6 „Diaristische Aufzeichnungen”: Momente, Reflexe und Augenblicke der Sprache

„Diaristische Aufzeichnungen” nenne ich den dritten Prototyp diaristischen Schreibens, der vielleicht erst in der Zeit nach 1950 wirklich entsteht und von da an jedenfalls seine Blüte erlebt. „Aufzeichnung” ist ein Begriff, den erst Ludwig Hohl und dann Elias Canetti als eigenes Quasi-Genre eingeführt haben und der nicht einfach identisch ist mit den traditionellen Etiketten „Fragmente”, „Aphorismen” oder „epigrammatische Prosa”.

Hohl beteuert einerseits seine „Abneigung gegen alles, was sich dem Charakter eines Journal intime nähert, ja gegen jedes Tagebuch”, andererseits lehnt er auch das Verfahren der „meisten Autoren” ab, die „die Allgemeingültigkeit ihrer Sätze und ihres Werks dadurch [meinen] sichern zu können, dass sie das Geschaffene von allen Fäden befreien, die es mit einem persönlich Erlebten verbinden” (Hohl 1977: 110)  Die Aufzeichnungen sollen einerseits nicht „abstrakt” sein, sondern das subjektiv Erlebte als Hintergrund durchscheinen lassen, andererseits jedoch „allgemeingültig” und nicht subjektivistisch:

Ein Fragment persönlichen Erlebens, in eine solche Distanz gestellt, so gehandhabt, dass aus ihm ein Blitz – ein Bild, ein Gedanke – brechen kann, und wenn dieses Hervorbrechen wichtiger geworden ist als das, was sich zugetragen hat […], dann ist das Dargestellte objektiviert.  (110f.)

Das Schreiben, das solches hervorbringt, ist dabei nicht im eigentlichen Sinn seismographisch, die „Aufzeichnungen” im Sinne Hohls sind nicht bloße Bruchstücke der Zickzackspur der Subjektivität (diese Funktion weist er der „Korrespondenz” zu). Hier senkt sich der Griffel „mit ruhiger Präzision […] auf das Papier” (127).

All das charakterisiert sehr gut den Charakter der „diaristischen Aufzeichnungen” überhaupt, aber Hohls „Aufzeichnungen” sind nicht diaristisch. Sie sind nicht datiert, sondern lose zu Kapiteln zusammengefasst, mit Titeln wie z.B. „Distanz des Sehens” und „Bild und Wirklichkeit”. Anders ist das bei Canetti, der sich in „Das Geheimherz der Uhr. Aufzeichnungen 1973 – 1985” ausdrücklich auf Hohl bezieht. Seine „Aufzeichnungen” sind nach Jahren geordnet, also eigentlich eher annalistisch als diaristisch, aber sie erfüllen immer noch die grundlegende Anforderung an diaristische Texte: Sie werden als ‚authentische’ Äußerungen Zeitpunkten im Kontinuum  der ‚objektiven’ Systemzeit bzw. der (hier extrem langwellig aufgefassten) subjektiven Zeit zugeordnet.

Diese ‚Zeitpunkte’ sind erst einmal die einzelnen Jahre, aber der Leser liest unwillkürlich auch die einzelnen Aufzeichnungen als Glieder einer zeitlichen Folge, weil ein erkennbares inhaltliches Gliederungsprinzip fehlt. Damit handelt es sich hier, anders als bei Hohl, nicht mehr nur um synchrone Äußerungen einer zeitlos gedachten Subjektivität, sondern um Bruchstücke aus dem unendlichen „Prozess des Schreibens”, der „einzigen Niederschrift” (Canetti 1987: 7). Und diese Bruchstücke sind nicht, wie im Fall des subjektiven Journals (das bei Canetti „Tagebuch” heißt), repräsentative Ausschnitte des Schreibstroms, der die ganze alltägliche Subjektivität repräsentiert, sondern Fragmente im eigentlichen Sinn:

„Vielleicht sollte man noch betonen, dass diese Aufzeichnungen keine Tagebücher sind. […] Tagebücher dienen dazu, die Kontinuität eines Lebens vorzuführen. […] Die Aufzeichnungen leben dagegen aus ihrer Gegensätzlichkeit und Spontaneität  […] Die Sprünge zwischen ihnen sind das Wichtigste […]” (8f.)  Durch dieses Editionsverfahren, das die Diskontinuität betont, wird gerade die Begrenzung der subjektiven Identität aufgesprengt, ohne aber den subjektiven Bezug ganz aufzugeben: „Er [der Schreiber] schreibt Dinge nieder, die er nie in sich vermutet hätte, die seiner Geschichte, seinen Überzeugungen, selbst seiner Form widersprechen, seiner Scham, seinem Stolz und seiner sonst hartnäckig verteidigten Wahrheit.” (52)  (Dem außenstehenden Leser erscheint der Inhalt nicht ganz so dramatisch: Im Wesentlichen handelt es sich um Maximen, Aphorismen und gelegentliche Essaysplitter, die einem Thema oder einer literarischen Figur gewidmet sind.)

Den Aufzeichnungen geht es also um eine Art ‚objektive Subjektivität’, die sich in besonderen Augenblicken der Erkenntnis bzw. in momentanen Schreibakten realisiert und verschieden ist von der alltäglichen und profanen ‚subjektiven Subjektivität’ des Journals. Diese ‚objektive Subjektivität’ korrespondiert auf schwer zu fassende Weise mit einer ‚subjektiven Objektivität’, d.h. einer substantiellen  Wahrheit, zu deren Wesen es gehört, dass sie nur in kurzzeitigen subjektiven Erkenntnisakten fassbar ist und außerhalb ihrer eigentlich keine eigene Existenz hat.
Diese paradoxe Grundfigur ist überhaupt typisch für diaristische Texte vom Typus der modernen „Aufzeichnungen”, die das aufbewahren, was Karl Heinz Bohrer (1981: 180ff.) „Utopie des Augenblicks” nennt und als Grundstruktur ‚moderner’ Literatur seit der Romantik begreift.

Im 20. Jahrhundert geht der Bezug auf eine metaphysisch-objektive Wirklichkeit verloren, der den Fragmenten von Schlegel und Novalis noch zugrunde lag. Dennoch bleibt etwa bei Proust, Joyce und Musil ein objektiv-utopischer Verweis über das subjektive Hier und Jetzt hinaus bestehen: Der „magische Augenblick” (den Joyce „Epiphanie” nennt) sprengt immerhin noch „den Rahmen der reinen Punktualität”, wie Undine Gruenter (1995: 34) in ihrem Tagebuch feststellt: „[…] im einen Fall [Proust] durch Erinnerung, durch Aufleuchten eines Vergangenen, im anderen Fall [Joyce] – vergleichbar jener von Benjamin so bezeichneten profanen Erleuchtung bei den Surrealisten – durch Antizipation, durch Aufleuchten von Zukunft”. Obwohl dieser Augenblick sich nun „als reines Bewusstseinsereignis des Subjekts” verwirklicht, verweist er doch auf eine überzeitliche und damit eben doch übersubjektive Wahrheit, die allerdings nicht mehr objektiv-metaphysischer, sondern subjektiv-ästhetischer Natur ist. Das gilt noch für Hohl und z.B. für Ernst Jüngers diaristische Metaphysik, aber immer weniger für die Diaristen nach 1950, deren Situation Gruenter so beschreibt:

Wie nun jenen zerschlagenen Rest, jene Reduktion auf den Kern des Augenblicks selbst beschreiben, der dem heutigen Subjekt allein übrig blieb? Erinnerung und Entwurf als utopisches Denken sind zertrümmert, der Augenblick als Bewusstseinsereignis abgeschnitten, isoliert von ähnlichen in Vergangenheit und Zukunft, verkörpert nur sich selbst, ohne Verbindung auf dem Zeitstrang, kommt aus dem Nichts, fällt ins Nichts – und ist doch in dieser nur noch auf sich selbst verweisenden Form als der Zustand der höchsten Selbsterfahrung das einzige kostbare Zeichen vom geretteten Rest der Subjektivität. (34)

