5 „Subjektives Journal“: Schreib- und Bewusstseinsströme

Der idealtypische Schreiber des Logbuchs ist nie mit sich allein und wird sich selbst nie zum Problem. Zwar zieht sich auch der Logbuch führende Kapitän zum Schreiben in seine Kajüte zurück, aber diese Isolation spielt normalerweise keine Rolle, da er auch in diesem Innenraum sich noch als Funktionsträger eines Systems begreift. Sobald aber das Subjekt selbst als ganzes in den Mittelpunkt der kulturellen Aufmerksamkeit rückt, also in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, entwickelt sich allmählich das historische Paradigma des subjektiven Journals.

Dieses Journal ist dabei zuerst eine Art Logbuch, das dem bürgerlichen Subjekt sowohl dazu dient, Expeditionen in die eigene Innenwelt zu unternehmen, die tatsächlich gern als Meer umschrieben wird, als auch dazu, gleichsam in der Rolle des Schiffsführers vernünftige Distanz zu diesem gefährlichen Raum zu gewinnen. So dominiert in Herders „Journal einer Reise aus dem Jahr 1769” noch der Logbuchcharakter – nicht deshalb, weil es sich um das Tagebuch einer Schiffsreise handelt, die Herder zur umfassenden Metapher für die Psyche des Subjekts und den Lebenswegs ausbaut, sondern weil hier das Verhältnis zur eigenen Subjektivität noch überwiegend nüchtern und analytisch-distanziert ist.

Das Journal Werthers dagegen, das Goethe vier Jahre später fingiert, hat dagegen bereits alle Merkmale eines radikalen „subjektiven Journals”. Die analytische Distanz und Sicherheit, die Herder sich mit seinem Logbuch zu verschaffen suchte und die Werther von Anfang an verweigert, ist nun auf den Herausgeber des Textes übergegangen. Das „Tagebuch”, das Werther nach eigenem Bekunden führt, erfüllt nicht mehr die kulturell vorgesehene Funktion, sich über seine Handlungen klar zu werden und unter dem Ansturm der elementaren Leidenschaften einen vernünftigen Kurs zu steuern, sondern wird als Medium zur Versenkung in die eigene Innenwelt und zur Stilisierung der eigenen Subjektivität benützt. Die Logbuchmetaphorik Herders wird dabei transformiert: Werther sieht sich selbst als Schiff, das unter dem Ansturm der Naturkräfte zerbricht. Am Ende steht die Sehnsucht, sich in die „stürmende See” zu stürzen, „dahinzubrausen wie die Wellen”.

Der Gegensatz von Herders Journal und Werthers fiktivem Tagebuch (das im Roman nur in Fragmenten ‚wiedergegeben’ wird) enthält bereits die ambivalente Grundstruktur des ‚subjektiven Journals’, wie sie sich im 19. Jahrhundert herausbildet und z.B. noch Hermann Hiltbrunners Tagebuch „Alles Gelingen ist Gnade” (1958) prägt. Zu einem Teil handelt es sich eben noch um ein besonderes Logbuch, das das Subjekt selbst als System auffasst und dessen Zustand in regelmäßigen Abständen und anhand einer Reihe von Prüfpunkten kontrolliert. Dessen Idealtypus wäre das pietistische Tagebuch, das im Dienst einer „Wahrheit” des Subjekts steht, die an einem objektiven System moralischer Sätze gemessen wird, oder z.B. auch das Tagebuch eines Freudianers.

Das Problem der Wahrheit wird im konsequenten Logbuch nicht thematisiert – sie ist durch die ‚Objektivität’ der Maßstäbe und Meßmethoden garantiert. Das Ich vergewissert sich immer von neuem und Punkt für Punkt seiner Identität und sichert sie, indem es das Datenmaterial aufbewahrt. Die schematischen Aufzeichnungen bestätigen ihm: Das war ich und so habe ich mich in Richtung auf ein zugrunde gelegtes Subjekt-Ideal hin entwickelt (oder bin von ihm abgewichen).

Das ist also die ursprüngliche, aber von Anfang an nicht die einzige, wahrscheinlich nicht einmal die wichtigste Funktion des subjektiven Journals in der entstehenden bürgerlichen Gesellschaft. Denn mit den gefühlsbetonten Seiten des Subjekts, die sich dem Zugriff der Vernunft entziehen, geschieht etwas ähnliches wie zur selben Zeit mit dem ‚Sex’ (im Sinne einer weitgehend prädiskursiven Praxis), der Foucault zufolge erst durch eine regelrechte Explosion des moralischen und medizinischen Diskurses zur ‚Sexualität’ entwickelt wurde, die von da an im Leben jedes einzelnen unübergehbar präsent ist. So entstand auch durch das ausufernde Reden und v.a. Schreiben über sich selbst, das offiziell der rationalen und moralischen Kontrolle diente, ein neuer Begriff von ‚Subjektivität’, der sich den rationalen und moralischen Kategorien entzog.

