4 „Logbuch”: Überprüfung des Systemzustands

Bereits Lord Byron nannte seine Tagebücher „Log-Books”,1 wie auch Ernst Jünger (im Vorwort von Strahlungen, 1949) und Walter Bauer (Ein Jahr, 1967). In all diesen Fällen handelt es sich um metaphorischen Gebrauch. Die Texte entsprechen über weite Strecken formal und inhaltlich nicht dem ältesten und bis jetzt wohl verbreitetsten Typus diaristischen Schreibens, den ich ihn im Folgenden als „Logbuch” bezeichne. Dessen Urform definiert Walter Bauer selbst sehr exakt:

„Logbücher enthalten keine Beschreibungen. Sie bezeichnen täglichen Standort, Fortschritt, verglichen mit gestern, Aufgang und Untergang der Sonne und der Gestirne, Stürme, Windstillen, Verfassung der Besatzung, Zwischenfälle an Bord. Notiert wird in ihnen das Auftauchen von Inseln, das Anlaufen und Verlassen von Häfen. Eingetragen werden Reparaturen, Verzögerung der Einfahrt und Ausfahrt.“ (Bauer 1967: 113)

Ein solcher Logbucheintrag könnte ungefähr die folgende Form haben:

„Österreichische Yacht  ‚Admiral Tegetthoff’, Expedition nach dem sibirischen Eismeere. Fest im Packeis, am 14. Februar 1873. Wurden am 21. August 1872 nahe der Küste von Nowaja Semlja auf 76°22′ Nord und 62°3′ Ost von Greenwich im Eis besetzt und froren ein. […] An Bord alles wohlauf, keine besonderen Krankheitsfälle. Gedenken beim Aufgehen des Eises in OSO-Richtung vorzudringen […]Unsere größte erreichte Breite war 78°50′ Nord, bei 71°40′ Ost von Greenwich, ohne dass wir neues Land in Sicht bekamen.“

„Logbuch” ist ein Fachbegriff aus der Seefahrt: Das „Log” ist ursprünglich der Fahrgeschwindigkeitsmesser eines Schiffes, im Logbuch verzeichnet der Kapitän täglich alle Daten, die für die unternommene Fahrt relevant sind. Auch obiges Zitat ist also streng genommen nicht eigentlich eine Logbucheintragung (die sich auf nur einen Tag beziehen würde) sondern die im Eis deponierte Flaschenpost einer Nordpolexpedition, aber sie folgt im wesentlichen den Regeln des Logbuches und zeigt dessen Charakter.

Christoph Ransmayr  zitiert sie in Die Schrecken des Eises und Finsternis (1982) – einem Roman, der angibt, authentische Dokumente, darunter mehrere Originaltagebücher von Expeditionsteilnehmern, zu verwenden. Überhaupt tauchen Logbücher von Polarexpeditionen auffallend häufig auf in der deutschen Literatur auf, seit das Tagebuch des 1912 umgekommenen Kapitän Scott die Grundlage für Reinhard Goerings postexpressionistisches Stück Die Südpolexpedition des Kapitän Scott (1930) bildete. Vier Jahre vor Ransmayr (und fünf Jahre vor Sten Nadolnys Die Entdeckung der Langsamkeit) veröffentlichte Jens Rehn, in den sechziger Jahren bekannt geworden durch existentialistisch angehauchte Erzählungen, den Kurzroman Die weiße Sphinx, der sich als das fiktionale Logbuch einer 1885 unternommenen schwedischen Nordpolexpedition präsentiert. Und Alfred Andersch begab sich 1964 auf den Spuren der Polforscher auf eine Schiffsreise nach Spitzbergen und benutzte das dabei geführte Tagebuch als Grundlage für einen diaristischen Reisebericht, dessen Stil sich um die heroische Knappheit eines Expeditions-Logbuchs bemüht.

Das existenzphilosophische Pathos, das hinter diesem Motiv steht und das übrigens auch Walter Bauers Tagebuch prägt, drückt Jünger im Vorwort zu „Strahlungen” (1949) am klarsten aus. Ransmayr und Jens Rehn setzen in fiktionale Prosa um, was Jünger theoretisch propagiert, wenn er das Logbuch von sieben Matrosen, die 1633/34 zu Forschungszwecken „im nördlichen Eismeer” überwinterten und an Skorbut starben, zum Inbegriff einer neuen Literatur erklärt, deren Merkmal „die Absetzung des Geistes vom Gegenstand, des Autors von der Welt” sei. In der Gegenwart (und damit meint er nicht nur den Weltkrieg und das Dritte Reich, sondern letztlich ‚die Moderne’) nähere sich ganz grundsätzlich „das Opus dem Logbuch” an:

„Das sind Notizen auf der Fahrt durch die Meere, in denen der Sog des Mahlstrom fühlbar wird und Ungeheuer auftauchen. Wir sehen den Steuermann bei der Betrachtung der Instrumente, die allmählich glühend werden, den Kurs bedenken und sein Ziel.”2

Tatsächlich fehlen bei Jünger niemals die Zeit- und Ortsangaben über jeder Eintragung, die als Koordinaten den zentralen Ort des Tagebuch-Ichs im historischen Raum bestimmen, analog dem „76°22′ Nord und 62°3′ Ost von Greenwich” bei Ransmayr. Das ist ganz grundsätzlich das Prinzip des Logbuch-Typus: Die täglich vorgenommene Peilung gilt der Bestimmung der Position, bezogen auf ‚objektiv’ vorgegebene Maßstäbe. Allgemeiner ausgedrückt definiert sich das Subjekt vorwiegend als Schnittpunkt semantischer Achsen und sozialer Systeme.

Diese Funktion hat etwa auch das exzessive Namedropping Jüngers, mit dem das Tagebuch-Ich sich sowohl in eine Reihe mit zeitgenössischen und historischen Geistesgrößen als auch mit hohen Wehrmachtsoffizieren stellt. Ansonsten aber orientiert sich „Strahlungen” über weite Passagen weniger am Logbuch-Typus als am Paradigma der „diaristischen Aufzeichnungen” (tatsächlich heißt ein Teil „Kaukasische Aufzeichnungen” und ein anderer „Kirchhorster Blätter”). Wesentlich näher als Jüngers „Strahlungen” und auch Bauers „Ein Jahr” kommt dem Logbuch als Prototyp diaristischen Schreibens ein Tagebuch, das auf den ersten Blick dem Logbuch einer Polexpedition denkbar unähnlich ist:

„P.[acific] P.[alisades] Sonntag den 2. I. 49
Starke Sexualität zur Zeit. Volle Potenz.- Heute helles, sonniges Wetter. K. ohne Fieber, aber stark erkältet, vormittags im Bett. Parade- und Festzugsartiges Volksvergnügen in Pasadena mit Todesfällen, die an Tolstoi’sche Beschreibungen jener Wiese erinnern. Ach, dumme, getriebene Massenmenschheit! — Das Kapitel zu beenden gestrebt. Gegangen mit Frido u. mit dem Sergeant zurückgefahren. Mit Erika Briefe an Kansas University (Absage) und Libr. of C. besprochen. Prompt von ihr ausgeführt. […] Abends entzückt von ‚L’après midi’ von Debussy unter Monteux. Benny zugehört. Klaus von der Geburtstagsfeier bei Nathan. K. abends außer Bett. – Mit Erika über Bibi, besorgt. – Sehr gute Gänseleber vor der Suppe. – Kalter Landsturm.“

Bei Thomas Manns Tagebüchern handelt es sich nicht um ein „subjektives Journal”, obwohl es die Interpreten es bislang hartnäckig so sehen wollen, sondern um ein „Logbuch”. Nur ist hier das zentrale System, in dem sich alle Linien schneiden und dessen Standort jeden Tag neu vermessen wird, nicht die Yacht „Admiral Tegetthoff”, sondern der Großschriftsteller „Thomas Mann” – d.h. eben nicht das sich selbst reflektierende und selbst fühlende Subjekt Thomas Mann.

Das Ego des Großschriftstellers steht gewissermaßen aus objektiven Gründen im Zentrum der Welt. Selbst politische Nachrichten erscheinen vor allem als Wetterlagen, die die Funktion des Systems „Thomas Mann” beeinflussen. Ansonsten treten der geistig-sprachliche Raum der Literatur und der soziale Raum des Kulturbetriebs an die Stelle des geographischen Raums, durch den der Polreisende seinen Weg sucht. Der Eindruck des ‚Subjektiven’ rührt nur daher, dass ‚subjektive’ oder ‚private’ Kleinigkeiten eben für die Befindlichkeit des Schriftstellers von zentraler Bedeutung sind. Auch noch das anscheinend lächerlichste Detail, wie beispielsweise Seidenunterhosen oder Sand in den Schuhen („Nie wieder Strandspaziergang.”), hat in diesem Zusammenhang seine objektive Funktion.