Die diskontinuierlichen Augenblicke, um die es den diaristischen Aufzeichnungen eigentlich geht, lassen sich im Tagebuch in mehrere Ebenen aufspalten:

(a) die im Text als ‚erlebt’ geschilderte Epiphanie der Ich-Figur, in der eine emphatisch gesteigerte unalltägliche ‚Subjektivität’ sich manifestiert (wobei die Sprache nur der Vermittlung dienen soll);

(b) die im Text vom Tagebuch-Ich bewusst geschilderte und reflektierte Epiphanie (die erst gedanklich als solche isoliert, in ihrem Erkenntnisgehalt identifiziert und in einen spannungsvollen Bezug zur kontinuierlichen Normalzeit des Normalsubjekts gesetzt wird);

(c) die sprachlich formulierte Epiphanie, die üblicherweise gleichgesetzt wird mit dem Reflexionsakt, tatsächlich aber eine eigene Ebene bezeichnet (insofern die Epiphanie eigentlich erst im Schreibakt erzeugt wird).

Diese drei Dimensionen der diaristischen Aufzeichnung (Erlebnis/Erfahrung/ Wahrnehmung, Erkenntnis und Sprache) sollen in einer idealtypischen „Aufzeichnung” möglichst in eins fallen. Zu ergänzen ist aber eine Ebene, die im Sonderfall des Tagebuchtextes dessen Bestandteil ist (und nicht, wie etwa in einem Roman, den ‚Rand’ des Textes markiert): In der sprachlichen Objektivierung der ‚erlebten’ Epiphanie ist ein Rezeptionsakt als ästhetische Epiphanie angelegt, ein ‚Appell an den impliziten Leser’, der ja im Sonderfall des Tagebuchtextes selbst als ‚Figur zweiter Ordnung’, als sich selbst lesender Schreiber, anwesend ist und der im ästhetischen Erleben des Textes einer ‚tieferen’ Wahrheit (oder jedenfalls ihrer Möglichkeit) inne werden soll.1

In der Praxis liegt der Schwerpunkt einer Aufzeichnung (und oft auch des ganzen diaristischen Textes) jeweils auf einer Dimension. Rudolf Bayr (1983) betitelt etwa seine Aufzeichnungen „Momente und Reflexe”, womit der Akt der sinnlich erlebten/erfahrenen Wahrheit („Moment”) und des philosophischen Gedankenblitzes („Reflexe”) gut bezeichnet sind. Zu den „Reflexen” zählen an sich auch Aphorismen, und epigrammatische Prosastücke, die sich nicht selten in diaristischen Texten finden, aber dort wird zugleich schon die dritte Dimension deutlich, die in Bayrs Titel fehlt: Die sprachliche Formulierung oder, wie Handke (1977: 6) sagt, der „Sprachreflex” auf den „Moment des Erlebnisses”, der dann möglichst unmittelbar „aufgezeichnet” werden muss (weshalb auch die Bezeichnung „Notate” in den letzten zwanzig Jahren immer beliebter geworden ist).

Bei Handke wird aber auch die grundlegende Unklarheit deutlich, die daraus folgt: Ist dieser „Augenblick der Sprache” eine bloße Reaktion auf einen solchen „Moment” oder ist umgekehrt der erlebte Moment, der aus dem profanen Alltag herausgehoben und in sich bedeutungsvoll ist (und wenn er nichts anderes bedeutet als ‚Intensität des nicht auf gedanklichen Sinn reduzierbaren Erlebens’), nur ein letztlich zufälliger und beliebiger Anstoßpunkt für einen emphatischen Sprech- oder Schreibakt, der diesen „Moment” dann eigentlich erst im nachhinein hervorbringt?