Bereits Herder fasst ja die Subjektivität, derer sich das schreibende Ich versichern will, nicht mehr als eine im Prinzip bekannte objektive Struktur auf, die es lediglich zu überprüfen gilt, sondern als einen faszinierenden und komplexen, erst noch zu erforschenden Raum. Goethes Romanfigur zieht daraus die Konsequenzen: Werther erkennt nichts mehr an außer den eignenden subjektiven Wünschen, denen sich folgerichtig auch sein jeweiliges metaphysisches System anpasst. Die objektive „Wahrheit” eines ‚Logbuchs der Subjektivität’ schlägt um in den subjektiven Wahrheitsbegriff des subjektiven Journals.

Das hat auch Konsequenzen für die Schreibweise: Der objektive Gestus des Fixierens und Prüfens geht über in einen expressiven Gestus des Suchens und Umkreisens. Die Grenze eines Logbuchs, dessen Gegenstand das Subjekt ist, zum „subjektiven Journal” ist dann überschritten, wenn die analytische Distanz aufgegeben wird, wenn Fühlen, Bewusstseinsstrom und Schreibakt verschmelzen. Nicht die Sachverhalte selbst sind dann wichtig, sondern die Eindrücke, die sie im Subjekt hinterlassen, und die Selbstergründungsprozesse, die sie auslösen.

Diese Entwicklung vollzieht sich wirklich konsequent vor allem im französischen Sprachraum. Als Urbild des „journal intime” in der europäischen Tagebuch-Literatur gilt seit der auszugsweisen Erstveröffentlichung 1883 das fast siebzehntausend Seiten umfassende Journal des Genfer Philosophieprofessors Henri-Frédéric Amiel, gefüllt mit Einträgen wie dem folgenden (zitiert nach Hocke 1963):

Genf, Sonntag 7. April 1850
Eine Ehe, die dich ablenken würde von deiner Berufung und deiner Aufgabe, die dich verhindern würde, den Blick stets nach innen zu richten, kurz, die dich nicht bessern würde, ist schlecht. […] In meiner Beweglichkeit, meinem Bestreben, alle Gesichtspunkte zu verstehen, gerate ich in tausenderlei Versuchungen und gebe mich selber preis. So komme ich nach vielen Umwegen wieder an den Punkt, auf den ich schon manches Mal gelangt war. – Doppeltes Glück: die Muße, die mir erlaubt, mich in mein Inneres zu versenken; dies Tagebuch, das mir, sobald ich will, Klarheit über mich verschafft und das ich wie eine Sibylle befragen kann, denn wir haben in uns ein immer antwortbereites Orakel, das Gewissen, das nichts anderes ist als der Gott in uns.

Doch nur anfangs ist Amiels Journal als moralische Gewissenserforschung angelegt, als Logbuch also. Er selbst ist sich darüber durchaus im Klaren, dass ihm das Tagebuchschreiben schnell zum Selbstzweck geworden  ist. Das Tagebuch-Ich und seine je gegenwärtige Schreibsituation bleiben im Text explizit präsent. Der Schreibprozess selbst wird wichtiger als die zu beschreibenden Sachverhalte. Wenn die Schlüsselbegriffe dieser Art des Tagebuchschreibens „Wahrheit”, „Rechenschaft” und „Geständnis” sind, wie Canetti (1965: 65) sagt, heißt das, dass die Inhalte dem Schreibakt nicht voraus liegen, sondern erst gesucht werden. Erst das Schreiben selbst setzt die Prozesse der Wahrnehmung, der Erinnerung, der Vergegenwärtigung des Verdrängten in Gang, die den Inhalt eines prototypischen subjektiven Journals ausmachen.

Weil die vollständige Einheit des Subjekts erst in der Niederschrift realisiert wird, darf der Schreibstrom eigentlich nicht abreißen. Eine Lücke im Text wäre streng genommen eine Lücke im Subjekt. In der Praxis genügt es jedoch zur Wahrung des Anspruchs auf Vollständigkeit und Wahrhaftigkeit, wenn repräsentative Ausschnitte des Schreibstroms anscheinend ungefiltert vorhanden sind, die die Facetten des ‚ganzen Subjekts’ abdecken. Ob etwaige Lücken als Verstoß gegen die Regeln des Journals bedeutungsvoll sind, hängt davon ab, in welchem Maß sie im Rahmen des Subjektivitäts-Entwurfs der Kultur und des Tagebuchs selbst als tolerabel erscheinen, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit und Wahrhaftigkeit zu gefährden.

