27 „Entfremdung” (objektsprachlich)

Voraussetzung der Tagebuch-Literatur nach 1950 und zugleich ihr bevorzugtes Thema ist die universale „Entfremdungs”-Erfahrung des modernen Subjekts, die angeblich im 20. Jahrhundert einen Höhepunkt und nach dem Zweiten Weltkrieg ihren absoluten Gipfel erreicht (und dann bis in die 1990er Jahre nicht mehr verlassen) hat.

Zumindest für die Entfremdungs-Rhetorik, die seitdem die Literatur explizit oder implizit prägt, trifft das tatsächlich zu. Wie wenig diese Rhetorik selbst von konkreten Analysen negativer gesellschaftlicher und technischer Entwicklungen abhängt, lässt sich schon daraus ersehen, dass seitdem dieser Gipfel der „Entfremdung” bei jedem neuen technologischen Schub, bei jeder bedrohlichen politischen Entwicklung mit immer denselben Formeln von neuem ausgerufen wird. Der Befund und das Lebensgefühl der „Entfremdung” erscheinen somit weniger als unausweichliches Resultat objektiver Prozesse, sondern als Prämisse des tragische Konzepts „absoluter Subjektivität”, das (nicht nur) die Literatur der Epoche prägt.  Zu dieser Prämisse stellen sich dann von Fall zu Fall jeweils aktuelle Begründungen ein: von der Atombombe bis zum Zwischenlager in Gorleben, vom Waldsterben bis zum Internet, vom Kalten Krieg bis zur Neuen Weltunordnung, von den „geheimen Verführern” (d.h. den im nachhinein geradezu rührenden Werbespots der 50er Jahre) und den „Massenmedien“ bis zum Internet und zur virtuellen Realität, vom Zeitalter der Kybernetik bis zum Informationszeitalter usw.

Es ist bezeichnend, dass der Begriff „Entfremdung” selbst erst in den 50er Jahren aus dem theoretisch spezifischen in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist. Zuvor war nicht von „Entfremdung” die Rede, sondern von der „Krise der modernen Existenz” (und kaum vom „Subjekt”, sondern von „dem Menschen”). Diesen „Jargon der Eigentlichkeit“ (Adorno), dem eine mehr-als-subjektive, letztlich metaphysische Perspektive zugrunde lag, löste nun – nicht zuletzt unter dem Einfluss von Gehlen und Adorno – eine soziologisch fundierte Terminologie ab, die alle ‚existenziellen’ Verhältnisse in ein extremes Spannungsverhältnis von ‚Subjekt’ und sozialen ‚Superstrukturen’ übersetzte. Ein ähnlicher Befund (dass der moderne Mensch heillos entfremdet sei) wird nun auf ein grundsätzlich anderes Denksystem bezogen. Trotz dieses Paradigmenwechsels, der um 1950 einsetzte und um 1960 abgeschlossen war, blieben aber Elemente der im Kern metaphysischen Denkfigur von der „Krise der modernen Existenz” durchaus noch unterschwellig wirksam. Und das gilt nicht nur für den deutschsprachigen Raum, wie aus einem Aufsatz Umberto Ecos von 1962 hervorgeht:

„Eine bekannte Kolumnistin schrieb unlängst, dass man sich binnen kurzem, wenn einen der Drang überkommen sollte, das Wort ‚Entfremdung’ auszusprechen, den Mund werde zuhalten müssen, weil die Sache furchtbar altmodisch erscheinen werde, jedem Leser des letzten Bestsellers vertraut – ein Modewort von geringem Gewicht, das zum Repertoire jedes modernen Bouvard und Pecuchet gehört.” (Eco 1977: 237)

Im Folgenden versucht Eco den empirischen und den eigentlichen Sinn des Begriffs herauszuarbeiten und einander gegenüberzustellen:
„Bestimmen wir kurz den Sinn des Terminus: Entfremdung bedeutet […] sich in irgendeiner Beziehung zu einem anderen machen und also gegenüber irgend etwas nicht mehr handeln, sondern von etwas, das nicht mehr wir sind, agiert werden. Nun steht beim Missbrauch dieses Ausdrucks oft folgende Überzeugung im Hintergrund: dass nämlich, was uns agiert und von dem wir abhängen, etwas uns völlig Fremdes sei, eine feindliche Macht, die aus einem völlig anderen Bereich auf uns einwirkt […]” (ebd.)

Eco besteht demgegenüber auf einer Definition von „Entfremdung”, die ungefähr der entspricht, die oben (im Abschnitt über den Begriffskomplex „Subjekt” / „Entfremdung” / „Moderne”) gegeben wurde: Subjekt sein heißt, sich zu entfremden.

Die Folgerungen, die er nun daraus zieht, sind aufschlussreich und gerade auch für die ‚moderne’ Literatur der Epoche relevant. Tatsächlich gebe es grundsätzlich zwei Arten von Entfremdung (238f.): die auf politischem Weg prinzipiell überwindbare Entfremdung zwischen dem Subjekt und der „Welt der Dinge und gesellschaftlichen Beziehungen” (der marxistische Begriff) und die nicht in der Praxis, sondern nur im geistigen Erkenntnisakt überwindbare Entfremdung zwischen (geistigem) Subjekt und den (materiellen) Produkten seiner Entäußerung (der hegelianische Begriff).