Diese Ambivalenz schwingt seit 1950 in den „Aufzeichnungen” zunehmend mit und wird gelegentlich selbst thematisiert. Nicht nur Handke entschärft sie dadurch, dass er „der Sprache” eine emphatische und übersubjektive Qualität zu spricht, die losgelöst ist von dem objektiv profanen Ursprung der sprachlichen Äußerung aus der „täglich gehörte[n], vor Vertrautheit nichtssagende[n], hilflose[n] ‚Du weißt schon, was ich meine’- Sprache des Kommunikations-Zeitalters” (6).

Ebenso verhält es sich im Prinzip mit einer aphoristischen Wendung: Das ‚Schlagende’ und d.h. eigentlich der Wahrheitsgehalt einer aphoristischen Wendung ist ein rein sprachliches Ereignis, das erst in einem zweiten Schritt gedanklich eingeholt werden kann, und sich, zugegeben oder nicht, auf eine Art ‚Genius der Sprache’ etwa im Sinne von Karl Kraus beruft. Beispiele für diaristische „Reflexe” im Sinn von Gedankenblitzen finden sich in fast allen Tagebüchern eingestreut. Vorherrschend sind sie, außer bei Canetti, etwa in Hartmut Langes „Tagebuch eines Melancholikers. Aufzeichnungen der Monate Dezember 1981 bis November 1982” (1983 / 1987).

Dort finden sich neben Aphorismen v.a.  zahlreiche Essaysplitter, die regelmäßig mit einem apodiktischen Satz beginnen: „Das wissenschaftliche Denken ist …” oder „Die Entwicklung des Selbstgefühls ist …” . Anknüpfungen an erlebte Momente sind selten, und wenn es sie gibt, dann führen sie gleich in medias res  („Vor ein paar Tagen unterhielt ich mich mit einem Bekannten über das Phänomen der existentiellen Angst …”) oder werden auf beinahe groteske Weise von philosophischen Überbauten überwuchert (so führt z.B. ein Blick auf die angeleinten Hunde von Spaziergängern im Grunewald zu einer grundsätzlichen Betrachtung, die nicht ohne ausführliche Bezüge auf Langes Lieblingsphilosophen Schopenhauer und Nietzsche auskommt).

Man fragt sich natürlich, welche Funktion dann die diaristische Struktur überhaupt noch erfüllt, da es ja an sich gleichgültig ist, in welcher Reihenfolge Langes Erleuchtungen kommen. Tatsächlich wird sie allein im Titel signalisiert und dient nur dazu, sie erstens als spezifische Antworten auf eine historische Situation der Gesellschaft und der Kultur auszugeben (den vorläufigen Höhepunkt des „Zeitalters der Massenkommunikation”) und zweitens den formalen Anspruch auf eine Nietzsche nachempfundene Haltung zu wahren, die Lange im Text allerdings nur theoretisch postuliert und nicht praktisch einlöst: „jene Sensibilität, die alle Eindrücke, alle Verwicklungen, die sie mit der Welt erfährt, ungefiltert wieder von sich gibt, statt sie, wie die Philosophie es fordert, in einem System zu ordnen, wo sie dann allerdings mit ihrer Unschärfe auch ihre Tiefe und Totalität verlieren würden”. (1987: 18)

Nietzsche sei, so schreibt er anderer Stelle, eigentlich „ein reflektierender Poet”, dessen Fragmente subjektiv gefärbte „Reflexe auf die Umwelt” darstellten (28). Tatsächlich dürfte die Neigung vieler moderner philosophischer Denker zum Fragment im Allgemeinen (etwa Wittgenstein) und zu einer vage diaristischen Struktur im Besonderen (etwa in Adornos annalistisch organisierten Fragmenten „Minima Moralia. Aufzeichnungen aus dem beschädigten Leben”) wesentlich von Nietzsche angeregt worden sein.