Der Regelfall ist seit den christlich inspirierten Rechenschafts-Journalen des 18. Jahrhunderts die tägliche Eintragung, aber am konsequentesten ist natürlich die minutengenaue Angabe der Tageszeit, die auf die existentielle Situation des Schreibenden verweist. In Uve Schmidts Tagebuch Ende einer Ehe (1978) erfolgen die Eintragungen z.T. in halbstündigen Abständen oder lauten etwa „2. August, 1.00 Uhr”. Genau genommen ist das idealtypische subjektive Journal erst dann vollständig und wahrhaftig, wenn es in einen unaufhörlichen Text mündet. Der Schreibprozess tendiert dazu, das Leben selbst zu überlagern und also „auslöschend ungelebt zu bezeugen”, wie Botho Strauß anhand von Amiel feststellt:

„Tag für Tag verhindert er  [der Diarist] seine Lebensgeschichte, indem er sie dem prompten Augenblick der nackten Gegenwärtigkeit preisgibt, so dass ein schonendes Imperfekt und die natürliche Selektion der Erinnerung keine Chance haben.” (Strauß 1989: 194)

Genau dieses Aufgehen des Lebens in der Schrift, die schriftliche Rekonstruktion des Selbst und der Welt, macht Amiels Journal interessant für einen Autor wie Strauß:

„Man kann wohl sagen, dass dies seinen Regeln nach ein unaufhörliches Schreiben ist […].” (194) „Das Journal intime ist das Anti-Journal schlechthin. Es ist die entschiedenste Auflehnung gegen die Tageszeitung. Es will durchaus den anderen Tag. Es erschafft ihn.“ (195)

Das idealtypische subjektive Journal strebt eine Schreibweise an, die mit einem Seismographen vergleichbar ist, der seelische und geistige Ausschläge unmittelbar aufzeichnet. Tatsächlich ist unter modernen Tagebuchschreibern die Seismographen-Metapher recht beliebt. In Max Frischs Tagebuch 1946 – 1949 (1950: 19) heißt es etwa: „Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben.” Auch Jünger vergleicht sich im Vorwort zu Strahlungen (1949) mit einem Seismographen. Hans Bender (1992: 13) variiert das Motiv, wenn er sein EKG, „die geheime Schrift meines Herzens”, mit seinen Aufzeichnungen in Beziehung setzt.

Tatsächlich aber sind die stilistisch stark bearbeiteten Tagebücher Frischs, Jüngers und Benders nur der Theorie, nicht der Schreibpraxis nach subjektive Journale. Frisch geht es letztlich nur um den gedanklichen Niederschlag seiner Subjektivität und Jünger begreift sich als Instrument, das objektive, epochale und letzten Endes metaphysische Prozesse aufzeichnet (weshalb er sich auch die Lizenz nehmen kann, seine Tagebücher auch nach der Erstveröffentlichung immer von neuem und zum Teil sehr gravierend umzuarbeiten, ohne diese Umarbeitungen selbst als Resultate eines neuen Schreibprozesses kenntlich zu machen). Das liegt daran, dass um 1950 noch der bloße diaristische Ansatz als Wagnis erscheint und als solcher bereits ‚Unmittelbarkeit’ signalisiert, obwohl die resultierenden Texte im Vergleich zu den Schreibexperimenten der sechziger und siebziger Jahre extrem geordnet und ‚unauthentisch’ wirken.

Wenn man die Prinzipien, die dem subjektiven Journal immanent sind, weiterdenkt, ist streng genommen auch die graphologische Dimension Teil der Aussage (übrigens eine Konsequenz, die die moderne Kafkaphilologie inzwischen tatsächlich gezogen hat). Im konsequentesten Fall müsste beim Druck die Handschrift wiedergegeben werden. Gelegentlich, z.B. in den Tagebüchern Erika Pluhars (1980) oder den Notizbüchern von Peter Weiss (1981, 1982), wird das auch durch Faksimiles einiger Seiten wenigstens angedeutet. Bei der ersten Ausgabe von Handkes Journal „Das Gewicht der Welt” (1977) ist ein Blatt aus Handkes Notizbuch auf dem Umschlag abgebildet, was hier (wie bei Weiss) nebenbei auch Rückschlüsse auf nirgends ausdrücklich eingestandene Bearbeitung der Notizen zulässt. Am konsequentesten verfahren Brinkmanns Collage-Tagebücher (1979, 1987): Zu wesentlichen Teilen bestehen sie aus Typoskripten, die mit nachträglich nicht korrigierten Fehlern, unterschiedlich harten Anschlägen und handschriftlichen Hinzufügungen auch äußerlich den ‚ungezähmten’ Schreibstrom repräsentieren, in dem die reine Subjektivität sich am unverfälschtesten äußern soll.