Nirgends handelt es sich um ein ‘journal intime’ – nicht einmal dann, wenn Thomas Mann seine Masturbationsakte verzeichnet („Erlenbach, Mittwoch, 8.4. 1953: Erregung, Auslösung. Zuweilen ist meine Brunft noch von der Hengste Brunft.”) Der alternde Logbuch-Schreiber registriert hier lediglich die relevanten Daten, die die animalische Vitalität seines Körpers anzeigen.

Das Logbuch dient also der Buchführung und unterwirft die chaotische Datenmenge, der sich das Subjekt Tag für Tag ausgesetzt sieht, einer rigiden Auswahl. Die Eintragungen beziehen sich jeweils auf ein mehr oder weniger starres, als ‚objektiv’ gesetztes Ordnungsraster, das alles erfasst, was für das Funktionieren eines bestimmten Systems relevant ist und damit die „Welt” des betreffenden Tagebuchs ausmacht.

Im Fall eines echten Logbuchs, das vom Kapitän geführt wird, um Rechenschaft abzulegen, ist dieses System das Schiff. Relevant sind all jene Fakten, die die erfolgreiche Fahrt dieses Schiffes betreffen: die Geschwindigkeit, die Wetterlage, die Windrichtung, Unfälle. Die Befindlichkeit der Besatzung ist nur in Ausnahmefällen von Bedeutung (etwa wenn eine Meuterei droht). Logbuchcharakter in diesem Sinn haben natürlich vor allem Reisetagebücher und Haushaltsbücher (wie das Schumanns), aber auch Gartenbücher (auf dieser Grundlage hat z.B. Wilhelm Lehmann in seinem „Bukolischen Tagebuch” seine eigene literarische Form gefunden). Ähnliches gilt dann, wenn etwa Diplomaten oder Politiker Buch führen über das Funktionieren des politischen oder auch politisch-kulturellen Systems, in dem sie Funktionsträger ist (wie etwa Harry Graf Kessler und Peter Glotz). Dabei ist es im Prinzip gleichgültig, ob dieses Raster als fertige Schablone von außen übernommen wird (wie im Fall des Kapitäns) oder ob es vom Schreiber modifiziert oder selbst entwickelt worden ist. In jedem Fall verhält sich das schreibende Ich des Logbuchs zu den aufgezeichneten Sachverhalten distanziert – auch dann, wenn es (z.B. in einem Krankheitsjournal) unmittelbar um den eigenen Zustand geht.

Die Grenze des Logbuchs zum „subjektiven Journal” ist dann überschritten, wenn die analytische Distanz aufgegeben wird, wenn Fühlen, Bewusstseinsstrom und Schreibakt sich einander annähern und soweit verschmelzen, so dass tendenziell der Prozess der Niederschrift zum eigentlichen Inhalt des Tagebuchs wird. Nicht die Sachverhalte selbst sind dann wichtig, sondern die Eindrücke, die sie im Subjekt hinterlassen, und die Selbstergründungsprozesse, die sie bei ihm auslösen. Dementsprechend ist hier die  Sprache im allgemeinen nicht, wie beim prototypischen Logbuch, knapp und deskriptiv, sondern kreist ihren Gegenstand tastend und ihrer selbst unsicher ein – nicht selten bis zu einem Punkt, an dem der Schreibakt selbst problematisch wird, weil das Subjekt seiner selbst und seiner Sprachmächtigkeit nicht mehr gewiss ist.

In dem Maß dagegen, in dem sich ein subjektives Journal eines relativ festen und in sich kohärenten Vokabulars bedient und die Eintragungen sich in ihrer Struktur ähneln, tendiert es bereits zur Buchführung und also zu einem Logbuch, das das Subjekt als beobachtetes System aufgefasst. Dann ist zwar das Subjekt Thema des Tagebuchs, aber das Tagebuch selbst ist nicht eigentlich subjektiv.

In diesem Sinn ist ein pietistisches Tagebuch, das über moralische Verfehlungen und Fortschritte Buch führt, ebenso ein „Logbuch” wie z.B. das Tagebuch eines Freudianers, der anhand von Träumen und anderen Symptomen den Zustand seiner Psyche beobachtet. Aber natürlich sind die Grenzen sehr selten eindeutig: Jedes subjektive Journal hat einen gewissen Logbuchcharakter, da ja allein durch die Wiederholungen der Eintragungen eine untergründige Struktur entsteht, die einem ‚Normalzustand’ des Systems impliziert. Ein Tagebuch, das als experimentelles ‚subjektives Journal’ begonnen wurde, kann also mit zunehmender Verfestigung der Kategorien in ein psychologisches Logbuch umschlagen. Aber auch der umgekehrte Fall ist möglich, wenn eine Krise die selbstverständliche Ordnung des Logbuchs in Frage stellt.

 

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