Eco lehnt nun jeden Versuch ab, einen Begriff im anderen aufzulösen – Resultat ist eine Art von Meta-Dialektik, die typisch ist für die Epoche insgesamt. Demnach hat es nämlich die ‚engagierte Literatur’, die aber eine Literatur zweiten Ranges ist, mit der ersten Form von „Entfremdung” zu tun, die eigentliche Literatur jedoch, die nicht Mittel zum politischen Zweck ist, sondern ein Erkenntnisinstrument aus eigenem Recht, mit der zweiten Form. Wenn man somit also nicht Sartres Plädoyer für die ‚engagierte Literatur’ folgt, muss man natürlich eine ‚moderne’, kritische Literatur, deren Thema weiterhin die Subjektivität ist, sorgfältig  abgrenzen von einer traditionellen, eskapistischen Literatur, die eine autonome Welt des schönen Geistes beschwört.

Genau um diese Abgrenzung geht es Eco eigentlich in seinem Aufsatz, der „Form als Engagement” überschrieben ist – aber ebenso bereits Barthes, dessen Essay „Au Degré zéro de l’Ècriture’ (1953) gegen Sartres Konzept einer ‚engagierten Literatur’ gerichtet war, und in der Folge dann auch den progressiven deutschsprachigen Autoren der 60er Jahre wie Jürgen Becker und Peter Handke.
Die Literatur hat es laut Eco mit einer Entfremdung zu tun, die „als eine Struktur der Existenz gelten” dürfe (1977: 243): „In diesem Sinne sind wir, allein dadurch, dass wir leben, arbeiten, produzieren und zu Anderen in Beziehung treten, in der Entfremdung.” (244) So sei „selbst die Beziehung zweier Menschen, die sich lieben, eine entfremdende Beziehung […], da jeder der beiden in sie so eingeht, wie er in der Vorstellung des Anderen ist” (243).
Es ist kein Zufall, dass dieses Problem von Liebe und Entfremdung das Hauptmotiv im Werk Max Frischs ist, des ersten Vertreters einer modernen deutschsprachigen Tagebuch-Literatur nach 1950. Und auch Frischs Konzept der Zeitgenossenschaft, das die solipsistische Subjektkonzeption ausbalancieren soll, findet sich bei Eco: Es sei nämlich falsch, die unüberwindbare Entfremdung zum Vorwand für einen tragischen Defaitismus zu nehmen, der es dem Literatur schaffenden bzw. rezipierenden Subjekt erlaubt, sich aus der ‚falschen Moderne’ auszukoppeln. Die Flucht aus der schmerzhaften Dialektik, die das Leben selbst (und letztlich die reale Gestalt der Subjektivität) ausmacht, sei selbst schon ein Symptom der Entfremdung. Das gelte auch für die Verkünder des „Absurden”: „Und das Absurde ist nichts anderes als die dialektische Situation, gesehen von einem Masochisten.” (245)

Was also fordert Eco? Wie kann das Subjekt seine Autonomie behaupten, das gefangen ist in Strukturen der Entfremdung, die zum Teil überhaupt und zum anderen Teil jedenfalls in der gegebenen historischen Situation auf absehbare Zeit unaufhebbar sind? Und wie entgeht es dabei der Versuchung, sich auf eine weltabgewandte falsche Subjektivität zurückzuziehen? Die Lösung ist dieselbe, die Adorno propagiert und Frisch in seinem Tagebuch 1946 – 1949 praktiziert: das „offene Kunstwerk” im allgemeinen bzw. eine entsprechende Literatur neuen Typs.
In der „Situation des modernen Menschen” (auch Eco übernimmt diese Formel aus dem Bestand des Existentialismus), in der Situation allumfassender Entfremdung und Kommunikationslosigkeit also, hat die Literatur, die Anspruch auf Modernität erhebt, zwei mögliche Funktionen, die beide zugleich charakteristisch sind für die moderne Tagebuch-Literatur:

Zum einen ist sie der Ausdruck der modernen Subjektivität, die angesichts der unaufhebbaren „Entfremdung” nur noch das Schreiben hat, um sich im doppelten Sinn des Wortes zu behaupten. Damit wird zugleich die Entfremdung kritisch konstatiert. Das entspricht in etwa Adornos Interpretation der ästhetischen Moderne.

Zum anderen, und das ist ebenfalls für die Tagebuch-Literatur relevant, ist sie nicht nur Symptom und Analyseinstrument, sondern hat auch einen utopischen Aspekt. Die neue, nach 1950 entstehende ‚moderne Literatur’ bezieht sich nicht mehr auf eine mögliche Welt, die außerhalb der Literatur zu verwirklichen wäre, sondern sie ist der Ort der Utopie selbst: ein „Spielfeld, auf dem anderes und immer anderes möglich ist” (Peters 1993: 57, mit einer Wendung, die beinahe wörtlich in Frischs Tagebuch 1946 – 1949 auftaucht). Damit postuliert man auch eine immer andere Subjektivität, vorausgesetzt, man vergisst nicht, den Spielcharakter des „Schreibens” zu reflektieren und in den Text einzubauen, um ihn so offen zu halten – und „Offenheit” ist denn auch, wie sich zeigen wird, in der Literatur seit 1950 ein allgegenwärtiges Schlüsselwort, das immer schon die unterschwellige Präsenz der mythischen Denkfigur der „Entfremdung” und des damit verbundenen literarischen Paradigmas anzeigt.

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