Der Charakter der „Momente” überwiegt dagegen da, wo die gedanklichen und sprachlichen Mittel eingesetzt werden, um die Besonderheit dessen herauszuarbeiten, was je nach Autor und kulturelle Phase als „Erlebnis”, „Erfahrung” oder „Wahrnehmung” bezeichnet wird. („Erlebnis” betont den subjektiven Anteil, „Wahrnehmung” die Objektivität eines Vorgangs, bei dem der emotionale und sinnliche Apparat nur Medium sein soll, „Erfahrung” steht irgendwo dazwischen.) Auch solche Momente, in denen der Alltag für einen Augenblick ‚poetisch’ wird, finden sich in fast allen Tagebüchern, besonders gern natürlich in Reisetagebüchern.

In Handkes „Das Gewicht der Welt” machen sie einen wesentlichen Teil der Einträge aus, z.B.: „Schöner Moment, als ich fast gerührt der Essensgeruch in meiner Wohnung wahrnahm (gerührt, obwohl der Geruch nicht einmal von mir stammte)” (Handke 1977: 59).

Handke ist besonders darum bemüht, solche Momente von ihrer Einbettung in Sinnstrukturen (als von ihrem „Reflex”-Charakter) zu befreien, aber diese Befreiung von Sinnhaftigkeit ist natürlich selbst wieder ein sinnvolles Statement. Besonders deutlich macht das Peter Glotz, der in „Die Innenausstattung der Macht. Politisches Tagebuch 1976 – 1978” (1979), einer Kreuzung aus Logbuch und Reflexions-Journal, einen „Moment” gezielt einmontiert, um die Sensibilität des ansonsten rastlos denkenden und schaffenden Politikers anzudeuten:„Irgendwann sehe ich aus dem Fenster. Für den Flügelschlag der dicken Krähe, die durch den Fensterausschnitt fliegt, sehe ich, woran ich Tag für Tag blicklos vorbeilaufe: die Isar, breit und hell, ein Stück Widenmayerstraße, Bäume, einen Ausschnitt Himmel.”

Im Übrigen ist natürlich der sinnliche „Moment” um so weniger sinnfrei, desto ausführlicher er geschildert wird. Wenn etwa Uwe Timm in „Vogel, friss die Feige nicht. Römische Aufzeichnungen” (1989) den Kauf einer Feige auf dem Obst- und Gemüsemarkt beschreibt, dann steht dieses Erlebnis unmissverständlich für die „Sinnlichkeit” als solche, kulinarische und sexuelle. An anderer Stelle spricht er die finstere Entschlossenheit des zivilisationsgeschädigten Kopfmenschen offen aus, „Momente” zu erleben, die seit jeher mit Italienaufenthalten bzw. überhaupt mit Reisen in südliche Gefilde verbunden ist: „Der Wunsch, dass hier noch einmal alles deutlicher, schärfer und genauer werde.” (Timm 1989: 55 –  prompt folgt die erneute Beschreibung einer Markthalle.)

Wie bereits angedeutet sind „Momente” und „Reflexe” auch da nicht von ihrer sprachlichen Formulierung unabhängig, wo diese sich nur  als das passende und zur rechten Zeit ‚gefundene’ Wort präsentiert. Ob die sprachliche Qualität als bedeutsam und eigenständig empfunden wird, hängt letztlich einmal vom literarischen Code der Kultur ab, der der Text entstammt und die durch mehr oder weniger verdeckte Signale in ihm präsent ist, und zum anderen von der Kultur eines empirischen Lesers, der sich mit diesem Text befasst.

Im Großen und Ganzen steigt die Aufmerksamkeit für die besondere sprachliche Qualität einer Aussage und ihre Folgen für den ‚Inhalt’ im 20. Jahrhundert an, vor allem natürlich seit dem großen ‚linguistic turn’ zwischen ca. 1950 und 1960. Dennoch – obwohl also das kulturelle Bewusstsein dafür (und sei es noch so vage) zunehmend vorausgesetzt werden muss, wird  in den meisten Tagebüchern und Aufzeichnungen nach 1950, auch wenn sie von ausgewiesenen Literaten stammen, der Einfluss des Schreibakts auf die vermittelte ‚Wirklichkeit’ ebensowenig reflektiert wie zuvor. Es scheint, als seien diese Erkenntnisse allein auf ‚echte’ und ‚künstliche’ Literatur beschränkt.