Allerdings kann selbst dann der subjektive Schreibstrom niemals so flüssig sein, wie er sein will, und vor allem auch nicht so flüssig bleiben. In der Praxis gibt es ja gar kein seismographisches Schreiben. Die Eintragung eines idealtypischen subjektiven Journals ist eher als eine sich selbst weiter treibende Textspirale beschreibbar: ein Anstoßpunkt (ein Sachverhalt, ein Gedanke, ein Gefühl) löst einen Satz aus, der wieder weitere Sätze erzeugt, und so fort. Dabei folgt das subjektive Journal allein durch die Verwendung der Schriftsprache versteckten kulturellen Mustern der Selbstergründung, die den ‚wahrhaftigen’ subjektiven Monolog strukturieren und objektivieren. Erst recht ist die Aufbewahrung der seismographischen Aufzeichnungen inkonsequent und gleichbedeutend mit dem ersten Schritt zu einer Materialsammlung für ein Logbuch des Subjekts. Und schließlich kristallisieren sich auch unabhängig davon Eintragung für Eintragung eigene Text- und damit Subjektivitätsstrukturen aus. Das einmal Geschriebene prägt das, was folgt. So ist auch die nachträgliche Lektüre früherer Eintragungen, die so wieder zum Ausgangspunkt neuen Schreibens wird, nicht nur Zeichen für die Selbstkontrolle, die für das subjektivistische Logbuch typisch ist: Das schreibende Ich muss sich auch immer neu von den entstehenden Mustern abstoßen, die die Subjektivität begrenzen und verfälschen.

Doch all das sind Probleme, die erst für die neueste Tagebuchliteratur wichtig werden. In diesem Sinn begreift Botho Strauß Amiel als einen Autor, der die Wende von der statischen Schrift (und damit dem inhaltsbezogenen ‚Werk’) zum dynamischen Schreiben bereits vorweggenommen hat, für die man nach 1960 dann Kafka in Anspruch nahm. Das verzerrt jedoch die historischen Verhältnisse. Anders als Kafka, der sich bereits ausdrücklich als Schreibender begriff (obwohl er dabei dennoch weiter einem Werkideal anhing), sahen sich die Verfasser der orthodoxen „journaux intimes” als Meditierende oder Grübelnde, die Tagebuch führen und die Schrift dabei nur als Instrument gebrauchen. Das aber hat sich in der durchschnittlichen diaristischen Praxis bis heute nicht geändert.

Überhaupt ist die Geschichte der Tagebuch-Literatur nicht einfach gleichzusetzen mit einer Geschichte des zu sich selbst kommenden ‚reinen’ Subjekts und damit auch des subjektiven Journals. Das ist nur insofern richtig, als das Bewusstsein für die Besonderheiten der Schreibweise subjektiver Journale tatsächlich in den letzten zweihundert Jahren insgesamt zugenommen hat. Ansonsten wird aber die logbuchartige Schreibweise ungebrochen weiter praktiziert und die objektivierende Form der „diaristischen Aufzeichnungen” überhaupt erst entwickelt. Obwohl das subjektive Journal sich im 19. Jahrhundert weiter ausbreitete und zeitweise (etwa zwischen 1850 und dem ersten Weltkrieg) für literarisch sozialisierte Bürger und vor allem Bürgerinnen beinahe obligatorisch war, war es, jedenfalls wenn man die diaristische Praxis namhafter Autoren zugrunde legt, nur in besonders innerlichkeitsorientierten Phasen der Kulturgeschichte literarisch bedeutsam: im deutschsprachigen Raum v.a. zur Zeit der Empfindsamkeit (Hamann, Herder, Lavater), zur Zeit der Spätromantik und im Biedermeier (Baader, Zacharias Werner, Platen, Grillparzer, Hebbel), zwischen Jahrhundertwende und Erstem Weltkrieg (Hesse, Musil, Loerke, Kafka, Zweig) und dann eigentlich erst wieder nach 1970 (obwohl das theoretische Interesse bereits seit etwa 1950 wieder zunahm). In mindestens ebenso vielen bekannten deutschsprachigen Tagebüchern spielt die Schreibweise des subjektiven Journals keine oder kaum eine Rolle (etwa bei Goethe, Harry Graf Keßler, Mann, Musil, Schnitzler, Hofmannsthal, Jünger).

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