruck eines endlosen Schreibstroms, den auch Brinkmann (1979, 1987) in seinen absatzlosen und nur durch Gedankenstriche strukturierten Tagebuch-Typoskripten weniger ‚authentisch wiedergibt’ als literarisch inszeniert.

Bereits diese Beispiele zeigen, dass die diaristischen Stilmittel, die vor allem in verschiedenen Formen verkürzter Sätze bestehen, recht unterschiedliche Bedeutungen und Funktionen annehmen können, je nach dem Zusammenhang, in dem sie gebraucht werden. Der ansonsten durchaus verdienstvolle Versuch von Hornschuh (1987: 33 – 66), eine Art kleines Lexikon der „Stilmittel des Tagebuchs” nach linguistischen Gesichtspunkten zusammenzustellen, hat hier seine Grenzen.

Das „Stilmittel des Abbrechens” etwa weist nicht notwendig „auf das Unheile einer Welt”, wie Hornschuh (1987: 58) allzu pauschal annimmt, sondern erst einmal nur auf ‚Offenheit’ im Allgemeinen, und die kann ein Merkmal der Welt sein oder eine Eigenschaft des erfahrenden/schreibenden Subjekts, und sie kann negativ, positiv oder ambivalent bewertet werden. Und auch anderweitig verkürzte Sätze können einmal als Bestandteil einer lakonischen Rhetorik der Genauigkeit erscheinen (nämlich in Logbüchern und in diaristischen Aufzeichnungen, die das Subjektive möglichst ausklammern) oder als Bestandteil einer ‚hastigen’ Rhetorik der Rückhaltlosigkeit (im Schreibstrom des subjektiven Journals, dem es um Wahrhaftigkeit geht).

Mit diesen rhetorischen Haltungen sind zugleich auch die beiden möglichen Auffassungen von ‚Authentizität’ näher bezeichnet: Die objektive Wahrheit wird sprachlich fixiert und verlangt nach Knappheit und Ausdünnung, insbesondere nach dem Ausscheiden des subjektiven Störfaktors. Die subjektive Wahrhaftigkeit wird schreibend umkreist und erfordert einen möglichst ununterbrochenen, expressiven Sprachstrom. Dagegen müsste dem naiven Authentizitätsbegriff zufolge die Versprachlichung jeweils möglichst direkt erfolgen, indem man eben ‚einfach hinschreibt’, was offensichtlich wahr ist oder was einen innerlich bewegt.

Demgemäß wären die ‚authentischsten’ Tagebücher einerseits das möglichst nüchterne Schiffslogbuch, in dem nur Messdaten verzeichnet sind, und andererseits das Teenagertagebuch, das jeden Gemütsausschlag verzeichnet.

Sobald man aber an den Begriff der Authentizität strengere Maßstäbe anlegt, weil man eine nicht nur oberflächliche ‚Wahrheit’ bzw. ‚Wahrhaftigkeit’ anstrebt, stellt sich das Problem des überlegten Einsatzes der literarischen Mittel, um ein Höchstmaß dieser emphatischen Authentizität zu erreichen. Dann wird klar, dass das noch so ‚authentische’ Addieren irgendwelcher Fakten kein authentisches Bild der Welt ergibt und dass das Einfach-drauflos-schreiben keinen authentischen Abdruck der Subjektivität ergibt. Die inhaltlichen Schwierigkeiten (die repräsentative Faktenauswahl; das Aufspüren von Verdrängungen) rücken ebenso ins Blickfeld wie die sprachlichen Schwierigkeiten (die Sprache bildet objektive Sachverhalte nicht einfach ab, sondern rekonstruiert sie; der authentische Ausdruck der Subjektivität wird durch sprachliche Fertigteile geformt).

Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, ‚Authentizität’ auch noch auf einer substanzielleren Ebene als der stilistischer Kunstgriffe herzustellen: Im Logbuch garantiert erst die bewusst gewählte und sorgfältig eingehaltene Struktur jedes Eintrags die Repräsentativität der verzeichneten Daten, die dann ein jeweils aktuelles ‚authentisches’ Bild des betreffenden Systems ergeben. (Je komplexer dieses System ist, desto schwieriger ist es, diese Komplexität im diaristischen Raster abzubilden, und am schwierigsten wird es natürlich, wenn dieses System das Subjekt selbst ist.) In diaristischen Aufzeichnungen bringt dagegen erst ein grundlegender inhaltlicher und sprachlicher Destillationsprozess die tiefere Wahrheit im alltäglichen Lebensstoff zur Erscheinung. Das subjektive Journal schließlich erfordert ein regelrechtes Exerzitium, um die äußeren Hemmungen zu überwinden und die Eigendynamik des Assoziations- und Schreibstroms in Gang zu bringen.

Daraus ergibt sich der Begriff einer „Tagebuch-Literatur” im engen Sinn: Zu ihr wäre ein diaristischer Text insofern zu zählen, als darin das Authentizitätsproblem zumindest partiell reflektiert und ein besonderes literarisches Verfahren entwickelt wird, um dieses Problem auf je eigene Art zu lösen.

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