Der als Sprachexperimentator bekannt gewordene Ludwig Harig z.B. muss in seinem „römischen Tagebuch” („Die Laren der Villa Massimo”, 1986) damit rechnen, dass ein „Moment” wie der folgende nicht als ‚unmittelbare’ Schilderung eines ‚authentischen’ Erlebnisses aufgefasst wird, sondern als gespeicherter Sprachreflex, destilliert aus unzähligen Italienbüchern (die er zum Teil selbst zitiert), den es bei irgendeinem ‚wirklichen’ Vorwand aufs Papier drängt: „Es ist Mittagszeit, Pans Stunde, wir sitzen auf den Mauerresten der Villa d’Orazio, tief in den Bergen Latiens. Ein paar Katzen streichen auf den Mauern entlang, die Zypressen sind hoch und schlank und werfen einen lanzenförmigen Schatten […]” (Harig 1986: 105).

Nun gibt es dort sicherlich Katzen und Zypressen, und doch gibt sich ein Satz, der mit „Es ist Mittagszeit, Pans Stunde …” beginnt, willentlich oder nicht als sprachliches Konstrukt zu erkennen, das nur noch daraufhin überprüft werden muss, ob es sich etwa um ein ironisches Sprachspiel handelt. Die Antwort ist im Fall Harigs erstaunlicherweise ein zweifelsfreies Nein. (Und einen Tag später schildert er dann ebenso arglos und behaglich ein Essen mit dem avantgardistischen Sprachspieler Pastior.)

In nicht wenigen Tagebüchern, z.B. im „Nicaraguanischen Tagebuch” von Franz Xaver Kroetz (1985), sind dagegen Gedichte eingestreut, die die Eigenständigkeit des „Sprachreflexes” gegenüber dem, was ihn auslöst, unmissverständlich markieren und als Stilmittel einsetzen:

Von Hunden verbellt / ging ich heut nacht / durch die buckligen Straßen / von Ocotal. // Hähne krähten / durch die Stadt. / Ich erschrak / über ein galoppierendes Schwein. / An graffitity-verschmierten Hauswänden / lehnte die Nacht. / Niemand kümmerte sich um mich. / Ich roch an einer ausgehenden Feuerstelle. / Aber heute bleibt der Wind / In den Hügeln hocken. // […] (Kroetz  [1985]: 121)

Der Kontrast zur betonten Alltagsprosa um das Gedicht herum, die zum Typus des ‚subjektiven Journals’ gehört, betont noch zusätzlich die Sonderstellung dieser lyrischen „Aufzeichnung”. (Die eigentliche Dimension der Wirklichkeit, auf die sie verweist, ist hier die besondere Sprachmächtigkeit des künstlerischen Subjekts, die durch die Reise wiedergewonnen werden sollte.) Im Tagebuch in Gedichten (etwa Jürgen Beckers „Erzähl mir nichts vom Krieg”, 1977) besteht dann der ganze Text aus ‘Sprachreflexen’, die dabei aber wie der Text von Kroetz so nah an der Alltagssprache bleiben müssen, dass sie noch als ‚Aufzeichnung’ gelten können und somit das diaristische Postulat authentischer Unmittelbarkeit wahren.

Voraussetzung hierfür ist neues Lyrikverständnis, das sich nach 1970 entwickelte, nach dem (angeblichen) ‚Tod’ der alten, bedeutungsvollen Hochliteratur. Tagebuchaufzeichnungen in Gedichtform und Gedichte in Tagebuchform sind ein Phänomen der siebziger Jahre, das auf unterschiedliche Weise auch von Autoren wie Brinkmann, Born, Theobaldy und Michael Krüger kultiviert wurde. Davon zu unterscheiden sind die Gedichte, die etwa in den Tagebüchern von Rühmkorf und Sarah Kirsch gelegentlich als geschlossene poetische Texte, d.h. als „Kunstwerke” und nicht als diaristische „Aufzeichnung” eingefügt sind und gewissermaßen vom Tagebuch-Ich zitiert werden.

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